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in memoriam

Nachwort zu «Baum der Käuze» Hansjörg Viesel, 1991

Nachwort. In: Herbert Fritsche: Baum der Käuze. Gedichte, Briefe, Aufsätze. Herausgegeben von Hansjörg Viesel. Berlin: Corvinus Presse, 1991.

Zum Gedächtnis Herbert Fritsches Ernst Kalass (John Uhl), 1967

Sonderdruck aus "Naturheilpraxis", 20. Jahrgang, Heft 5/1967, Seite 179-180

Ein deutscher Forscher und Dichter:

Magier der Einsamkeit und Stille Fr. Friedbert, 1961

Sonderdruck aus »Naturheilpraxis«, Nr.6/1961

Magier der Einsamkeit und Stille  Fr. Friedbert¹

Zum 50. Geburtstag und 1. Todestag Dr. Herbert Fritsches

Wiederum, wie alle Jahre um diese Zeit der Sommer­sonnenwende, versprühen die großen weißen Dolden des blühenden Holunders freigebig ihren betäubenden Duft, öffnen die rosa- bis zartroten Blüten der Heckenrose die Kelche. Aber diesmal sind es Kelche der Bitterkeit, und der berauschende Geruch frischen Hollers hinterläßt ein dumpfes Gefühl, bestätigt eine bedrückende Gewißheit: ein volles Jahr mit seinem geheimnisvollen Ablauf ist schon wieder verstrichen, seit der große esoterisch bestimmte Kenner dieses kosmischen Wallens, Herbert Fritsche, „hinüberging zum anderen Ufer" – um mit seinen eigenen Worten zu sprechen, die er einst dem von ihm geschätzten und verehrten Dr. Hermann Eduard Sieckmann gewidmet hat.

Doch bleibt die Bedrücktheit nur dem, der den irdisch vergänglichen materiellen Bereichen verhaftet ist – somit vergessend, daß nur jene sterbliche leibliche Hülle dahingegangen ist, die er selbst als „miserabel" bezeichnete und die seinem genialen Geiste längst zu eng und brüchig geworden war. Sprühend, wie das ihn beherrschende Element Phosphor, ist er verbrannt, damit sich selbst und seinem Wesen bis in den Tod hinein treu bleibend – wie Dr. Schmeer ihn in einem Nachruf so schön und treffend charakterisierte.

In der Tat ist mit der Erinnerung an Herbert Fritsche untrennbar jenes großartige Feuerwerk des Sprühens und Versprühens verbunden. Mit hinreißendem Schwung und stets spitzer Feder wußte er dem Gegner in oft vernichtender Weise unbarmherzig beizukommen oder in subtilsten Wendungen den manchmal hintergründigsten Problemen eine begriffliche Form zu verleihen – „heilsame Wortmagie" pflegte er dazu selbst zu sagen. Noch viel mehr konnte er, der Wortgewaltige, seine Zuhörer durch den gesprochenen Vortrag oder im persönlichen Gespräche bannen. Gleich, ob mit schneidender Schärfe bis hin zum Zynismus – wenn es sein mußte – oder mit anfeuernder Begeisterung bis zum überschäumenden Enthusiasmus, stets blieb er in Wort und Schrift ein letztlich beglückendes Erlebnis – weil man an ihm den Prozeß des Schöpferischen in seiner reinsten Bedeutung erleben konnte, „Schöpfen" als „in die Tiefen gehen" und „bis zum Urgrund vorstoßen".

Damit wird ein Wesenszug dieses Mannes bloßgelegt, der ihn vor anderen Zeitgenossen auszeichnete. Zu seiner Art gehörte es aber nicht nur, Wesentliches über die Dinge auszusagen – auch wenn dies für manches Ohr nicht sonderlich angenehm klingen mochte. Jener rätselhafte Urgrund mit seinen oft verhängnisvollen Tiefen war Grundlage und Gegenpol zugleich zu den lichten Höhen, auf deren schmalen Graten er einsam und unerreicht dahinschritt. Was Wunder, wenn solch ungeheure Spannweite nicht nur das Letzte von ihm forderte, sondern ihn manchmal überforderte. Wer aber deswegen Herbert Fritsche mit herkömmlichen Maßstäben messen möchte – das darf heute schon mit Sicherheit gesagt werden –, geht an seinem Wesen vorbei und wird ihm niemals gerecht.

Als Grenzgänger, als absoluter Außenseiter – der aber gerade deswegen Wegbereiter in des Wortes bestem Sinne war – sind ihm Verkennungen, Vorwürfe, Gegnerschaften schon zu Lebzeiten nicht erspart geblieben. Wie wenig stichhaltig aber alle Argumente seiner Widerstreiter waren und sind, wird eigentlich erst jetzt nach seinem leiblichen Ableben vollends deutlich, wo sich, gewissermaßen von den Schlacken menschlichen, unvollkommenen Erdendaseins gereinigt und befreit, immer klarer und reiner das gewaltige hochstrebende Gebäude seines Geistes als ein Tempel der Humanitas heraushebt. Niemand hat mehr als er selbst gespürt und darunter gelitten, wie begrenzt menschliches Wirkungsvermögen letztlich immer ist und bleiben wird. Wenn er deshalb in seinem Testamente unerbittlich den Finger in die eigene Wunde legte, dann nicht im Sinne einer Selbst-Hinrichtung, sondern als zusammenfassender Abschluß eines Wissenden, Weisen, der – obwohl nach seinen Worten „nichts vollendet wurde in seinem Leben" – allein durch die Vielzahl der von ihm gegebenen Impulse, dennoch sagen konnte: „Es hat sich gelohnt zu leben."

Wenn wir darum in dieser Rückschau auf Herbert Fritsches Leben und Wirken – Wirken dabei als dynamisch-revolutionärer Prozeß gesehen – uns die Frage vorlegen, was er uns gegeben hat, so liegt in der Fülle jener von ihm ausgesandten Impulse eine so große Summe von Ansatzpunkten, daß es schon bei sachlich-nüchterner Sichtung schwer wird, zu trennen und zu scheiden. So fühlt sich allein der Verfasser dieser Zeilen veranlaßt, ja gedrängt, mit einem Ausdruck tiefsten, beglückenden Dankes freimütig zu gestehen, daß er selbst im Letzten Herbert Fritsche alles verdankt. Nicht im herkömmlichen, aus dem Lehrer-Schüler-Verhältnis sich entwickelnden dabei meist am Buchstaben ängstlich haftenden Sinne, sondern in echt Fritsche'scher Bedeutung einer Initialzündung als auslösendes Moment – wie er ja bekanntlich selbst von Hahnemann unmittelbar inspiriert wurde. Aber über derartige persönliche Würdigungen hinaus hat er uns allen zusammen so unendlich viel gegeben – denken wir an seine Sicht des Heilens als weit über begrenzte Therapieformen hinausreichendes kosmisches Heilsgeschehen, an seine Vorstellung vom Gesundwerden als Abrücken von der Sünde oder an seine Auffassung von der Gesundheit oder besser den Gesundheiten überhaupt.

Dort an solchen Punkten, die Grundsätzliches zum Inhalt haben, wird der Urgrund sichtbar, von dem ausgehend er sich im kühnen Höhenfluge emporgeschwungen hat, wie uns seine Auslegung der klassischen Homöopathie als unmittelbare Fortsetzung des Werkes ihres Schöpfers Samuel Hahnemann – insbesondere im Bereich der Hochpotenzen – beweist. Als ein Begnadeter, Eingeweihter, hat er damit die Linie derer fortgesetzt, die von dem Gutsbesitzer Cl. F. M. von Bönninghausen über den Postsekretär Arthur Lutze und den Zoologen Gustav Jaeger bis zu dem bereits genannten Studienrat Hermann Eduard Sieckmann herüber in unsere Gegenwart reicht. Daß es sich bei diesen genannten Meistern bis zu Herbert Fritsche ausschließlich um Außenseiter handelt, die sich vor ihrer Beschäftigung mit der Homöopathie in anderen, oft völlig entgegengesetzten Berufen betätigten und bewährten, sei durchaus nicht als Kuriosität nur am Rande erwähnt, sondern als sichtbares Zeichen dafür gewertet, daß die höchsten und letzten Bereiche der Heilkunst echter Berufung, innerer Weihe bedürfen, die nicht durch Geld und Gut zu erkaufen und nicht durch noch so viele und schöne Diplome, Titel und Berechtigungsurkunden zu ersetzen sind.

Wie Herbert Fritsche einmal sagte, „wenn einem Lyriker in einem ganzen Menschenleben nur eine einzige Strophe eines Gedichtes form- und ausdrucksvollendet gelingen würde, so hätte sich sein Leben als Künstlerleben trotzdem gelohnt", möchten wir diese bedeutsame Feststellung wie folgt abwandeln: Wenn er, der „begnadete Unvollendete", mit seinen zahllosen Anregungen in uns nur diese eine Erkenntnis von der notwendigen Begnadung echten heilerischen Geschehens erweckt hätte, wäre dies für den Berufsstand der Heilpraktiker im Blick auf die Zukunft eine nicht hoch genug einzuschätzende Bereicherung, die Herbert Fritsches Leben rechtfertigen würde. Und wenn wir uns im Anschluß daran die weitere Frage vorlegen, was er uns bedeutet, so dürfen wir voll Stolz und mit Bestimmtheit sagen: Der Außenseiter Fritsche war immer einer der Unseren als kühner, wagemutiger Wegbereiter und als entschlossener Bannerträger der Homöopathie, der Naturheilkunde und anderer nichtschulgerechter therapeutischer Sondermethoden, denen nach seiner Ansicht die Zukunft gehört.

So sehr wir uns aber der Bedeutung dieses furchtlosen Vorkämpfers auch immer bewußt sein mögen, ihn schätzen und ihm unseren Dank abstatten, bleiben wir damit in Halbheiten hängen – die den Ausgangspunkt zu jenen bereits erwähnten Fehleinschätzungen oder gar Abwertungen liefern –, sehen wir nur einen – wenn auch für uns gewiß wichtigen Teil seiner Persönlichkeit. So wie er selbst, der rastlos Suchende, bis zum Urgrund der Dinge vorstieß und diesen erhellte, so müssen auch wir versuchen, bis zu seinem Urgrund vorzudringen, insbesondere im Hinblick auf die Frage nach dem Warum. Gewiß nicht, um alltäglich-oberflächlicher, menschlicher Sensationslust und Neugierde zu frönen, sondern um ihn besser zu verstehen und um ihm damit jenen Platz zuzuweisen, der ihm tatsächlich gebührt.

Im tiefsten Inneren seines Wesens war Herbert Fritsche nämlich eigentlich gar keine Kämpfernatur. Viel mehr werden wir ihm gerecht, wenn wir in seinem Draufgängertum den Gegenpol, die Außenseite eines vollständig auf innere Schau – die natürlich in seiner bestechenden Art das Äußere samt den Äußerlichkeiten der materiellen Welt durchdringen und durchschauen mußte – ausgerichteten Menschen sehen, dessen schicksalhafte Gebundenheit darin lag, daß er sich sein Leben lang gegen die grobe Stofflichkeit der Materie zur Wehr setzen mußte. W. O. Roesermüller hat bereits darauf hingewiesen, wie sehr sich das eigentliche Wirken dieses durchgeistigten Menschen in der Stille und auf eine für den Nichteingeweihten geheimnisvolle Art vollzog – „heilsame Magie der Einsamkeit und Stille" könnten wir ihn hier selbst abwandeln. So ist es dem tiefer Schauenden durchaus verständlich, daß Fritsche, für den die Zahl Sieben eine große Bedeutung hatte, nach Vollendung des siebenten Jahrsiebens – d. h. nach Vollendung des 49. Lebensjahres – und als Lehrer der Homöopathie im 7. Kurs der Heilpraktiker-Fachschule in eine andere, ihm gemäßere Form des Seins hinüberging, um nur ein Beispiel zu nennen. Daß ihm solches Erkennen nicht nur beglückende Erleuchtung, sondern oft auch bedrückende Last und Bürde sein mußte, ist verständlich und erhöht für uns nur Wert und Bedeutung dieses großen weitsichtigen Geistes, der das Leben so durchschaute und darum auch so einsam war. Gesuchte und gefürchtete Einsamkeit zugleich, die man, samt dem, dessen Leben durch sie bestimmt wurde, etwa so beschreiben könnte:

Finstere Nächte
Herbert Fritsche gewidmet

Finstere Nächte,
mit Zweifeln erfüllt –
Hoffen und Sehnen bleibt
ungestillt.

Grübeln und Jagen
nach dem Sinn der Welt,
den keines Weisen
Geist noch erhellt.

Brodeln und Gären
wie ein Vulkan,
Brausen und Stürmen
gleich dem Orkan.

Bitten und Flehen
um Rast und Ruh'.
Kühlende Erde –
Heimatland du.

Herbert Fritsches Leib hat dieses sein Heimatland gefunden in der Mutter Erde, von der er kam und zu der er zurückkehrte. Sein Geist aber weilt unter uns. Das Gedenken an ihn soll nicht nur Anlaß sein, ihm unseren Dank zu sagen und den Willen zu bekunden, in seinem Sinne weiterzuarbeiten, sondern darüber hinaus Anlaß zur Besinnung auf uns selbst zu unserer heilsamen Orientierung im kosmischen Heilsgeschehen.

¹ Hinter dem Namen Fr. Friedbert (oft auch als Frater Friedbert bezeichnet) verbirgt sich kein klassischer Autor im herkömmlichen Sinne, sondern ein Pseudonym oder eine feste Rubrikbezeichnung, unter der in der Fachzeitschrift "Naturheilpraxis" (Pflaum Verlag) vor allem in den 1960er-Jahren praxisnahe Beiträge veröffentlicht wurden. "Frater Friedbert" trat in der Zeitschrift als eine Art erfahrener Ratgeber und Chronist der Naturheilkunde auf. Die Beiträge befassten sich häufig mit der Phytotherapie (Pflanzenheilkunde), historischen Heilmethoden und der praktischen Anwendung von Naturheilverfahren im Praxisalltag eines Heilpraktikers. Im Zeitgeist der 60er Jahre diente die Figur des Fr. Friedbert dazu, das Wissen der "alten Meister" der Naturheilkunde in die moderne Zeit zu retten und für die wachsende Zahl an Heilpraktikern in Deutschland aufzubereiten. Es gibt Hinweise aus der Fachhistorie, dass hinter solchen Pseudonymen oft namhafte Redakteure oder erfahrene Heilpraktiker der Nachkriegszeit standen, die ihre persönliche Erfahrung in einer volksnahen, erzählenden Weise weitergeben wollten.

In memoriam Herbert Fritsche Dr. med. E. H. Schmeer, 1960

Zeitschrift für Klassische Homöopathie und Arzneipotenzierung September/Oktober 1960; (Band 4, Heft 5)In memoriam Herbert Fritsche

geboren am 14. Juni 1911 in Berlin

gestorben am 20. Juni 1960 in München

„Wer nicht im sonderlichen Tun steht, dessen Leben ist ohne Bedeutung,“ sagt Hans BLÜHER in seinem „Traktat über die Heilkunde“.

Das Leben des friedlosen Wanderers und Suchers HERBERT FRITSCHE ist in so extremem Mass mit „sonderlichem Tun“ erfüllt, dass der „Normale“ (nach Definition eines bekannten Psychiaters ist „normal“ eine mittlere Form von Schwachsinn) eine Heidenangst bekommen hätte.

Wenn ein hoffnungsvoller Naturwissenschaftler die verlockende Hochschullaufbahn aufgibt, um seine Freiheit und Unabhängigkeit zu wahren, sich dem Magisch-Okkulten¹ widmet („er hat viel gealchemeyt und viel vertan“, heisst es in einem seiner frühen Gedichte) und sich gar der verrufenen Homöopathie verschreibt, so ist das wahrlich keine alltägliche Kombination.

Noch typischer als das „sonderliche Tun“ ist für HERBERT FRITSCHE das kompromisslose Streben nach Erkenntnis. Die Worte Aleister CROWLEYS: „Ich stehe auf seiten der Schlange: Erkenntnis ist immer wichtig, koste sie, was sie wolle“ könnten auch über FRITSCHES Weg und Werk stehen.

Da HERBERT FRITSCHE vor allem eine religiöse Persönlichkeit war, dürfen wir eine Schilderung seines Strebens nach religiöser Erkenntnis nicht ausklammern.

„Er gewann Zugang zum Kultus und Geheimkulten zahlreicher religiöser Existenzformen. Die anthroposophische Christengemeinschaft, der er einige Zeit angehörte, weil er das reale, okkult vollgültige Sakrament suchte, enttäuschte ihn. Statt dessen drang er tief in die Geheimnisse des katholischen ‚Opus operatum‘ ein, gewann auf seine Weise Zugang zum Manisola-Sakrament der Katharer, liess sich in Ritus und Berufung der Gnostisch-Katholischen Kirche einweihen, unterwarf sich Ordensexerzitien und pflegte Umgang mit Priestern auch der Ostkirche und druidischer sowie hermetischer Kulte. Dabei ergänzte er seine magischen Studien und Übungen nach der sakramentalen Seite hin, bis er in der von ihm besonders hochgeschätzten Kabbalah die Möglichkeit eines Pansakramentalismus fand, dem er sein religiöses Leben zu weihen bestrebt ist“ (W.O. ROESERMÜLLER in „Begegnungen mit Jenseitsforscher“).

Die zentrale Frage „Was ist der Mensch“ (dargestellt in „Der Erstgeborene“) konnte deshalb von ihm gar nicht anders als in kosmisch-religiösem Sinne beantwortet werden, freilich unter Einbau des Materials aller Wissenschaften, die sich mit Physis, Bios, Psyche und Logos des Menschen beschäftigen.

Wie kam HERBERT FRITSCHE, dieser geborene Grenzüberschreiter, zur Homöopathie? Durch „Zufall“, als er in der Zeit seiner Vorbereitungen zur Habilitation auf einem Bücherkarren SCHLEGELS Kommentar zum „Organon“ fand, ein Buch, das ihnin der Folge rasch zu den Quellenschriften der Homöopathie brachte. Seine Lehrmeister in der Praxis waren H.E. SIECKMANN UND VOR ALLEM Friedrich GISEVIUS, dem er in seinem „Hahnemann“ ein blebendes Denkmal gesetzt hat.

HERBERT FRITSCHE, der als Dichter unmittelbaren Zugang zur Natur hatte, brachte uns die universale Reichweite des homöopathischen Prinzips nahe und knüpfte so an paracelsische und frühere Traditionen an. Nur seinem umfassenden Wissen und Schauen war es möglich, die tiefe Verwurzelung der Homöopathie im Geistig-Religiösen aufzuweisen, so das prophetische Vermächtnis EMIL SCHLEGELS in seinem Alterswerk „Heilkunst als Weltmitte“ erfüllend: „Schon jetzt, da wir noch säumig waren, haben andere Völker einen Aufschwung der praktischen Homöopathie angebahnt; uns Deutschen bleibt aber jedenfalls die tiefste Deutung der Entdeckungen HAHNEMANNS vorbehalten. Wir spiegeln sie in die Mitte der Heilkunde, ja in die Weltmitte selbst, wohin ihr virtuelles Bild gehört und wo es wartet, bis sonnenhafte Augen es zur Geistesbefruchtung aufnehmen.“

HERBERT FRITSCHE hat als „Magier des gesprochenen Wortes“ mehr gewirkt, als durch seine Schriften. Das Unbedingte und Gerade in seinem Wesen² kam der Homöopathie in ganz besonderem Mass zugute. Wie verstand er es, die Luft zu reinigen, die von böswilligen Ignoranten verpestet war. Wie hat er einen bekannten akademischen³ Lehrer für Pharmakologie in Göttingen blossgestellt, der 1952 im Kolleg seinen Studenten erklärt hatte, Homöopathie sei Unsinn und die Apotheker, die statt homöopathischer Potenzen lediglich Alkohol verkauften, täten durchaus recht.

Wie hat er uns andererseits in seinen Vorträgen und Gesprächen fasziniert und uns, die wir manchesmal an der „Materia medica“ verzweifeln wollten, wieder aufgerüttelt und das Rückgrat gestärkt! Das sei ihm nie vergessen, ihm, der an dem Aufleben der klassischen Homöopathie in Deutschland nach Kriegsende einen nicht geringen Anteil hat⁴.

Die homöopathischen Werke HERBERT FRITSCHES sind manchem nicht „Mitsinnigen“ wenig bekömmlich. Aber kann man je die Homöopathie erfahren, bevor man sie betreten hat? Sein „Hahnemann“ ⁵ verbindet das rein Biographische mit dem Geistigen zu einer Deutung, in deren Mitte „Idee und Wirklichkeit der Homöopathie“ steht. In der „Erlösung durch die Schlange“ ⁶, die ursprünglich „Erhöhung der Schlange“ hätte heissen sollen. Mit dem grossartigen Kapitel „Der merlineske Mensch und die Homöopathia divina“ wird das Simile als ein auch jenseits des Arzneilichen gültiges Weltgeheimnis zu kosmischem Rang erhoben.

Persönlich war HERBERT FRITSCHE ein Individualist, der ein Leben lebte, „dem Ernst des Lebens in die Hundezähne geraten“, wie ich es annähernd bisher nur in der Groteske (etwa bei KARL VALENTIN) gesehen habe. Er liebte similia similibus die Individualisten, auch wenn ersie gelegentlich karikierte – so z.B. die Naturzeitschläfer, wenn er sagte, er pflege seit Jahren den extremen Naturzeitschlaf, indem er 23 Stunden vor Mitternacht zu Bett ginge -, machte aber einen grossen Bogen um sie, wenn er, wie so oft, materialistische oder pharisäerhafte Züge bei ihnen fand. Trotzdem konnte er es, hilflos wie er oft im Leben war, nicht verhindern, gelegentlich als Aushängeschild oder „Renommiergoi“, wie er es nannte, missbraucht zu werden.

Seinen Freunden tat er alles, ohne Eigennutz, ohne Hintergedanken, ganz in der erhabenen Spähre oberhalb des Utilitätsprinzips.

Ich nannte ihn gesprächsweise einmal (freilich auch nur eine Seite seines Wesens kennzeichnend⁷ den letzten Romantiker und verglich ihn mit CLEMENS BRENTANO und mit dem genialen Physiker JOHANN WILHELM RITTER.

„Wer liebt ihn nicht, so wie er einem entgegentritt? Wer durchschaut alle Menschen, wer geht so tief in dem Auffinden der Innerlichkeit, und was könnte man ihm sagen, was er nicht schärfer und wahrer aufgefasst hätte! Alle Menschen berührt kaum sein Hauch und sie atmen, als ob sie aufblühen wollten in edlere Begriffe und schönere Handlungen“, urteilte die romantische Dichterin GÜNDERODE über CLEMENS BRENTANO. Diese Fähigkeiten waren HERBERT FRITSCHE ebenso zu eigen wie das Dämonische, Faszinierende, gleich dem P h o s p h o r u s – der auch dem homöopathischen Konstitutionstyp⁸ nach war – dem sich der Geist in Feuern offenbarte und der selber zu brennen aber auch zu verbrennen vermochte.

„Blumen dieser Art halten nicht über den Sommer aus.“ Sagte JUSTINUS KERNER über die romantischen Naturen, und so musste auch HERBERT FRITSCHE in paracelsischem Alter das Diesseits einen Tag vor der Sommersonnenwende verlassen. Ahnungsvoll hatte er mir vor Jahresfrist in einen Gedichtband seines Freundes Gottfried BENN geschrieben:

„Langsame Tage, Alle überwunden.

Und fragst du nicht, ob Ende, ob Beginn,

danntragen dich vielleicht die Stunden

noch bs zum Juni mit den Rosen hin.“

Dr. med. E. H. Schmeer, München 27, Jensenstrasse 8

¹ Wem Okkultismus und Homöopathie als unvereinbar erscheinen, möge sich daran erinnern, dass unsere bedeutendsten Homöopathen Okkultisten waren: HAHNEMANN war Freimaurer, KENT und FARRINGTON waren Anhänger SWEDENBORGS, EMIL SCHLEGEL war Anhänger des Okkultisten LORBER. Bezeichnenderweise benötigte keiner von diesen die Theorie vom „letzten Molekül“ als Erklärung für die Hochpotenzwirkungen.

² das ihn auch im „Dritten Reich“ mit der Gestapo (Schutzhaft) in Konflikt brachte.

³ à propos akademisch: Eine gewisse Sorte von Akademikern pflegte HERBERT FRITSCHE gern mit „akadämlich“ und das medizinische Staatsexamen mit „Cerebraltrauma“ zu bezeichnen. Nicht weniger glimpflich ging er mit Vertretern der nichtakademischen Medizin um, wenn sie ihm nicht ganz zusagten und verschaffte sich auf diese Weise wohl Achtung, aber nicht unbedingt Beliebtheit. – Obige pharmakologische oder besser „toxikologische“ Affäre hatte übrigens kein Nachspiel. Wie recht hatte doch GUSTAV JAEGER (in seinen Schriften finde ich hinter seinem Namen die „Signatur“ „Professor a.D.“), wenn er sagte: „Vergessen Sie eines nicht: die Geschichte der Medizin ist ein fortgesetzter ungleicher Ringkampf. Der eine Kämpfer ist die Wahrheit, und die hat zwei Gegner, die Habsucht und die Herrschsucht. Wundert es Sie da, dass die erstere jedesmal den kürzeren zieht? Mich nicht.“

⁴ Dass ihn die Gründung und Entwicklung der „Zeitschrift für Klassische Homöopathie und Arzneipotenzierung“ besonders beglückte, sei nur am Rande vermerkt.

⁵ 2. Auflage. Stuttagrt 1954

⁶ (Stuttgart 1953) Von seinen Aufsätzen ist der wichtigste: „Homöopathische Sonder- und Grenzwege“ (Erfahrungsheilkunde 1953, Heft 1 u. 2). Angedeutet werden homöopathische Themen auch in „Der Erstgeborene“ (5. Auflage. Stuttgart 1953) und in „Die unbekannten Gesundheiten“ (München 1957). Man hat gelegentlich Herbert FRITSCHE mangelhafte Geschichtsschreibung vorgeworfen. Wer Fehler sucht, findet sie überall. Aber m.E. ist der Vorwurf unbegründet, da ich weiss mit welcher Akribie Herbert FRITSCHE seine Studien betrieb. Jedes Zitat, jede Jahreszahl wurde auf Richtigkeit geprüft. Bei seinen homöopathischen Arbeiten stützte er sich nicht nur auf unsere „geläufigen“ Historiker, wie F. KATSCH, R. HAEHL, R. TISCHNER, sondern zog auch entlegene und vergessene Schriften heran, die ihm oft gerade dann, wenn er sie brauchte – er nannte das „Bibliomagie“ – in die Hände fielen. Freilich Historiker in strengem Sinne war er nicht: da er HAHNEMANN auf seine Weise sah, konnte sich der Synoptiker Herbert FRITSCHE auch mit dem Okulisten (und Okkultisten) R. TISCHNER nicht verständigen, dessen zuverlässige Geschichtsschreibung er schätzte, dessen Deutungen er aber ablehnte. Übrigens haben sich FRITSCHE und TISCHNER vor 1 oder 2 Jahren doch versöhnt, insbesondere als TISCHNER in der Frage der Hochpotenzen Zugeständnisse machte.

⁷ Gerhard NEBEL sagte von ihm: „Es verliess uns ein Geist, dessen Grenzen nicht zu erreichen und abzuschreiten waren.“

⁸ Die Phosphor-Symptomatik blieb ihm auch bei so etwas Banalem, wie es die „Todesursache“ ist, treu. Herbert FRITSCHE ging nicht, wie es einige voreilige Gemüter wissen wollten, an einem magischen Experiment à la CROWLEY, auch nicht an Suicid zugrunde, er starb an einer Pneumonie des rechten Unterlappens.