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Lebenstafel

Herbert Fritsche (1911–1960)

Schriftsteller · Lyriker · Kulturphilosoph · Biograph · Homöopathie-Historiker · Grenzwissenschaftler


1911–1929 | Kindheit, Jugend, Ausbildung

1911
14. Juni, 21:30 Uhr: Geburt in Rixdorf (seit 1912 Berlin-Neukölln), Elbestraße 5. Einziges Kind des Einkaufsabteilungsleiters bei Telefunken, Hermann Fritsche, und dessen Ehefrau Anna Marie, geborene Jokisch. Evangelisch getauft. Später Umzug nach Neukölln, Treptower Str. 92/3.

1923
Astronomie- und Astrologie-Unterricht beim Astrologen Stelzer.

1927
9. Oktober: Erstes Gedicht im unveröffentlichten Gedichtband „Orion".

1928
Die Glühwürmchen-Barkarole, Gedichte. Verlag Die Mitternacht, Berlin. 2. Auflage 1932 unter dem Titel „Gedichte", Die Rabenpresse, Berlin.

1929
Abitur am Kaiser-Friedrich-Realgymnasium Neukölln (heute Ernst-Abbe-Gymnasium). Studium: 1 Semester Psychologie, danach Biologie. Promotion am 14.10.1936 zum Dr. phil. (magna cum laude).


1930–1935 | Frühe literarische Phase

1930
Verschneites Atelier, Gedichte. Herausgeber der lyrischen Zeitschrift „Der Taugenichts" (1930–1931, 3 Hefte). Mitarbeiter u.a.: Benn, Zech, Else Lasker-Schüler, Hermann Hesse.

1931
Narrenkalender, Gedichte mit Zeichnungen von John Uhl.

1932
Durch heimliche Türen, Gedichte.

1933
Mandragora, Gedichte. Ende 1933 – Ende 1935: Herz- und Angstneurose.

1934
Im Dampf der Retorte, Gedichte. Kleines Lehrbuch der weißen Magie, Prag (Neuauflage 1962).

1935
August Strindberg, Gustav Meyrink, Kurt Aram – Drei magische Dichter und Deuter.


1936–1945 | Wissenschaft, Okkultismus, Krieg

1936–1937
Zoologe bei Riedel de Haen, Berlin-Britz.

1937
Die Stadt in der Phiole. Iatrosophia. Beginn intensiver Studien zur Homöopathie und zu Samuel Hahnemann. Schriftführer des Forschungsringes der „Deutschen Gesellschaft für wissenschaftlichen Okkultismus" (1937–1941).

1938
Pan vor den Toren. Die Atemschule. Herausgeber der Zeitschrift „Die Säule" (1938–1941).

1939
Heirat mit Elfriede Kurtzer. Mitglied der „Christengemeinschaft". Der große Holunderbaum.

1940
Feuilletonschriftleiter beim „Berliner Lokal-Anzeiger". Der Erstgeborene (mehrere Auflagen bis 1953). Weitere Werke u.a.:

  • Tierseele und Schöpfungsgeheimnis
  • Die Weisheit des Maharshi
  • Die Beherrschung des Sonnengeflechts
  • Schutz gegen Dunkelkräfte

Evakuierung nach Bad Pyrmont.

1941
Schutzhaft im Gefängnis Berlin-Alexanderplatz als Wortführer einer okkultistisch ausgerichteten Biologie. Paracelsus als Richter.

1942
Verbot der 3. Auflage von „Der Erstgeborene". Samuel Hahnemann. Idee und Wirklichkeit der Homöopathie.

1944
Vernichtung der Berliner Wohnung durch Bombenangriffe. Verlust von 7000 Büchern und Kunstwerken, u.a. von Nolde und Kubin.


1945–1953 | Neubeginn und geistige Neuorientierung

1945
Christliche Heilkunst.

1946
Pyrmont – Aus der Gnadengeschichte einer Stätte.

1947
Scheidung der ersten Ehe. Austritt aus der Anthroposophie. Eintritt in die Theosophische Gesellschaft (bis 1948). Zeit der Lilie, Gedichte.

1948
Zweite Ehe mit Johanna Maria Lackmann. Adoption zweier Töchter. Liberal-katholische Trauung.

1949
Sinn und Geheimnis des Jahreslaufs. Herausgeber der Zeitschrift „Merlin".

Ordenszugehörigkeiten bis 1960:

  • Hochgrad im O.T.O.
  • Fraternitas Rosicruciana Antiqua
  • Patriarch der Ecclesia Gnostica Catholica

Ordensname: Basilius alias Merlin Peregrinus / Merlin Maledictus

1950
Samen des Morgenlichts, Gedichte. Neubearbeitung von du Prel: Das Rätsel des Menschen. Schwere finanzielle Bedrängnis.


1953–1960 | Späte Jahre

1953
Erlösung durch die Schlange. Umzug nach Stuttgart. Geburt der Tochter Sulamith.

1958
Umzug nach Gilching bei München. Scheidung. Dozent an der Heilpraktiker-Fachschule München. Beginn schwerer Depressionen.

1960
20. Juni, 14:40 Uhr: Tod in München (49 Jahre). Todesursache: Pneumonie und Herz-/Kreislaufversagen. Beisetzung am 24. Juni auf dem Waldfriedhof München (griechisch-orthodoxer Ritus).


Posthume Veröffentlichungen

  • 1967 – Die Vaganten
  • 1970 – Briefe an Freunde
  • 1978 – Am Saum des großen Vorhangs
  • 1981 – Orion (Sonderdruck)
  • 1981 – Die lyrischen Porträts (Sonderdruck)
  • 1991 – Baum der Käuze Corvinus Presse Berlin
  • 2011 bis 2014 – Diverse Beiträge im Rahmen der HF-Gesamtausgabe
  • 2014 – Briefe Band I (Privatdruck) 2026 integriert in die Neuauflage der HF-Gesamtausgabe
  • 2014 – Briefe Band II (Privatdruck) 2026 integriert in die Neuauflage der HF-Gesamtausgabe
  • 2014 – Briefe Band III (Privatdruck) 2026 integriert in die Neuauflage der HF-Gesamtausgabe


Ein deutscher Dichter und Forscher: Dr. Herbert Fritsche – Essay von John Uhl 1966

Ein deutscher Dichter und Forscher:
Dr. Herbert Fritsche
geb. 1911 Rixdorf · gest. 1960 München
von John Uhl (1966)

Vorbemerkung

Für die Überlassung wertvoller Dokumente aus dem Österreichischen Fritsche-Archiv und die sehr wertvollen Hinweise für diese Arbeit bin ich Herrn Ingenieur Lambert Binder aus Wien A-1180, Theresiengasse 26, zu besonderem Dank verpflichtet.

Leben und Werk

Der Dichter und Forscher Herbert Karl Wilhelm Fritsche erblickte am 14.6.1911 in Rixdorf, Elbestr. 5, als Sohn des Einkaufsabteilungsleiters eines großen Konzerns, Karl Hermann Fritsche, und dessen Ehefrau Anna Marie geborenen Jokisch als einziges Kind seiner Eltern das Licht der Welt. Der Urgroßvater war Postillon an der russischen Grenze. „Sein Posthorn klingt oft durch meine Träume“, schreibt Fritsche in seinem „Kleinen Selbstbildnis“ (1932). Fritsche wurde evangelisch getauft und konfirmiert. Die Familie zog später von der Elbestraße in die Treptower Straße 92/93 um, wo Fritsche bis 1939 wohnte. Er besuchte von 1918 bis 1929 das unter der Leitung von Fritz Karsen stehende Neuköllner Kaiser-Friedrich-Realgymnasium, die jetzige Ernst-Abbe-Schule in der Sonnenallee 79, wo er am 13.9.1929 das Abitur mit „Gut“ bestand.

Schon als Sechzehnjähriger schrieb der geistig frühreife, von der Natur mit einem genialen Gedächtnis, mit großen Geistesgaben und poetischen Fähigkeiten begnadete Schüler die ersten Gedichte, die wegen ihrer inhaltlichen und formalen Schönheit Erstaunen bei Lehrern und Klassenkameraden hervorriefen; auf Anraten seines Lehrers, des Studienrates Dr. Walter Feilchenfeldt, veröffentlichte Fritsche bereits als Oberprimaner seinen ersten Gedichtband, der 1932 die zweite Auflage erlebte. Sein Kindheitstraum — Naturforscher —, sein Jugendtraum — Redakteur — sollten sich bald, 1936 und 1939, erfüllen.

Von 1929 bis 1936 studierte Fritsche an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität Psychologie und Biologie. Mit 25 Jahren, am 14.10.1936, wurde er auf Grund einer zoologischen Inaugural-Dissertation „Beiträge zur Ökologie der Land-Isopoden Groß-Berlins“ (abgedruckt in „Märkische Tierwelt“, 1936) mit magna cum laude zum Dr. phil. promoviert. Zwei von ihm entdeckte Tierarten wurden nach ihm benannt: Reductoniscus Fritschei und Porcellio scaber Fritschei.

Während seines Studiums veröffentlichte er 6 Gedichtbände, 3 Bücher grenzwissenschaftlich-esoterischen Inhalts, zahlreiche wissenschaftliche und literarische Beiträge in Fachzeitschriften und gab die lyrische Zeitschrift „Der Taugenichts“ heraus, die literaturgeschichtlich so hervorragende Persönlichkeiten wie Gottfried Benn, Else Lasker-Schüler, Hermann Hesse und Paul Zech mit Erstveröffentlichungen zu Worte kommen ließ. Viktor Otto Stomps, der inzwischen berühmt gewordene Berlin-Preisträger und Verleger der Berliner Rabenpresse — heute Eremitenpresse in Stierstadt im Taunus — entdeckte 1932 den jungen Dichter und Forscher und gab mehrere Gedichtbände und ein zoologisches Werk von ihm in seinem Verlage heraus. Der schlanke, asthenisch gebaute Student Herbert Fritsche mit seinem langen, schwarzen Mantel und dem breiten, flachen, schwarzen Künstlerhut war eine bekannte Erscheinung in der Berliner Bohème. Seine Gedichte wurden im Rundfunk vorgetragen, vertont, illustriert sowie ins Belgische, Holländische und Englische übertragen. Von jener Zeit berichtet er in dem Kapitel „Romanisches Café“ (aus seinem im Todesjahr 1960 verfaßten autobiographischen Fragment „Abenteurer wider Willen“), das die „Neuen Deutschen Hefte“ im Oktober 1966 veröffentlichten.1

Nach Abschluß seines Studiums 1936 wollte sich Fritsche auf Anregung seines Universitätslehrers Prof. Dr. med. Dr. med. h.c. Westenhöfer der Universitätslaufbahn widmen und begann eine Habilitationsschrift über die Tori supraorbitales (Oberaugenbrauenwülste) der Menschenaffen. Aber schon bei den Vorarbeiten stieß er durch „Zufall“ — Kauf von Emil Schlegels Kommentar zu Hahnemanns „Organon der Heilkunst“ — auf das für ihn bis dahin fremde und neue Gebiet der Homöopathie und ihrer Probleme, denen er sich von nun an bis zu seinem Lebensende intensiv widmete.

Fritsche wurde in der Folgezeit zum bedeutendsten deutschen Theoretiker der Homöopathie. Er schrieb neben zahlreichen anderen Arbeiten über Homöopathie eine Biographie über deren Begründer Samuel Hahnemann (Ernst Klett Verlag, 366 S.). Sie ist das klassische Vorbild einer Biographie, die in stilistischer und geisteswissenschaftlicher Hinsicht zweifellos einen Höhepunkt dieser Literaturgattung darstellt.

Kurze Zeit war Fritsche als Zoologe bei Tierversuchen für die Schädlingsbekämpfung in den Chemischen Fabriken Riedel de Haen in Berlin-Britz, Riedelstraße 1-32 (vom 16.11.1936 bis 31.1.1937) beschäftigt. Er gab aber diese Tätigkeit auf, weil sie ihm nicht lag. Er wurde nun freier Schriftsteller.

Von 27.10.1939 bis Ende Januar 1944 wohnte er in Berlin-Tempelhof, Borussiastr. 60. Die Wohnung wurde in der Nacht vom 29. zum 30.1.1944 durch einen britischen Bombenangriff total zerstört, wobei sein Handwerkszeug, die Bibliothek mit 7.000 Bänden, und viele Originalkunstwerke von Nolde und Kubin verbrannten.

1939 bis 1941 war Fritsche Feuilleton-Redakteur des Berliner Lokal-Anzeigers.

Wegen der in allen seinen Schriften enthaltenen Einstellung gegen Enthumanisierung und für ein höheres Menschentum, die in krassem Widerspruch zur nationalsozialistischen Weltanschauung stand, galt er den Kulturfunktionären des Dritten Reiches als in höchstem Maße verdächtig und gefährlich. Fritsches humanistisch-idealistische, der Theosophie verwandte Ideen waren ein Hohn auf die Totalitätsansprüche des Chauvinismus und Herrenrassenwahns. Überdies war er ein Freund zahlreicher jüdischer Dichter und Maler. Einige Werke mußte er bereits 1934 und 1935 in der Tschechoslowakei — bei V. Neubert & Söhne Prag — drucken und veröffentlichen lassen, da deutsche Verleger für ihre und seine Sicherheit fürchteten. Schließlich trat das ein, was Fritsche seit acht Jahren ahnte: am 13.6.1941, einen Tag vor seinem 30. Geburtstag, wurde er in seiner Wohnung von Angehörigen des Reichssicherheitshauptamtes verhaftet. Für längere Zeit wurde er im Polizeipräsidium Berlin-Alexanderplatz in „Schutzhaft“ genommen und eingesperrt. Er erhielt für mehrere Jahre (bis 1944) Arbeitsverbot als Schriftsteller. Längeren, unermüdlichen Anstrengungen seiner Frau gelang es schließlich, seine Freilassung wegen dessen geschwächten Gesundheitszustandes zu erreichen. Die jahrelange Angst vor den Nazis hatte ihn schon vorher gründlich zerrüttet. Dr. Otto Buchinger sen., Chef der Fastenheil-Kuranstalt in Bad Pyrmont, nahm ihn in seinem Sanatorium auf und beschäftigte ihn als Assistent. Hier war er als Psychotherapeut und Homöopath tätig und sammelte reiche Erfahrungen auf dem Gebiete der biologischen Heilweisen, hier schrieb er heimlich mehrere Bücher, von denen eines, die Hahnemann-Biographie, bei Kriegsende gedruckt werden durfte. Sie erreichte sogleich eine Auflage von 10.000 und war bald vergriffen.

Von 1953 bis 1958 lebte Fritsche in Stuttgart als Lektor beim Ernst Klett Verlag, und von 1958 bis 1960 war er Dozent für Homöopathie an der Heilpraktiker-Fachschule in München.

Am 20.6.1960 starb Fritsche krank, einsam und verzweifelt in noch jungem Alter von 49 Jahren in München, wo er am Tage der Sommersonnenwende 1960 auf dem Waldfriedhof begraben wurde.

Herbert Fritsche war eine geniale, vielseitige Persönlichkeit mit beträchtlichen Kenntnissen auf geistes- und naturwissenschaftlichen Gebieten. Dank seines unglaublichen Gedächtnisses, das wahrgenommene Fakten und Erscheinungen präzis für immer aufspeicherte, war es ihm ein leichtes, zu vergleichen, zu kombinieren, zu werten und größere Zusammenhänge zu überschauen und vorauszusehen. Er war auch ein glänzender Vortragsredner. Für technische und wirtschaftliche Fragen hatte er jedoch weniger Interesse. Die Gedanken stets auf den geistigen Höhenflug konzentriert, vernachlässigte er die materielle Daseinsbasis und die praktisch-bürgerliche Ordnung. Mitten im Wirtschaftswunder ging er in finanzieller Not zugrunde. Seine originären und tiefschürfenden Gedanken aber reichen weit in die Zukunft. Er war sowohl als Dichter als auch als Forscher bedeutend und darin August Strindberg verwandt, den er verehrte und über den er schrieb. Er war ein Freund von Gottfried Benn, Martin Buber, Alfred Kubin und anderen bedeutenden Geistern. Die Gemeinde seiner Verehrer ist groß. Insgesamt schrieb er 27 Bücher und ca. 1600 meist umfangreiche fachwissenschaftliche Beiträge in Zeitschriften und Zeitungen. Einen Teil seiner Werke verwahren die Deutsche Bibliothek in Frankfurt am Main, Zeppelinallee, und das Deutsche Literaturarchiv — Schiller-Nationalmuseum — in Marbach/Neckar. In Österreich, der Schweiz, Westdeutschland und Westberlin bestehen Fritsche-Archive, in denen seine Werke gesammelt werden. An einer Gesamtausgabe wird gearbeitet. Im Jahre 1967 wird der Ernst Klett Verlag Stuttgart einen ersten Nachlaßband herausgeben.

Der Dichter

Zu seinen ersten Gedichten (1926-1928) wurde Fritsche vorwiegend durch vier Phänomene persönlichen Erlebens angeregt: die Landschaft Berlins im weitesten Sinne, dichterische Vorbilder wie Jakob Haringer und Baudelaire, Freundschaft und Liebe. Es gelang ihm sogleich, die Magie der großstädtischen Landschaft mit ihren Vorstädten zu entdecken und im Gedicht zu formen. In der zweiten Periode seines lyrischen Schaffens (1929-1934) treten drei neue Elemente beherrschend in den Vordergrund: vagabundisches Abenteurer- und Außenseitertum, dämonische Visionen und am Schluß dieser Epoche der Blick empor in göttliche Regionen. Die dritte lyrische Periode (1935-1947) ist die Zeit seiner Reife und bringt klassische, religiöse Gedichte von vollendeter Form und größter Gedankentiefe. In der vierten und letzten Periode (1948-1960), deren Gedichte noch nicht vollzählig vorliegen und ungedruckt sind, befaßt er sich schwerpunktmäßig mit dem Gedanken der Heilkraft der Sünde und des Giftes, mit den Aufgaben der Verlorenen und Gescheiterten; sie sind oft ketzerisch, düster und verbittert, ein Abbild seiner Enttäuschungen, seines zerrütteten Gesundheitszustandes und seiner Verzweiflungen. Die Gedichte kehren damit zu jenem Thema zurück, das er schon 1931 in der letzten Zeile seines Gedichtes „Wo wir die Welt erleben als namenlose Seltsamkeit“ formuliert:

„Nur die Verirrten und Verwirrten haben Platz
vor seiner großen Gnade!“

Fritsche schuf über 320 Gedichte, von denen etwa 220 gedruckt erschienen. Seine Hauptleistung in der Geschichte der Lyrik ist die Weiterentwicklung und Vollendung der Gattungen des lyrischen Porträts und des magischen Gedichts. Er ist Artist des Drei- und Vierreims und der rhythmisch vollendeten Form, einer Kunst, die heute kaum noch beherrscht wird. Für Fachleute der Germanistik soll hier das Kuriosum nicht unerwähnt bleiben, daß Fritsche den längsten Vers der deutschen Dichtung schrieb; der 43. Vers seines „Selbstporträts zu Beginn des 47. Lebensjahres“ (14.6.1957) lautet:

„Dem blassen Mittagshimmel lächle ich,
des Rendezvous mit der Kokotte Nacht gewiß,
mein mehr denn sechsundvierzig Sommer junges Lächeln zu“

Bis dahin hielt der Expressionist Prof. Ernst Stadler (1883-1914) den Rekord mit 16 Hebungen:

„All das ist jetzt ganz weit — vom Abend zugedeckt —
und doch schon da, und wartend wie ein böses Tier,
das sich zur Beute niedersetzt, —“ 2

Fritsche schrieb mindestens 51 lyrische Porträts, davon 15 Selbstporträts. In Gedichtform konterfeite er u.a. die Dichter Eichendorff, E.T.A. Hoffmann, Meyrink, Klabund und Haringer, die Maler Hieronymus Bosch, Blake und Kubin, den Arzt Paracelsus, den Zauberer Merlin, den Magier Crowley. Fritsche war nicht nur „der lyrische Biograph“, sondern schuf als einer der besten Prosa-Biographen unserer Zeit auch eine große Anzahl von Kurzbiographien, z.B. von den Dichtern Villon, Kuhlmann, Eichendorff, Heine, Strindberg, Trakl, Meyrink, Zech, Haringer und Lernet-Holenia, den Malern Kubin und Meidner, den Ärzten Paracelsus, Senckenberg, Jung-Stilling, Hufeland, Sauerbruch, Gisevius und G. R. Heyer, dem Botaniker von Linné, dem Physiker J. W. Ritter, den Philosophen Swedenborg, Buber und Blüher, dem Paläontologen Dacqué und dem Magier Crowley.

Auch als Erzähler trat Fritsche hervor: er schrieb den Novellenband „Die Stadt in der Phiole“ (1937), die Erzählungen „Der Engel fordert reines Blut“ (1939), „Das Traumgeschenk“ (1944) und die noch unveröffentlichten Erzählungen „Zwielicht um Viviane“, „Eröffnungen eines Friedlosen“, „Der Pudel des Agrippa“, „Haeresiarcha“ und „Die Narkose der Malerin Mirjam“ (eine Satire auf das Weltbad Pyrmont).

Der Forscher

Als Zoologe von Fach und Rang schrieb Fritsche zwei berühmt gewordene Bücher: „Pan vor den Toren“ (1938, 256 S.) und „Tierseele“ (1940, 2. Aufl. 1954, 387 S.). In dem ersteren wird die Tierwelt der Ruderalbereiche vor den Toren der Weltstadt Berlin beschrieben, und das letztere ist wohl die beste zusammenfassende und deutende tierpsychologische Arbeit, die wir kennen; sie unterscheidet sich wesentlich von zahlreichen ähnlichen Werken durch ihre umfassende Gesamtschau, Gedankentiefe und faszinierende Diktion.

Fritsche war auch ein ungewöhnlich versierter Kenner und Kritiker medizinisch-therapeutischer Grenzwege und Sondermethoden, vornehmlich der Homöopathie. Die deutsche Heilpraktikerschaft verehrt ihn seit Jahrzehnten als einen ihrer großen theoretischen Vorkämpfer.

Die Anthropologie „Der Erstgeborene“ (1940, 5. Aufl. 1953, 255 S.) ist sein erfolgreichstes Buch, das auch ins Italienische übersetzt wurde. Auf Grund tiefster Kenntnis und Erkenntnis der Zusammenhänge zwischen Geist, Seele und Körper stellt Fritsche als ein Meister und Magier des Stils in überzeugender Weise Aufgabe, Sinn und Ziel des menschlichen Daseins innerhalb der Gesamtschöpfung dar.

Als bekannter und anerkannter Gelehrter und Lehrer der Geheim- und Grenzwissenschaften schrieb er sieben Bücher über diese Gebiete. Er war Herausgeber der grenzwissenschaftlichen Zeitschriften „Die Säule“ und „Merlin“ (letztere im Axel Springer Verlag Hamburg).

Seine revolutionäre Theologie, die „ketzerischer“ Züge keineswegs entbehrt, legte er in seinem „Erlösung durch die Schlange“ (1953, 156 S.) betitelten Buch nieder, das er seine „summa“ nannte. Seine Entdeckung des Prinzips der „homöopathia divina“ im Jahre 1941 und die theoretische Fundierung dieses Begriffs in der „Deutschen Zeitschrift für Homöopathie“ (1941, Heft 2), später in „Christliche Heilkunst“ (1945, 2. Aufl. 1946) und in dem Buch „Erlösung durch die Schlange“ erregte Aufsehen, aber auch Unruhe im klerikal-dogmatischen Lager.

Zusammenfassung

Ich bin mir bewußt, daß das Bild, das ich von der außerordentlichen und vielseitigen Erscheinung Fritsches zeichnete, nur unvollkommen ist. Die Fritsche-Forschung sowie die verschiedenen hierfür zuständigen akademischen Fakultäten werden erst nach langwieriger, mühevoller Sammlung und Auswertung des vorliegenden und verschollenen Materials in vielen Jahren in der Lage sein, wenigstens einigen Schaffensgebieten des Dichters und Forschers Dr. Herbert Fritsche gerecht zu werden und seine volle Bedeutung zu erkennen. Das Licht dieses weitgespannten Geistes, das in den Mauern Neuköllns entzündet wurde und über 30 Jahre in Berlin erstrahlte, leuchtet und wirkt nun weit über die lokalen und nationalen Grenzen der Heimat ins Kosmische, Überzeitliche und Zukünftige hinaus.

Bücher von Herbert Fritsche

Gedichtbände
  • Die Glühwürmchen-Barkarole, Verlag Die Mitternacht Berlin 1929; 2. Auflage unter dem Titel „Gedichte“, Verlag Die Rabenpresse Viktor Otto Stomps Berlin 1932
  • Verschneites Atelier, Verlag Die Mitternacht Berlin 1930
  • Narrenkalender, mit Illustrationen, Verlag Gebr. Mann 1931, 2. Auflage Verlag Die Rabenpresse Berlin 1935
  • Durch heimliche Türen, Verlag Die Rabenpresse Berlin 1932
  • Mandragora. 12 magische Stücke, Verlag Die Rabenpresse Berlin 1933
  • Im Dampf der Retorte. Gesammelte magische Gedichte, Verlag Die Rabenpresse Berlin 1934
  • Zeit der Lilie, Christian Wegner Verlag Hamburg 1947
  • Samen des Morgenlichts, Eremitenpresse Viktor Otto Stomps Frankfurt am Main, später Stierstadt im Taunus 1950
Novellen
  • Die Stadt in der Phiole, Richard Hummel Verlag Leipzig 1937
Geheimwissenschaftlich-esoterische Bücher
  • × Kleines Lehrbuch der weißen Magie, Verlag V. Neubert & Söhne, Prag 1934, 2. Aufl. Hermann Bauer Verlag Freiburg i. Brsg. 1962
  • August Strindberg, Gustav Meyrink, Kurt Aram. Drei magische Dichter und Deuter, Verlag V. Neubert & Söhne, Prag 1935
  • Vyšší bdělost (Höheres Wachsein), in tschech. Sprache, Verlag V. Neubert & Söhne
  • × Der große Holunderbaum, zunächst 1938 in der Zeitschr. „Die Säule“, als Buch erschienen im Richard Hummel Verlag Leipzig 1939, 2. Aufl. Osiris-Verlag Erich Sonn KG Kettig ü. Koblenz 1964
  • Schutz gegen Dunkelkräfte, Rudolphsche Verlagsbuchhandlung Dresden 1940
  • Sinn und Geheimnis des Jahreslaufs, Karl Rauch Verlag Boppard und Bad Salzig, 2. Auflage 1949
  • August Strindbergs Erweckung durch Emanuel Swedenborg, Richard Hummel Verlag Leipzig 1940
Medizinisch-metabiologisch-homöopathische Bücher
  • × Iatrosophia, Richard Hummel Verlag Leipzig 1937, 2. Aufl. Hermann Bauer Verlag Freiburg i. Brsg. 1962
  • Die Atemschule, Rudolphsche Verlagsbuchhandlung Dresden 1938
  • × Samuel Hahnemann. Idee und Wirklichkeit der Homöopathie, S. Fischer Verlag 1944 (Auflage 10.000), 2. Auflage Ernst Klett Verlag Stuttgart 1954
  • × Christliche Heilkunst, Leonhard Friedrich Verlag Bad Pyrmont 1945, 2. Auflage 1946
  • × Die unbekannten Gesundheiten, Lucas Cranach Verlag München 1957
Zoologische Bücher
  • Pan vor den Toren, Verlag Die Rabenpresse Berlin 1938
  • × Tierseele, Hummel Verlag Leipzig 1940, 2. Aufl. Ernst Klett Verlag Stuttgart 1952
Anthropologie
  • × Der Erstgeborene, 1940, 5. Auflage Ernst Klett Verlag Stuttgart 1953
Theologie
  • × Erlösung durch die Schlange, Ernst Klett Verlag Stuttgart 1954
  • × Vom Werdeziel unseres Weltentages, Leonhard Friedrich Verlag Bad Pyrmont 1947
Kulturgeschichte
  • × Pyrmont. Aus der Gnadengeschichte einer Stätte, Leonhard Friedrich Verlag Bad Pyrmont 1946

Erläuterung: Die mit einem × versehenen Bücher sind z. Zt. (1966) im Buchhandel erhältlich.

Fritsche verfaßte 27 Bücher, gab 3 Zeitschriften heraus, schrieb über 400 Aufsätze fachlichen Inhalts in Tageszeitungen, etwa 200 Artikel erheblichen Umfanges in Zeitschriften, mindestens 1000 kleinere Artikel in Tageszeitungen, besorgte Neubearbeitungen, Herausgaben anderer Autoren, Übersetzungen, Nachdichtungen.

Literatur über Herbert Fritsche (Auszug)

  • Herbert Dahler in „Neuköllner Heimatbote“ (1935)
  • Albert Baginsky in „Naturheilpraxis“ 1960, Nr. 7 (Richard Pflaum Verlag, 8 München 2, Lazarettstr. 4)
  • Fr. Friedbert in „Naturheilpraxis“ 1961, Nr. 6
  • Josef Angerer in „Naturheilpraxis“ 1965, Nr. 7, S. 281
  • Lambert Binder in „Mensch und Schicksal“ 1960, Nr. 10 (Verlag Welt und Wissen, 6461 Gelnhausen-Gettenbach)
  • Werner Altpeter in „Gesundes Leben“, Juli 1960 (5912 Hilchenbach)
  • Joachim Günther in „Neue Deutsche Hefte“ 1960, Nr. 75, S. 663 (1 Berlin 46, Kindelbergweg 7)
  • S. Rilling in „Zeitschrift für Spagyrik“ 1960, Nr. 3 (Carl Müller, 732 Göppingen)
  • W. O. Roesemüller in „Begegnungen mit Jenseitsforschern“ (Verlag Roesemüller Nürnberg, Guntherstr. 43, 1961)
  • Erich Sopp in „Der große Holunderbaum“ (Osiris Verlag, 5401 Kettig über Koblenz, 1964)
  • N. N. in „Ex Oriente Lux“, Juni-August 1960, Nr. 72-74 (Psychophysische Gesellschaft Schweiz, A. Borgert, Thelema, 9063 Stein AR)
  • N. N. in „Oriflamme“ Nr. 1 v. 20.3.1961 und Nr. 92 v. 21.6.1965 (A. Borgert, Thelema, 9063 Stein AR, Schweiz)

Lebenstafel Dr. Herbert Fritsche

1911 14.6., 21.39 Uhr, geboren in Rixdorf (Berlin-Neukölln), Elbestr. 5; später Umzug nach Neukölln, Treptower Str. 92/93. Von 27.10.1939 – 29.1.1944 Tempelhof, Borussiastr. 60.

1918–1929 Schüler des Kaiser-Friedrich-Realgymnasiums Neukölln (jetzige Ernst-Abbe-Schule).

1929 13.9. Abitur.

1929–1936 Studium der Psychologie und Biologie an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität.

1931 Herausgeber der Zeitschrift „Der Taugenichts“.

1936 14.10. Dr. phil. — 16.11. bis 31.1.1937 Zoologe in der Abteilung für Schädlingsbekämpfung bei den Chemischen Fabriken Riedel de Haen, 1 Berlin 47 (Britz), Riedelstr. 1-32. Will die Universitätslaufbahn einschlagen, wird aber durch die Lektüre eines Buches von Schlegel zur Beschäftigung mit der Homöopathie und medizinisch-therapeutischen Sonderwegen bestimmt.

1937 1.2. freier Schriftsteller und wissenschaftlicher Presseberichterstatter.

1938–1941 Herausgeber der Zeitschrift „Die Säule“.

1939 27.10. bis 12.8.1947 erste Ehe; bis 13.6.1941 Feuilleton-Redakteur des Berliner Lokal-Anzeigers.

1940 19.12. bis 13.6.1941 Patient in der Fastenheil-Kuranstalt Dr. Otto Buchinger sen., Bad Pyrmont.

1941 13.6. Rückkehr aus Pyrmont nach Berlin, dort Verhaftung durch die Nazis wegen antinationalsozialistischer Gesinnung und Betätigung. „Schutzhaft“ im Polizeipräsidium Berlin Alexanderplatz bis Ende Juli 1941. Nach Freilassung Arbeitsverbot als Schriftsteller bis 1944. Evakuierung nach Bad Pyrmont. 1.8. bis 1947 Assistent und Psychotherapeut in der Kuranstalt Dr. Buchinger sen., Bad Pyrmont.

1943 17.3. Tod der Mutter in Neukölln.

1944 29./30.1. Zerstörung der Wohnung in Tempelhof durch britischen Bombenangriff. Bis 17.4.1953 in Pyrmont, zuletzt Friedenstr. 1.

1946/47 Winter: Aufenthalt in Hamburg.

1947 November bis November 1958 zweite Ehe.

1949 Beginn häufiger schwerer Gallenkoliken; Herausgeber der Zeitschrift „Merlin“.

1953 18.4. Umzug nach Stuttgart-Obertürkheim, Sulzgrieser Str. 3; Lektor im Ernst Klett Verlag. Lebt in wirtschaftlich ungünstigen Verhältnissen und wird bis zu seinem Tode von seiner mütterlichen Freundin Frau Dr. Charlotte Possin in Neukölln unterstützt.

1958 März Umzug nach Gilching bei München; bis Juni 1960 Dozent an der Heilpraktiker-Fachschule in München. Ab November allein in München, Beginn schwerer Depressionen. Freundschaft mit dem Arztehepaar Dr. E. M. Schmeer und Dr. Gisela Schmeer in München, Jensengasse 8, sowie mit dem Arztehepaar Dr. W. R. Schürmeister, München.

1959 Ende Januar bis 9.6. wohnhaft bei Dr. Schmeer; 9.6. bis 1.7. in mehreren Münchner Pensionen; 1.7. bis 20.6.1960 als „möblierter Herr“ in München, Tengstr. 38 bei Frau Roloff.

1960 20.6., 14.40 Uhr, mit 49 Jahren gestorben an rechtsseitiger Unterlappen-Pneumonie und Herz- und Kreislaufversagen; 24.6. Beerdigung auf dem Waldfriedhof in München.

John Uhl · 1 Berlin 47 · Rufacher Weg 62-68

1Redaktion Joachim Günther, 1 Berlin 46, Kindelbergweg 7

2aus Stadlers Gedicht „Abendschluß“, siehe in W. Kaysers „Kleiner deutscher Versschule“, 7. Aufl. 1960, Francke Verlag München, S. 19

Transkription des maschinenschriftlichen Typoskripts „Ein deutscher Dichter und Forscher: Dr. Herbert Fritsche“ von John Uhl (1966). Handschriftlicher Vermerk von Ernst Kalaß auf der ersten Seite: “Dem Deutschen Literaturarchiv für Forschungszwecke gestiftet von John Uhl, Berlin, d. 16.10.1966” Quelle: Sammlung Zachmann (SZ). Provenienz: aus dem Archiv von Herbert Milas.