Meine sehr verehrten Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Freunde!
Die Homöopathie liefert uns ein besonders eindrückliches Beispiel, wie prinzipiell unberechtigt die – im Sinne einer Unvereinbarkeit oder gar Feindseligkeit oft genug noch behauptete – Verschiedenheit des Ärztestandes und des Standes der Heilpraktiker ist. Samuel Hahnemann, der die Homöopathie begründete und in ein lehr-, und lernbares System brachte, welches sich von anderen Systemen der Heilkunst dadurch unterscheidet, dass es unter einem festen Gesetz steht – dem Gesetz: "Similia similibus curentur!" "Ähnliches heile man durch Ähnliches! –: Samuel Hahnemann war Arzt. Aber, um mit dem Faust Goethes zu reden: "Hier stock ich schon!" Ich stocke gleich hinsichtlich zweier meiner Aussagen soeben.
Zunächst ist die Homöopathie nur von denjenigen lehr- und lernbar, die die angeborene (und alsdann freilich weitgehend ausbildbare) Fähigkeit mitbringen, Bilder zu schauen – statt bloß in Abstraktionen, in blutlosen Begriffen und scharfen, jedoch rasch vom sogenannten Fortschritt wieder stumpfgeschliffenen Kausalspekulationen zu denken –, und denen es überdies gegeben ist, solche Bilder auf die Grade und die Wertigkeit ihrer Ähnlichkeit hin zueinander in echte Beziehung zu setzen.
Wer z.B. in der "Reinen Arzneimittellehre" Hahnemanns die unendlich vielen Symptome der Prüfung einer Arznei am Gesunden liest, etwa Nux vomica, Brechnuss, oder Sulfur, Schwefel, der steht davor entweder wie die Kuh vorm neuen Tor – besser gesagt: wie der Nichts-als-Farben-Chemiker vor einem Gemälde -, oder es gelingt ihm, aus der erprüften Symptomen-Überfülle ein Wirkbild von Nux vomica oder von Sulfur wahrzunehmen.
Und hinzukommen muss dann noch, dass er auch an Hand der geistigen, seelischen, subjektiven und objektiven Symptome eines Kranken imstande ist, mit feinstem Sinn für ähnliches zu schauen, ob diese Gesamtsymptomatik, die ihm da in der Sprechstunde oder am Krankenbett zu erkennen gegeben wird – und die wiederum ein Bild ist, keineswegs ein Chaos von Daten und Befunden etwa – tatsächlich dem Bild einer Nux vomica-Prüfung am Gesunden überzeugend ähnlich ist und nicht etwa dem Bild einer/Ignatia-Prüfung.
In solchem Sinne sprechen wir ja denn auch in der Homöopathie von Arzneimittelbildern – die sich auf Prüfungen an Gesunden beziehen –, vom Symptomenbild des jeweiligen Kranken und von der heilenden Ähnlichkeit.
Die Lehr- und Lernbarkeit der Homöopathie ist mithin an Voraussetzungen gebunden, was sie freilich mit der Wissenschaft teilt, am meisten mit den sogenannten "voraussetzungslosen" Wissenschaften, die das bloß nicht wissen, mit der einigen Ausnahme der modernen Mikrophysik; der Unterschied ist lediglich der, dass es bei der Homöopathie künstlerische Voraussetzungen sind.
Aus diesem Grunde hat Hahnemann denn auch sein wesentlichstes Werk, das "Organon", in der 1 Auflage vom Jahre 1810 zunächst "Organon der rationellen Heilkunde" genannt, ihm aber bereits von der 2. Auflage an, im Jahre 1819 den Titel "Organon der Heilkunst" gegeben – bis zur 6. Auflage hin, die er 1841 in seinem 86. Lebensjahr bearbeitete und die erst 1921, "herrlich wie am ersten Tag" erscheinen konnte.
Er war bereits 9 Jahre nach der Erstfassung seines Meisterwerkes fortgeschritten von der "Kunde", der Gelehrsamkeiterrei für Prof. Hinz und Dr. habil. Kunz, zur "Kunst". Selbstverständlich ist auch Kunst lehr- und lernbar, sonst gäbe es weder Kunstschulen noch Meister-Ateliers, aber sie ist nur von denjenigen lehr- und für diejenigen lernbar, die den Kuss der Musen auf die Lippen statt den eiskalten und dennoch unsteten Blickstrahl der Minerva ins Gehirn gedrückt bekamen.
Außerdem hatte Hahnemann von der 2. Organon-Auflage an das Wort "rationell" auf dem Titelblatt seines Buches gestrichen, was – in die Sprache unserer Tage übersetzt – etwa heißen darf: "’Rationalisiere Deine Praxis, bringe sie mit diagnostischen und Hollerith-Maschinen auf Touren’, das eben ist nicht der Imperativ der Homöopathie an den Behandler, sondern im Gegenteil: ’Lasse sie zu einem Kunst-Tempel werden, darinnen es, streng individualisierend, zugeht wie, meinetwegen, im Atelier eines meisterlichen Porträt-Malers!’"
Und im Falle die Leser trotz alledem nicht gemerkt haben sollten, was Hahnemann mit der Wandlung des Wortes "Kunde" in "Kunst" und mit der Streichung des Adjektivums "Rationell" zu sagen beabsichtigte – schon auf der ersten Seite des "Organon", setzte er als Motto auf diese Seite, alle 5 Auflagen hindurch, die der 1. von 1810 folgten, den Spruch "Aude sapere", auf Deutsch: "Wage das Wagnis der Weisheit" – was wiederum im Gegensatz zu dem Imperativ steht, der sonst den Medikastern eingebläut zu werden pflegt, nämlich: Halte Dich laufend, auf dem Weg über das Gewisse, per Wissengschaftshuberei, im Banne der ’diesjährigen Lehrmeinung’".
Diese – das vergisst man leider meist hinzuzufügen – ist zwar im nächsten Jahre vom Sprinter "Fortschritt" abgehängt worden und wird dem, der nach 30 Jahren auf sie pocht, als Trottelei oder gar als Kunstfehler angekreidet, aber so lange sie gilt – kurzlebig und den Bizeps im jeweiligen Morgenrot des mit Recht Abendland genannten Terrains spielen lassend –, gilt der, der sie sich ins Hirn einkastelte, als "up to date".
Das "Wagnis der Weisheit" hingegen, zu dem sich Hahnemanns "Organon"-Motto bekennt, meint keineswegs denjenigen Weisen, dessen sogenannte Weisheit in der Nichtteilnahme an der Menschen Freud und Leid und an ihrer geistigen, seelischen und leiblichen Problematik und Qual besteht.
Diese Auffassung des "Weisen", so verbreitet sie in unseren Zonen immer sein mag, läuft, wenn man den jeweils "Weisen" etwas näher besichtigt, darauf hinaus, dass er lediglich seniler (pardon: ich bin Berliner!) ganz einfach "dof" ist.
Der China-Forscher Richard Wilhelm, wies demgegenüber einmal darauf hin, dass im Chinesischen die Schriftzeichen für den Weisen aus der Kombination der beiden Zeichen für "Blitz" und "Sturm" bestehen: was nicht jählings erleuchtet – auf die Gefahren, dass dieser und jener dabei schlechterdings erschlagen wird ("es haut ihn von den Socken") –, was nicht dahergebraust kommt wie Schöpfer-Odem, die einen aufrichtend und er-neuernd vom Wesen her, die andern beiseitefegend –, das ist nicht weise.
Nur wenn wir eine solche echte Vorstellung von dem haben, was ein Weiser und was Weisheit ist – und Hahnemann lebte mit der Welt der Chinesen in engstem inneren Kontakt und Geistergespräch –, nur dann können wir begreifen inwiefern es möglich ist, Weisheit zu wagen.
Die bloße scheinverklärte, scheinheilige oder heiligscheinende Teilnahmslosigkeit braucht weiß Gott nicht gewagt zu werden – und wehe dem Kranken, der einem solchen "Weisen", der kein Wegweiser, sondern bestenfalls ein Hinwegweiser der Patienten zu einem weniger "weisen" Behandler ist, in die Hände fällt, ohne ihn rechtzeitig zu durchschauen.
So viel zum Thema: Lehr- und Lernbarkeit der Homöopathie.
Sodann: Samuel Hahnemann, geboren am 10. April 1755 in Meißen und gestorben am 2. Juli 1843 in Paris, war zwar gewisslich Arzt, ganz regulärer, durch Approbation einer deutschen Universität legitimierter Mediziner – und das war er sogar zu seiner Zeit, zunächst einmal, in einem solchen Ausmaße und mit so hohem Rang, dass ihn sogar der Ruf auf den Lehrstuhl einer Universität erreichte.
Aber als er sich dann, nach Praxis-Jahren voller behandlerischer Unzufriedenheit mit sich selbst, von der Medizin freiwillig abwandte und dem leidlich sicheren Einkommen des Medicus – seine Familie war immerhin zehnköpfig! – entsagte, war er viele Jahre hindurch nichts als ein Literat gewesen, ein freies Federvieh, ein in jeder Hinsicht vogelfreies, umherzigeunernd um den kärglichen Lebensunterhalt für die seinen und sich hauptsächlich von Übersetzungen ausländischer Sachbücher bestreitend, da war er eben ganz bewusst kein Arzt mehr: nicht zufällig bloß, weil er, statt zu praktizieren, unter die Publizisten geraten war, sondern mit voller Absicht, indem er allem, was damals offizielle Medizin hieß, regulär abgeschworen hatte.
Dieser nicht-, dieser antiärztliche Arzt, dieser Arzt gewesene Nicht- und Anti-Arzt fand schließlich, vom Jahre 1790 an – und über den berühmten Selbstversuch an sich mit Chinarinden-Tinktur – zur Homöopathie, seiner großen Entdeckung, die er ab 1796 in Veröffentlichungen der ärztlichen Welt zugänglich zu machen begann, nun wieder – ja nun erst überhaupt! – Arzt, aber ein Arzt, dessen Arzttum u.a. auch darin bestand, sich schärfstens gegen die offizielle Medizin seiner Zeit, der vergangenen Zeiten und, das darf ich guten Gewissens sagen, auch aller kommenden Zeiten wenden.
Er, der durch Approbation und medizinischen Dr.-Titel als Schulmediziner Abgestempelte, stand und steht mit seiner Gestalt und seiner Lehre nicht nur der Schulmedizin so radikal 180 Grad gegenüber und vor allem um eine Dimension höher als sie, dass ich nicht weiß, ob alle der hier Anwesenden – auch der anwesenden Heilpraktiker vor allem – ihm darin ähnlich gesinnt, ach auch nur entfernt ähnlich gesinnt sein mögen.
Es ist, meine sehr verehrten Damen und Herren, hier nicht der Ort und die Stunde, auf das, was ich Ihnen bisher jetzt vortrug, näher einzugehen. Wer sich darüber informieren will, sei auf die zuständige Literatur hingewiesen – und wenn ich Ihnen aus deren Fülle u.a. ein bestimmtes Buch nennen möchte, das den Titel trägt. "Samuel Hahnemann; Idee und Wirklichkeit der Homöopathie", so nur, und sonst gewisslich aus keinem anderen Grunde, weil ich genauer als jeder andere weiß, dass Hahnemann selbst es überwachte, dirigierte und korrigierte, als es geschrieben wurde; geschrieben wurde es von mir, aber dafür kann ich nichts und dessen darf ich mich auch nicht rühmen – zumal es ein ungewöhnlich erfolgloses Buch blieb seit den 15 Jahren, die es im Buchhandel oder zumeist abseits davon nicht blüht, sondern welkt –, dafür kann nur Hahnemann.
Auch mich also hat er auf dem Gewissen, auf dem guten Gewissen: und wenn ich im Zusammenhang mit jenem Buch gelegentlich doch einmal Anwandlungen von Stolz habe, so sind es, genauer besehen, eigentlich Verwunderungen; Verwunderungen darüber, dass Hahnemanns Genius sich eines so fragwürdigen und fragilen Instruments, wie ich es bin, bediente, um in unserer Zeit auf eine ihm gemäße Weise zum Worte zu kommen.
Wir gingen aber, meine Daunen und Herren, vom "Organon der Heilkunst" aus. Was diese sogenannte "Bibel der Homöopathie" betrifft, kann und muss ich Ihnen nun freilich – über das soeben Gesagte, das ja weit weniger mit mir als vor allem mit Hahnemann zu tun hatte, hinaus – etwas tatsächlich Persönliches berichten.
Ich gelangte vor rund 23 Jahren zur Homöopathie, die mich seitdem nie wieder losließ. Auf dem 12. Internationalen Homöopathischen Kongress in Berlin, an dem ich teilnahm, hatte ein namhafter homöopathischer Arzt einen Vortrag über einen bestimmten Paragraphen des "Organon" zu halten (das "Organon" ist, genau wie die "Farbenlehre" von Goethe, in eine Einleitung und hernach in Paragraphen eingeteilt). Er sprach aber, als sein Vortrag an der Reihe war, über etwas ganz anderes – und er rechtfertigte seine spontane Umwandlung des Themas mit dem Hinweis, Hahnemanns "Organon" lese ja sowieso kein Mensch.
Niemand widersprach ihm oder protestierte, denn er hatte damals – zumindest was Deutschland angeht – recht. Inzwischen hat sich das Bild gewandelt, eigentlich erst seit 5 Jahren. Ich kann das nicht nur durch meinen ständigen Kontakt mit homöopathisch behandelnden Ärzten und Heilpraktikern, durch mein Verfolgen der homöopathischen Buch- und Zeitschriften-Literatur in deutscher Sprache (oder deutschen Übersetzungen), durch Kongress-Besuche u.dgl. beurteilen, sondern auch von meiner Tätigkeit als Fachlehrer für Homöopathie an der Deutschen Heilpraktiker-Fachschule in München her.
Hahnemann hat sich auf der Höhe seiner Meisterschaft, in Paris, wohin der Achtzigjährige nach seiner zweiten Ehe – einer Liebesheirat – mit einer 35jährigen Französin übersiedelte und wo er bis an die Schwelle des 89. Lebensjahres und bis an die Schwelle des Todes unermüdlich praktizierte und publizierte, brieflich darüber ausgelassen, dass er, selbst wenn er Jahrzehnte jünger wäre, nie wieder nach Deutschland zurückkehren würde, da dieses sein Vaterland das maximal Mögliche im Verhunzen der homöopathischen Heilkunst leiste.
Bis vor Kurzem traf das, selbstverständlich mit sehr rühmlichen Ausnahmen, den deutschen homöopathischen Nagel auf den nicht vorhandenen Kopf. Eine solche Ausnahme war schon zu Hahnemanns Lebzeiten der Empfänger jenes eben dem Inhalt nach wiedergegebenen Briefes, der Westfälische Jurist, Gutsherr und Botaniker Clemens Franz Maria v. Bönninghausen, einem Großmeister homöopathischer Heilkunst und – da er nun einmal nicht zu den approbierten Medizinern zählte – ein Heilpraktiker also, um es im heutigen Sprachgebrauch zu formulieren.
Hahnemann gab ihm schriftlich, dass er, Hahnemann selber, sich im eigenen Erkrankungsfalle von keinem anderen Arzt der Welt als von dem Freiherrn v. Bönninghausen kurieren ließe. Er nannte also den Heilpraktiker ohne Bedenken Arzt.
Seitdem, also seit mehr als 100 Jahren, wurde bei uns in Deutschland die Homöopathie durch den Zeitenstrom getragen von Ärzten, die dieserhalb Verfolgte und Verfehmte waren, von Heilpraktikern und von den homöopathischen Laien-Vereinen. Die Verfolgung ist der Homöopathie recht gut bekommen, weit besser zumindest als ihre teilweise Anerkennung durch die Schulmedizin oder gar als das Bestreben einiger Mediziner, die sich versehentlich homöopathische Ärzte nennen, das, was sie unter Homöopathie verstehen, der Schulmedizin anzubieten, damit die es in sich eingliedere nach vorheriger Amputation das Wesentlichen.
Wer hier etwa glaubt, ich spielte mit diesem Satz auf zwei Professoren, einen aus München und den ändern aus Stuttgart, an, den kann ich damit beruhigen, dass ich in der Tat auf diese beiden anspiele.
Im "Organon” ist die Psora-Lehre Hahnemanns am knappesten und gültigsten formuliert. Selbst unter den homöopathischen Ärzten der letzten 100 Jahre gab es nur wenige wirkliche Kenner des "Organon”, so z.B. den großen Emil Schlegel, der – Vorlesungs-Texte von James Tylor Kent mit einbauend – einen großartigen Kommentar zum"0rganon" verfasste.
Unter den Heilpraktikern und innerhalb der Laien-Vereine kannten noch weit weniger Homöopathen das "Organon" und die Psora-Lehre. Aber das wandelt sich jetzt, von Jahr zu Jahr, auch, sogar bei uns in Deutschland. Immer mehr deutsche Ärzte, immer mehr deutsche Heilpraktiker, die Homöopathie betreiben, verstehen unter Homöopathie tatsächlich Homöopathie. Immer ernsthafter bemüht man sich um Psora-Kuren.
Was nun ist Psora?
Psora heißt eigentlich nichts anderes als "Krätze". Aber nie und nimmer hat Hahnemann mit Psora die wirkliche Krätze, die durch Milben hervorgerufene Hautkrankheit, gemeint, deren parasitenbedingten Charakter er kannte und schon vor der Aufstellung seiner Psora-Lehre beschrieb.
Vielmehr wählte er das Wort Psora als Symbol – oder, um seine eigenen Worte zu verwenden, "um einen allgemeinen Namen zu haben" für das, was er tastsächlich unter Psora erkannt und verstanden, vor allem aber behandelt wissen wollte.
Es ist schwer, das Wesen der Psora nicht – wenngleich von einer anderen Ebene als der theologischen her – in Parallele zu setzen mit dem, was man Erbsünde nennt. Übrigens sind solche Parallelisierungen auch sonst naheliegend; ich erinnere an das großartige Wort des Philosophen Hans Blüher aus seinem "Traktat über die Heilkunde": "Krankheit ist Erbsünde sub specie individuationis".
Samuel Hahnemann war und blieb der Überzeugung, dass – um ihn wörtlich zu zitieren mit Formulierungen aus seiner Einleitung' zum "Organon" – "die meisten ja die allermeisten Krankheiten dynamischen (geistartigen) Ursprungs und dynamischer (geistartiger) Natur sind, ihre Ursache also nicht sinnlich zu erkennen ist."
Deshalb lehnte er eine heilkundliche Kausal-Spekulation schroff ab, die da von anatomischen, physiologischen und pathologischen Befunden am Leibe oder, wie es leider allzu oft der medizinischen Unweisheit letzter Schluss ist, am Leichnam des Kranken her Schlüsse auf das hin zieht, was solche Befunde hervorgebracht hat und was sich stets im prinzipiell geheimnisvollen Walten der Dynamis abspielt.
Prinzipiell geheimnisvoll: das bedeutet nun keineswegs, dass diese Dynamis, dieses gestaltgebende und funktionenschaffende Spiel der Lebenskraft der Organismen ein lediglich philosophisches Gespinst oder Gespenst sei.
Sie wissen vielleicht oder hoffentlich, meine Damen und Herren, dass um die Jahrhundertwende der große Hans Driesch – damals noch Experimental-Zoologe an der Zoologischen Station in Neapel – mit Hilfe der Trennung von Seeigel-Keimen, die sich in der Entwicklung befanden, nicht etwa, wie das die sogenannten Entwicklungsmechaniker erwarteten, hernach zwei halbe Seeigel-Larven von normaler Größe, sondern zwei ganze, voll ausgebildete Seeigel-Larven, jedoch von halber Größe, erzielte.
Der Architekt, der unsichtbare, steckt und waltet im Zell-Material: jener Architekt, den wir Lebenskraft, Dynamis oder, mit Aristoteles, Goethe und Hans Driesch Entelechie nennen, auf Deutsch: "inneres Werdeziel".
In dieser Entelechie steckt nach Hahnemann das, was die Gesundheit erhält oder was zu Erkrankungen führt, niemals aber in den Befunden, die man an Leib und Leichnam Gesunder und Kranker erheben kann.
In einer – freilich an einer sehr entscheidenden – Stelle seiner Homöopathie wird Hahnemann nun, obwohl er sonst das kausal-spekulierende Denken und Handeln in der Heilkunst bekämpft und an dessen Stelle das Analogie-Denken als die der Homöopathie angemessene Methodik setzt, auf seine Weise dennoch (man muss dieses Wort allerdings in Anführungsstriche setzen) "kausal": dort, wo er von den chronischen Krankheiten spricht und, wörtlich, "von der allein nutzbaren Kenntnis ihres psorischen Ursprungs."
Unter chronischen Krankheiten verstand er, im Gegensatz zum sonst üblichen Gebrauch des Wortes, nicht solche, die lange dauern – ein Schnupfen, der jahrelang besteht, heißt ein chronischer Schnupfen –, sondern er nannte ein Kranksein chronisch, wenn es sich unter ständigem Wechsel seiner Symptomatik durchs ganze Leben des Patienten hinzieht. Und dieses Schicksal beginnt auf der Haut, deren Punktionen unterdrückt werden oder von selbst versiegen, sodass der vielgestaltige Prozess nach innen schlägt und den davon Befallenen, bei mannigfachem Erscheinungswechsel des jeweiligen Krankseins, lebenslänglich peinigt.
Da der Beginn auf der Haut zumeist durch Jucken, Bläschen o.dgl. gekennzeichnet ist, prägte Hahnemann das Symbolwort Psora.
Bedenken Sie bitte, meine Damen und Herren, dass die Haut dasjenige unserer Organe ist, mit dem wir unmittelbar an den Kosmos grenzen.
Wenn die aufnehmenden und vor allem die ausscheidenden Funktionen der Haut erlahmen, wenn das, was ihre Aufgabe ist, nach innen schlägt oder nach innen gedrängt wird, entsteht Psora, chronisches Krankwerden und Kranksein.
Psora ist Geiz gegen den Kosmos ist Bereitschaftsmangel, im Wechselgespräch mit dem All zu sein, ist Aussonderung des Menschen aus der Allflut, Sonderung also oder, da dieses Wort sich davon herleitet, ganz einfach Sünde.
Hat sich Psora einmal eingenistet, so wandert sie – nach Hahnemann – durch die Generationen, ja er spricht von ihr regelrecht als von dem "uralten Ansteckungs-Zunder" und von einem psorischen "Miasma" , womit er in beiden Fällen freilich nichts meint, was auch nur von fern der späteren bakteriologischen Ära entspräche, der es gelang, uns Menschen der Gegenwart ins antibiotische Verhängnis zu manövrieren und den bösen Formen des Exkrankens eine der bösesten hinzuzufügen: den Hospitalismus, den uns das Krankenhaus, das kranke Haus, mit wissenschaftlicher Akribie appliziert.
Der "uralte Ansteckungszunder" Psora ist, wie gesagt, nicht Sünde nur, er ist geradezu Erbsünde.
Die Psora, heißt es dann ferner im "Organon", kann "nie von dem Lebensprinzip allein besiegt oder ausgelöscht" werden, sie bedarf des kundigen Behandlers, sie bedarf – wenn es erlaubt ist, auf der Ebene der Heilkunst mit Worten zu sprechen, die der Theologie, der Kunde vom Heil entlehnt sind – einer Art Heiland-Stellvertreter, des in Psora-Kuren geschulten Homöopathen eben, der ja seinem Wesen nach kein Natur-, sondern ein Kunstheiler oder, wenn Sie das lieber hören mögen, ein Heilkünstler ist.
Zur Psora-Heilung bedarf es – ich halte mich wiederum an Hahnemann, ich bin nicht klüger als er, Sie sind es auch nicht, seine Kritiker aber sind samt und sonders wesentlich dümmer als er – "oft mehrerer, nacheinander anzuwendender, antipsorischer Heilmittel, doch so, dass jedes folgende dem Befunde der, nach vollendeter Wirkung des vorgängigen Mittels übriggebliebenen Symptomengruppe gemäß, homöopathisch gewählt werde" (§ 171 der 6. Aufl. des "Organon").
Was nun sind "antipsorische Mittel"?
Hahnemann hat sie in seinem dreibändigen Werk "Die Chronischen Krankheiten", dessen erste beide Bände 1828 erschienen, während der dritte 1830 folgte, in ihrem Wesen und ihrer Wirkung genau dargestellt. Da ich hier vor Fachleuten spreche, darf ich diese Mittel nennen. Es sind Acidum muriaticum, Acidum nitricum, Acidum phosphoricum, Acidum sulfuricum, Agaricus, Alumina, Ammonium carbonicum, Ammonium muriaticum, Anacardium, Antimonium crudum, Arsenicum, Aurum, Baryum carbonicum, Borax, Calcarea carbonica, Carbo animalis, Carbo vegetabilis, Causticum, Clematis, Colocynthis, Conium, Cuprum, Digitalis purppurea, Dulcamara, Euphorbium, Graphites, Guajacum, Hepar sulfuris, Jodum, Kalium carbonicum, Kalium nitricum, Lycopodium, Magnesium carbonicum, Magnesium muriaticum, Manganum, Mezereum, Natrium carbonicum, Natrium muriaticum, Petroleum, Phosphorus, Planinum, Sassaparilla, Sepia, Silicea, Stannum, Sulfur und Zincum.
Sieht man ab vom Fliegenpilz, dem Kaschoubaum, der Tier- und der Pflanzenkohle, der Waldrebe, der Koloquinte, dem Schierling, dem roten Fingerhut, dem Bittersüß, dem Euphorbium Kaktus, dem Guajak-Holz, dem Bärlapp, dem Seidelbast, der Sassaparille und dem Tintenfisch, so handelt es sich vorwiegend um Substanzen mineralischen Ursprungs – wobei allerdings zu bedenken ist, dass Hahnemann einerseits sein Kalkpräparat Calcarea carbonica aus Austernschalenkalk herstellte und dass andererseits die Tier- und die Pflanzenkohle organisches Material sind, von dem nicht viel mehr erhalten bleibt als das, was daran mineralischer Natur ist.
Ich weise auf das Überwiegen der Mineralien unter den antipsorischen Arzneien deshalb hin, weil das Mineralreich ja nicht – wie die Naturwissenschaft meint – das Ausgangsmaterial der irdischen Schöpfung war, aus dessen Bestandteilen alsdann durch Urzeugung oder welchen sonstigen Unfug auch immer mittels Zufall, Daseinskampf und Auslese das Lebendige zustande kam, um im Menschen zu gipfeln, der sich nunmehr wieder anschickt, auf nukleare Weise sich und alles übrige irdische Leben auszulöschen – –, sondern weil ganz im Gegenteil im Anfang das Leben war und weil das Mineralische ein Rückstand einstiger Lebensprozesse ist, eine Art Leichenstarre und Aschenrest kosmischer Psora, wenn ich es so ausdrücken darf.
Kein Wunder, dass der Genius Hahnemann gerade aus dem Mineralreich seine wirksamsten Antipsorica holte! Sulfur, der Schwefel, steht, wie Sie wissen werden, an der Spitze der antipsorischen Arzneien.
Interessant für unser Thema ist, dass Hahnemann meint, die Psora sei vom Urheber der Natur uns Menschen bestimmt – damit entspräche sie jener Kategorie des Exkrankens, die Paracelsus "Ens Dei" nannte –, seit Jahrhunderten und Jahrtausenden quäle psorisches Siechtum die Menschheit –: und, das kann Hahnemann dennoch nicht hinzuzufügen unterlassen, es wäre nicht so häufig zur Existenz gekommen, hätten nicht immer wieder die Ärzte die äußerlichen lokalen Symptome angetastet und hätten sie statt dessen auf homöopathische Weise im Organismus des psorischen Kranken das Erbübel systematisch ausgelöscht.
Wie sie das freilich, bevor er, Hahnemann, kam und die Psora-Lehre brachte, hätten tun kennen, darauf bleibt er uns auch im "Organon" die Antwort schuldig. Ein Buch aber und auch ein Mensch, die auf alles antworten kennen, sind verdächtig. Alles ist zu wenig, weniger ist mehr.
Psora ist Schicksal. Was die Patienten als Ursachen für ihr chronisches Kranksein angeben, etwa Durchnässung, Schreck, Verheben, Ärger usw., das stimmt nie, erklärt Hahnemann in einer Fußnote zum § 206 des "Organon": "Jene angeblichen Veranlassungen können nur Hervorlockungs-Momente" des "bedeutenden, hartnäckigen, alten Übels" sein, mehr nicht.
Von den Geschlechtskrankheiten abgesehen – auf die und auf deren Folgen er seltener stößt –, findet der Behandler zu allermeist, heißt es wörtlich im selben Paragraphen, "die Psora als alleinige Grund-Ursache aller übrigen chronischen Leiden (sie mögen Namen haben wie sie wollen), die vorher durch allopathische Unkunst oft noch obendrein verpfuscht und zu Ungeheuern erhöht und verunstaltet zu werden pflegen.
Die mir verfügbare Zeit hier wird nicht reichen, Ihnen die – ohnehin von Fall zu Fall andergestaltete – Methodik einer Psora-Kur auch nur im Prinzip so deutlich zu machen, dass Sie in Ihren Praxen daraufhin etwa ans Werk gehen könnten.
Immerhin möchte ich Ihnen, wiederum dicht bei den Aussagen des "Organon" verbleibend, einiges Wichtige mitteilen. Weder die Primär-Symptome einer sich manifestierenden Psora – diejenigen also, die auf der Haut ganz wortwörtlich "in die Erscheinung treten" noch die aus der Entwicklung des "Schicksals Psora" fernerhin entsprossenen Übel dürfen vom Homöopathen jemals äußerlichörtlich behandelt werden.
Erst nachdem die Gesamtsymptomatik des Kranken erforscht worden ist, wobei die geistigen und psychischen Symptome den höchsten Rang der Bewertung haben, wird das erste der – zunächst – ähnlichkeitsgemäß präzis zutreffenden, antipsorischen Mittel gewählt und verabfolgt.
War die Wahl richtig, so spult sich daraufhin, einem rückgedrehten Film ähnlich, die gesamte Pathographie des Kranken in umgekehrter Reihenfolge ab, d.h. die Heilung geht über Hervorrufung früher durchgemachter Symptome des Patienten sozusagen von innen nach außen und von jetzt nach damals.
Ich finde deshalb die Bezeichnung "chronische Krankheiten", wie. Hahnemann sie verwendet – eben weil man sie so leicht mit dem ganz anders gemeinten, gleichnamigen Begriff der offiziellen Medizin verwechselt – etwas unglücklich. Die Bezeichnung "biographische Krankheiten" fände ich besser, da sich der Prozess – mit seinen vielfachen Wandlungen während des Krankseins sowohl als auch beim Heilungs-Geschehen – durch ganze Strecken des Lebens hinzieht: und was die Krankheit betrifft, meistens, wenn nicht ein Homöopath Heilung erwirkt, durch das ganze Leben überhaupt, Ja durch das gesamte Leben eines Großteils der Menschheit in all ihren Generationen sogar.
Wenn nun ein Homöopath eine Psora-Kur vornimmt, so bleibt es fast nie bei ein- und demselben Mittel. Dem Wandel der rückgespulten Symptomatik passt sich die jeweils nötige neue Mittelwahl an, aber in sachgerechter Wertung, die dann eine andere Wert-Skala der Symptome und andere Perspektiven hat wie sie bei akuten und bei banaleren Formen des Erkrankens für die Homöopathie gültig sind.
Eine Psora-Kur kann, gemessen an den oft sekundenphänomenartigen Erfolgen der Homöopathie bei Formen akuten Erkranktseins, relativ lange dauern – aber sie führt, wenn sie vollendet ist, zu einem Ergebnis, das ich nur mit der Wiedergabe eines eigenen Erlebnisses deutlich machen kann.
Seit mehr als zwei Jahrzehnten ärgere ich mich darüber, dass eine große Anzahl homöopathischer Therapeuten es ablehnt, Hausbesuche zu machen. In der Tat läuft das leider allzu oft darauf hinaus, dass sie sich die Leichtkranken sichern: leichtkrank in dem Sinne, dass solche Patienten noch in der Lage sind, die Sprechstunde aufzusuchen.
Im Jahre 1940 erklärte mir ein ungewöhnlich genialer und erfolgreicher Homöopath – in diesem Falle ein Arzt, ein viel zu früh verstorbener, mit dem ich eng befreundet war –, auch er besuche keine Patienten daheim. Ich sagte zu ihm: "Es wäre mir aber ein verdammt unangenehmes Gefühl, wenn ich z.B. ein, zwei Jahre in, Deiner Behandlung stünde und dann irgendwann einmal eine Pneumonie oder akute fiebernde Cystitis bekäme, zu wissen, dass Du dann nicht herbeirufbar wärest!"
Er antwortete: "Von Patienten, die ein, zwei Jahre in meiner Behandlung stehen, wünsche ich gefälligst nicht, dass sie irgendwann einmal eine Pneumonie oder eine akute fiebernde Cystitis bekommen!"
Dieses Wort, meine Damen und Herren, bezog sich auf die Psora-Kuren.
Anders ausgedrückt: Ist eine solche Kur zu Ende geführt und gelungen, dann geht der Patient nicht nur gesünder aus ihr hervor, als er es zuvor, d.h. bevor er erkrankte, gewesen war – solches dürfte wohl auf jede echte lebensgemäße Heilung zutreffen –, sondern das Plus an Gesundheit, das er mit der gelungenen Psora-Kur gewann, hält zeitlebens vor.
Im Idealfalle. Nicht immer, nein: sehr selten sogar lässt sich solch ein Idealfall realisieren. Denn Kenner der Psora und Könner der Psora-Kuren sind selten – und das Seltene ist eben wirklich selten; wobei noch hinzukommt, dass nicht nur der alte Homer, sondern auch der alte Aeskulap zuweilen schläft.
Der alte Hahnemann Jedoch schlief nicht. "Zwölf Jahre", sagt er in der Fußnote zum § 80 des "Organon", "brachte ich darüber zu, um die Quelle jener unglaublich zahlreichen Menge langwieriger Leiden aufzufinden, diese der ganzen Vor- und Mitwelt unbekannt gebliebene, große Wahrheit zu erforschen, zur Gewissheit zu bringen und zugleich die vorzüglichsten (antipsorischen) Heilmittel zu entdecken, welche diesem tausendköpfigen Ungeheuer von Krankheit in seinen so sehr verschiedenen Äußerungen und Formen zumeist gewachsen wären...
Ehe ich mit dieser Kenntnis im Reinen war, konnte ich die sämtlichen chronischen Krankheiten nur als abgesonderte, einzelne Individuen behandeln lehren, mit den nach ihrer reinen Wirkung an gesunden Menschen bis dahin geprüften Arzneisubstanzen, so dass jeder Fall langwieriger Krankheit nach der an ihm anzutreffenden Symptomen-Gruppe, gleich als eine eigenartige Krankheit von meinen Schülern behandelt und oft so weit geheilt ward, dass die kranke Menschheit über den schon so weit gediehenen Hilfs-Reichtum der neuen Heilkunst frohlocken konnte.
Um wie viel zufriedener kann sie nun sein, dass sie dem gewünschten Ziele um so näher kommt, indem ihr die nun hinzugefundenen, für die aus Psora hervorkeimenden, chronischen Leiden noch weit spezifischeren homöopathischen Heilmittel und die spezielle Lehre, sie zu bereiten und anzuwenden, mitgeteilt worden, unter denen nun der echte Arzt diejenigen wählt, deren Arznei-Symptome der zu heilenden, chronischen Krankheit am meisten homöopathisch entsprechen, und so fast durchgängig vollständige Heilungen bewirken."
Aus diesem Zitat, meine Damen und Herren, können Sie zwei Dinge lernen: Einmal, dass sich gute Stilisten auch erlauben können, lange und komplizierte Sätze zu bilden – das atemlose Gejachter der Kurz-Sätze unserer Zeit gehört vielleicht auch zu alledem, was den Herzinfarkt vorbereitet –, und zweitens, dass "vollständige Heilungen" der Psora, die ein Schicksal ist, eine Schicksalswende wahrhaft ohnegleichen bedeuten.
Denn damit wird nicht nur ein einzelner Mensch gesund und erwirbt sozusagen Gesundheit mit Zinsen, nein, es kommt, da Psora nach Hahnemanns Worten ein "uralter Ansteckungs-Zunder" ist, der "nach und nach, in einigen hundert Generationen, durch viele Millionen menschlicher Organismen ging und so zu einer unglaublichen Ausbildung gelangte". Gesundheits-Substanz in die Menschheit und in die Menschheits-Zukunft hinein.
Die Menschheit bedarf dessen, die Menschheits-Zukunft, deren Prognose dem klinischen Blick nahezu infaust zu sein scheint, bedarf dessen erst recht und doppelt und dreifach.
Nicht mit Naturschutzpark-Anlagen für letzte Nabelbeschauer und Nüsseknacker, nicht mit Sandalen, autogenem Training und poröser Unterwäsche wird ein Plus an Gesundheits-Substanz in die Menschheits-Zukunft eingebaut, sondern durch gelungene Psora-Kuren.
Diese aber sind mithin keineswegs allein eine Angelegenheit der bloßen Therapie, sie sind und bleiben und werden immer stärker noch werden ein im tiefsten Grunde nur medizinal-theologisch begreif- und vollziehbarer Sakral-Akt echter, den Menschen meinenden, um ihn bangender, um ihn ringender, seine Menschwerdung fördernder Diesseits-Frömmigkeit.
Denn der Behandler, meine Damen und Herren, hat es mit dem Diesseits zu tun, der Kranke kommt zu ihm, weil er leben bleiben will.
Das Jenseits in allen Ehren, wir brauchen nicht zu drängen, wir kommen alle nach mehr oder minder kurzer oder auch meinetwegen langer Zeit dort an.
In der Therapie aber geht es um das Hier, um den alten Adam, den der Schöpfer aus Lehm vom Strande des Euphrat knetete.
Den muss man, wenn's auch schwerfällt, in seinem jeweiligen Exemplar, das man zu behandeln hat, lieben, obwohl Beelzebub, der Herr der Fliegen – und auch der Krätzmilben und auch der Psora, die mit den Krätzmilben nichts zu tun hat als ein wenig Namenszauber – sich mächtig einmischte in die Menschheit und deren Weg.
Samuel Hahnemann – das, hoffe ich, dürfte deutlich geworden sein – ist mit seiner Psora-Lehre nicht Arzt des Menschen allein geworden, wie er es mit der Homöopathie ohnehin schon war, sondern Arzt der Menschheit auf eine sehr geheimnisvolle Weise.
Und wenn ich, indem ich zu Ihnen von Psora als Schicksal und Schicksalswende sprach, soeben auf die Menschheits-Zukunft hinwies, so aus einem Grunde auch, den ich nicht anders formulieren kann als mit den Worten, mit denen mein Buch "Samuel Hahnemann" schließt:
"Sie hat kaum begonnen, die Homöopathie. Sie kann warten. Sie hat Zeit, weil sie Ewigkeit hat. Und deshalb wird sie das sein, als was Constantin Hering sie auf dem Titelblatt seiner Doktor-Arbeit bezeichnete:
‚Die Medizin der Zukunft‘"