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Meine sehr verehrten Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Liebe Freunde!

Die Homöopathie liefert uns ein besonders eindrückliches Beispiel, wie prinzipiell unberechtigt die – im Sinne einer Unvereinbarkeit oder gar Feindseligkeit oft genug noch behauptete – Verschiedenheit des Ärztestandes und des Standes der Heilpraktiker ist. Samuel Hahnemann, der die Homöopathie begründete und in ein lehr-, und lernbares System brachte, welches sich von anderen Systemen der Heilkunst dadurch unterscheidet, dass es unter einem festen Gesetz steht – dem Gesetz: "Similia similibus curentur!" "Ähnliches heile man durch Ähnliches! –: Samuel Hahnemann war Arzt. Aber, um mit dem Faust Goethes zu reden: "Hier stock ich schon!" Ich stocke gleich hinsichtlich zweier meiner Aussagen soeben.

Zunächst ist die Homöopathie nur von denjenigen lehr- und lernbar, die die angeborene (und alsdann freilich weitgehend ausbildbare) Fähigkeit mitbringen, Bilder zu schauen – statt bloß in Abstraktionen, in blutlosen Begriffen und scharfen, jedoch rasch vom sogenannten Fortschritt wieder stumpfgeschliffenen Kausalspekulationen zu denken –, und denen es überdies gegeben ist, solche Bilder auf die Grade und die Wertigkeit ihrer Ähnlichkeit hin zueinander in echte Beziehung zu setzen.

Wer z.B. in der "Reinen Arzneimittellehre" Hahnemanns die unendlich vielen Symptome der Prüfung einer Arznei am Gesunden liest, etwa Nux vomica, Brechnuss, oder Sulfur, Schwefel, der steht davor entweder wie die Kuh vorm neuen Tor – besser gesagt: wie der Nichts-als-Farben-Chemiker vor einem Gemälde -, oder es gelingt ihm, aus der erprüften Symptomen-Überfülle ein Wirkbild von Nux vomica oder von Sulfur wahrzunehmen.

Und hinzukommen muss dann noch, dass er auch an Hand der geistigen, seelischen, subjektiven und objektiven Symptome eines Kranken imstande ist, mit feinstem Sinn für ähnliches zu schauen, ob diese Gesamtsymptomatik, die ihm da in der Sprechstunde oder am Krankenbett zu erkennen gegeben wird – und die wiederum ein Bild ist, keineswegs ein Chaos von Daten und Befunden etwa – tatsächlich dem Bild einer Nux vomica-Prüfung am Gesunden überzeugend ähnlich ist und nicht etwa dem Bild einer/Ignatia-Prüfung.

In solchem Sinne sprechen wir ja denn auch in der Homöopathie von Arzneimittelbildern – die sich auf Prüfungen an Gesunden beziehen –, vom Symptomenbild des jeweiligen Kranken und von der heilenden Ähnlichkeit.

Die Lehr- und Lernbarkeit der Homöopathie ist mithin an Voraussetzungen gebunden, was sie freilich mit der Wissenschaft teilt, am meisten mit den sogenannten "voraussetzungslosen" Wissenschaften, die das bloß nicht wissen, mit der einigen Ausnahme der modernen Mikrophysik; der Unterschied ist lediglich der, dass es bei der Homöopathie künstlerische Voraussetzungen sind.

Aus diesem Grunde hat Hahnemann denn auch sein wesentlichstes Werk, das "Organon", in der 1 Auflage vom Jahre 1810 zunächst "Organon der rationellen Heilkunde" genannt, ihm aber bereits von der 2. Auflage an, im Jahre 1819 den Titel "Organon der Heilkunst" gegeben – bis zur 6. Auflage hin, die er 1841 in seinem 86. Lebensjahr bearbeitete und die erst 1921, "herrlich wie am ersten Tag" erscheinen konnte.

Er war bereits 9 Jahre nach der Erstfassung seines Meisterwerkes fortgeschritten von der "Kunde", der Gelehrsamkeiterrei für Prof. Hinz und Dr. habil. Kunz, zur "Kunst". Selbstverständlich ist auch Kunst lehr- und lernbar, sonst gäbe es weder Kunstschulen noch Meister-Ateliers, aber sie ist nur von denjenigen lehr- und für diejenigen lernbar, die den Kuss der Musen auf die Lippen statt den eiskalten und dennoch unsteten Blickstrahl der Minerva ins Gehirn gedrückt bekamen.

Außerdem hatte Hahnemann von der 2. Organon-Auflage an das Wort "rationell" auf dem Titelblatt seines Buches gestrichen, was – in die Sprache unserer Tage übersetzt – etwa heißen darf: "’Rationalisiere Deine Praxis, bringe sie mit diagnostischen und Hollerith-Maschinen auf Touren’, das eben ist nicht der Imperativ der Homöopathie an den Behandler, sondern im Gegenteil: ’Lasse sie zu einem Kunst-Tempel werden, darinnen es, streng individualisierend, zugeht wie, meinetwegen, im Atelier eines meisterlichen Porträt-Malers!’"

Und im Falle die Leser trotz alledem nicht gemerkt haben sollten, was Hahnemann mit der Wandlung des Wortes "Kunde" in "Kunst" und mit der Streichung des Adjektivums "Rationell" zu sagen beabsichtigte – schon auf der ersten Seite des "Organon", setzte er als Motto auf diese Seite, alle 5 Auflagen hindurch, die der 1. von 1810 folgten, den Spruch "Aude sapere", auf Deutsch: "Wage das Wagnis der Weisheit" – was wiederum im Gegensatz zu dem Imperativ steht, der sonst den Medikastern eingebläut zu werden pflegt, nämlich: Halte Dich laufend, auf dem Weg über das Gewisse, per Wissengschaftshuberei, im Banne der ’diesjährigen Lehrmeinung’".

Diese – das vergisst man leider meist hinzuzufügen – ist zwar im nächsten Jahre vom Sprinter "Fortschritt" abgehängt worden und wird dem, der nach 30 Jahren auf sie pocht, als Trottelei oder gar als Kunstfehler angekreidet, aber so lange sie gilt – kurzlebig und den Bizeps im jeweiligen Morgenrot des mit Recht Abendland genannten Terrains spielen lassend –, gilt der, der sie sich ins Hirn einkastelte, als "up to date".

Das "Wagnis der Weisheit" hingegen, zu dem sich Hahnemanns "Organon"-Motto bekennt, meint keineswegs denjenigen Weisen, dessen sogenannte Weisheit in der Nichtteilnahme an der Menschen Freud und Leid und an ihrer geistigen, seelischen und leiblichen Problematik und Qual besteht.

Diese Auffassung des "Weisen", so verbreitet sie in unseren Zonen immer sein mag, läuft, wenn man den jeweils "Weisen" etwas näher besichtigt, darauf hinaus, dass er lediglich seniler (pardon: ich bin Berliner!) ganz einfach "dof" ist.

Der China-Forscher Richard Wilhelm, wies demgegenüber einmal darauf hin, dass im Chinesischen die Schriftzeichen für den Weisen aus der Kombination der beiden Zeichen für "Blitz" und "Sturm" bestehen: was nicht jählings erleuchtet – auf die Gefahren, dass dieser und jener dabei schlechterdings erschlagen wird ("es haut ihn von den Socken") –, was nicht dahergebraust kommt wie Schöpfer-Odem, die einen aufrichtend und er-neuernd vom Wesen her, die andern beiseitefegend –, das ist nicht weise.

Nur wenn wir eine solche echte Vorstellung von dem haben, was ein Weiser und was Weisheit ist – und Hahnemann lebte mit der Welt der Chinesen in engstem inneren Kontakt und Geistergespräch –, nur dann können wir begreifen inwiefern es möglich ist, Weisheit zu wagen.

Die bloße scheinverklärte, scheinheilige oder heiligscheinende Teilnahmslosigkeit braucht weiß Gott nicht gewagt zu werden – und wehe dem Kranken, der einem solchen "Weisen", der kein Wegweiser, sondern bestenfalls ein Hinwegweiser der Patienten zu einem weniger "weisen" Behandler ist, in die Hände fällt, ohne ihn rechtzeitig zu durchschauen.

So viel zum Thema: Lehr- und Lernbarkeit der Homöopathie.

Sodann: Samuel Hahnemann, geboren am 10. April 1755 in Meißen und gestorben am 2. Juli 1843 in Paris, war zwar gewisslich Arzt, ganz regulärer, durch Approbation einer deutschen Universität legitimierter Mediziner – und das war er sogar zu seiner Zeit, zunächst einmal, in einem solchen Ausmaße und mit so hohem Rang, dass ihn sogar der Ruf auf den Lehrstuhl einer Universität erreichte.

Aber als er sich dann, nach Praxis-Jahren voller behandlerischer Unzufriedenheit mit sich selbst, von der Medizin freiwillig abwandte und dem leidlich sicheren Einkommen des Medicus – seine Familie war immerhin zehnköpfig! – entsagte, war er viele Jahre hindurch nichts als ein Literat gewesen, ein freies Federvieh, ein in jeder Hinsicht vogelfreies, umherzigeunernd um den kärglichen Lebensunterhalt für die seinen und sich hauptsächlich von Übersetzungen ausländischer Sachbücher bestreitend, da war er eben ganz bewusst kein Arzt mehr: nicht zufällig bloß, weil er, statt zu praktizieren, unter die Publizisten geraten war, sondern mit voller Absicht, indem er allem, was damals offizielle Medizin hieß, regulär abgeschworen hatte.

Dieser nicht-, dieser antiärztliche Arzt, dieser Arzt gewesene Nicht- und Anti-Arzt fand schließlich, vom Jahre 1790 an – und über den berühmten Selbstversuch an sich mit Chinarinden-Tinktur – zur Homöopathie, seiner großen Entdeckung, die er ab 1796 in Veröffentlichungen der ärztlichen Welt zugänglich zu machen begann, nun wieder – ja nun erst überhaupt! – Arzt, aber ein Arzt, dessen Arzttum u.a. auch darin bestand, sich schärfstens gegen die offizielle Medizin seiner Zeit, der vergangenen Zeiten und, das darf ich guten Gewissens sagen, auch aller kommenden Zeiten wenden.

Er, der durch Approbation und medizinischen Dr.-Titel als Schulmediziner Abgestempelte, stand und steht mit seiner Gestalt und seiner Lehre nicht nur der Schulmedizin so radikal 180 Grad gegenüber und vor allem um eine Dimension höher als sie, dass ich nicht weiß, ob alle der hier Anwesenden – auch der anwesenden Heilpraktiker vor allem – ihm darin ähnlich gesinnt, ach auch nur entfernt ähnlich gesinnt sein mögen.

Es ist, meine sehr verehrten Damen und Herren, hier nicht der Ort und die Stunde, auf das, was ich Ihnen bisher jetzt vortrug, näher einzugehen. Wer sich darüber informieren will, sei auf die zuständige Literatur hingewiesen – und wenn ich Ihnen aus deren Fülle u.a. ein bestimmtes Buch nennen möchte, das den Titel trägt. "Samuel Hahnemann; Idee und Wirklichkeit der Homöopathie", so nur, und sonst gewisslich aus keinem anderen Grunde, weil ich genauer als jeder andere weiß, dass Hahnemann selbst es überwachte, dirigierte und korrigierte, als es geschrieben wurde; geschrieben wurde es von mir, aber dafür kann ich nichts und dessen darf ich mich auch nicht rühmen – zumal es ein ungewöhnlich erfolgloses Buch blieb seit den 15 Jahren, die es im Buchhandel oder zumeist abseits davon nicht blüht, sondern welkt –, dafür kann nur Hahnemann.

Auch mich also hat er auf dem Gewissen, auf dem guten Gewissen: und wenn ich im Zusammenhang mit jenem Buch gelegentlich doch einmal Anwandlungen von Stolz habe, so sind es, genauer besehen, eigentlich Verwunderungen; Verwunderungen darüber, dass Hahnemanns Genius sich eines so fragwürdigen und fragilen Instruments, wie ich es bin, bediente, um in unserer Zeit auf eine ihm gemäße Weise zum Worte zu kommen.

Wir gingen aber, meine Daunen und Herren, vom "Organon der Heilkunst" aus. Was diese sogenannte "Bibel der Homöopathie" betrifft, kann und muss ich Ihnen nun freilich – über das soeben Gesagte, das ja weit weniger mit mir als vor allem mit Hahnemann zu tun hatte, hinaus – etwas tatsächlich Persönliches berichten.

Ich gelangte vor rund 23 Jahren zur Homöopathie, die mich seitdem nie wieder losließ. Auf dem 12. Internationalen Homöopathischen Kongress in Berlin, an dem ich teilnahm, hatte ein namhafter homöopathischer Arzt einen Vortrag über einen bestimmten Paragraphen des "Organon" zu halten (das "Organon" ist, genau wie die "Farbenlehre" von Goethe, in eine Einleitung und hernach in Paragraphen eingeteilt). Er sprach aber, als sein Vortrag an der Reihe war, über etwas ganz anderes – und er rechtfertigte seine spontane Umwandlung des Themas mit dem Hinweis, Hahnemanns "Organon" lese ja sowieso kein Mensch.

Niemand widersprach ihm oder protestierte, denn er hatte damals – zumindest was Deutschland angeht – recht. Inzwischen hat sich das Bild gewandelt, eigentlich erst seit 5 Jahren. Ich kann das nicht nur durch meinen ständigen Kontakt mit homöopathisch behandelnden Ärzten und Heilpraktikern, durch mein Verfolgen der homöopathischen Buch- und Zeitschriften-Literatur in deutscher Sprache (oder deutschen Übersetzungen), durch Kongress-Besuche u.dgl. beurteilen, sondern auch von meiner Tätigkeit als Fachlehrer für Homöopathie an der Deutschen Heilpraktiker-Fachschule in München her.

Hahnemann hat sich auf der Höhe seiner Meisterschaft, in Paris, wohin der Achtzigjährige nach seiner zweiten Ehe – einer Liebesheirat – mit einer 35jährigen Französin übersiedelte und wo er bis an die Schwelle des 89. Lebensjahres und bis an die Schwelle des Todes unermüdlich praktizierte und publizierte, brieflich darüber ausgelassen, dass er, selbst wenn er Jahrzehnte jünger wäre, nie wieder nach Deutschland zurückkehren würde, da dieses sein Vaterland das maximal Mögliche im Verhunzen der homöopathischen Heilkunst leiste.

Bis vor Kurzem traf das, selbstverständlich mit sehr rühmlichen Ausnahmen, den deutschen homöopathischen Nagel auf den nicht vorhandenen Kopf. Eine solche Ausnahme war schon zu Hahnemanns Lebzeiten der Empfänger jenes eben dem Inhalt nach wiedergegebenen Briefes, der Westfälische Jurist, Gutsherr und Botaniker Clemens Franz Maria v. Bönninghausen, einem Großmeister homöopathischer Heilkunst und – da er nun einmal nicht zu den approbierten Medizinern zählte – ein Heilpraktiker also, um es im heutigen Sprachgebrauch zu formulieren.

Hahnemann gab ihm schriftlich, dass er, Hahnemann selber, sich im eigenen Erkrankungsfalle von keinem anderen Arzt der Welt als von dem Freiherrn v. Bönninghausen kurieren ließe. Er nannte also den Heilpraktiker ohne Bedenken Arzt.

Seitdem, also seit mehr als 100 Jahren, wurde bei uns in Deutschland die Homöopathie durch den Zeitenstrom getragen von Ärzten, die dieserhalb Verfolgte und Verfehmte waren, von Heilpraktikern und von den homöopathischen Laien-Vereinen. Die Verfolgung ist der Homöopathie recht gut bekommen, weit besser zumindest als ihre teilweise Anerkennung durch die Schulmedizin oder gar als das Bestreben einiger Mediziner, die sich versehentlich homöopathische Ärzte nennen, das, was sie unter Homöopathie verstehen, der Schulmedizin anzubieten, damit die es in sich eingliedere nach vorheriger Amputation das Wesentlichen.

Wer hier etwa glaubt, ich spielte mit diesem Satz auf zwei Professoren, einen aus München und den ändern aus Stuttgart, an, den kann ich damit beruhigen, dass ich in der Tat auf diese beiden anspiele.

Im "Organon” ist die Psora-Lehre Hahnemanns am knappesten und gültigsten formuliert. Selbst unter den homöopathischen Ärzten der letzten 100 Jahre gab es nur wenige wirkliche Kenner des "Organon”, so z.B. den großen Emil Schlegel, der – Vorlesungs-Texte von James Tylor Kent mit einbauend – einen großartigen Kommentar zum"0rganon" verfasste.

Unter den Heilpraktikern und innerhalb der Laien-Vereine kannten noch weit weniger Homöopathen das "Organon" und die Psora-Lehre. Aber das wandelt sich jetzt, von Jahr zu Jahr, auch, sogar bei uns in Deutschland. Immer mehr deutsche Ärzte, immer mehr deutsche Heilpraktiker, die Homöopathie betreiben, verstehen unter Homöopathie tatsächlich Homöopathie. Immer ernsthafter bemüht man sich um Psora-Kuren.

Was nun ist Psora?

Psora heißt eigentlich nichts anderes als "Krätze". Aber nie und nimmer hat Hahnemann mit Psora die wirkliche Krätze, die durch Milben hervorgerufene Hautkrankheit, gemeint, deren parasitenbedingten Charakter er kannte und schon vor der Aufstellung seiner Psora-Lehre beschrieb. 

Vielmehr wählte er das Wort Psora als Symbol – oder, um seine eigenen Worte zu verwenden, "um einen allgemeinen Namen zu haben" für das, was er tastsächlich unter Psora erkannt und verstanden, vor allem aber behandelt wissen wollte.

Es ist schwer, das Wesen der Psora nicht – wenngleich von einer anderen Ebene als der theologischen her – in Parallele zu setzen mit dem, was man Erbsünde nennt. Übrigens sind solche Parallelisierungen auch sonst naheliegend; ich erinnere an das großartige Wort des Philosophen Hans Blüher aus seinem "Traktat über die Heilkunde": "Krankheit ist Erbsünde sub specie individuationis".

Samuel Hahnemann war und blieb der Überzeugung, dass – um ihn wörtlich zu zitieren mit Formulierungen aus seiner Einleitung' zum "Organon" – "die meisten ja die allermeisten Krankheiten dynamischen (geistartigen) Ursprungs und dynamischer (geistartiger) Natur sind, ihre Ursache also nicht sinnlich zu erkennen ist."

Deshalb lehnte er eine heilkundliche Kausal-Spekulation schroff ab, die da von anatomischen, physiologischen und pathologischen Befunden am Leibe oder, wie es leider allzu oft der medizinischen Unweisheit letzter Schluss ist, am Leichnam des Kranken her Schlüsse auf das hin zieht, was solche Befunde hervorgebracht hat und was sich stets im prinzipiell geheimnisvollen Walten der Dynamis abspielt.

Prinzipiell geheimnisvoll: das bedeutet nun keineswegs, dass diese Dynamis, dieses gestaltgebende und funktionenschaffende Spiel der Lebenskraft der Organismen ein lediglich philosophisches Gespinst oder Gespenst sei.

Sie wissen vielleicht oder hoffentlich, meine Damen und Herren, dass um die Jahrhundertwende der große Hans Driesch – damals noch Experimental-Zoologe an der Zoologischen Station in Neapel – mit Hilfe der Trennung von Seeigel-Keimen, die sich in der Entwicklung befanden, nicht etwa, wie das die sogenannten Entwicklungsmechaniker erwarteten, hernach zwei halbe Seeigel-Larven von normaler Größe, sondern zwei ganze, voll ausgebildete Seeigel-Larven, jedoch von halber Größe, erzielte.

Der Architekt, der unsichtbare, steckt und waltet im Zell-Material: jener Architekt, den wir Lebenskraft, Dynamis oder, mit Aristoteles, Goethe und Hans Driesch Entelechie nennen, auf Deutsch: "inneres Werdeziel".

In dieser Entelechie steckt nach Hahnemann das, was die Gesundheit erhält oder was zu Erkrankungen führt, niemals aber in den Befunden, die man an Leib und Leichnam Gesunder und Kranker erheben kann.

In einer – freilich an einer sehr entscheidenden – Stelle seiner Homöopathie wird Hahnemann nun, obwohl er sonst das kausal-spekulierende Denken und Handeln in der Heilkunst bekämpft und an dessen Stelle das Analogie-Denken als die der Homöopathie angemessene Methodik setzt, auf seine Weise dennoch (man muss dieses Wort allerdings in Anführungsstriche setzen) "kausal": dort, wo er von den chronischen Krankheiten spricht und, wörtlich, "von der allein nutzbaren Kenntnis ihres psorischen Ursprungs."

Unter chronischen Krankheiten verstand er, im Gegensatz zum sonst üblichen Gebrauch des Wortes, nicht solche, die lange dauern – ein Schnupfen, der jahrelang besteht, heißt ein chronischer Schnupfen –, sondern er nannte ein Kranksein chronisch, wenn es sich unter ständigem Wechsel seiner Symptomatik durchs ganze Leben des Patienten hinzieht. Und dieses Schicksal beginnt auf der Haut, deren Punktionen unterdrückt werden oder von selbst versiegen, sodass der vielgestaltige Prozess nach innen schlägt und den davon Befallenen, bei mannigfachem Erscheinungswechsel des jeweiligen Krankseins, lebenslänglich peinigt.

Da der Beginn auf der Haut zumeist durch Jucken, Bläschen o.dgl. gekennzeichnet ist, prägte Hahnemann das Symbolwort Psora.

Bedenken Sie bitte, meine Damen und Herren, dass die Haut dasjenige unserer Organe ist, mit dem wir unmittelbar an den Kosmos grenzen.

Wenn die aufnehmenden und vor allem die ausscheidenden Funktionen der Haut erlahmen, wenn das, was ihre Aufgabe ist, nach innen schlägt oder nach innen gedrängt wird, entsteht Psora, chronisches Krankwerden und Kranksein.

Psora ist Geiz gegen den Kosmos ist Bereitschaftsmangel, im Wechselgespräch mit dem All zu sein, ist Aussonderung des Menschen aus der Allflut, Sonderung also oder, da dieses Wort sich davon herleitet, ganz einfach Sünde.

Hat sich Psora einmal eingenistet, so wandert sie – nach Hahnemann – durch die Generationen, ja er spricht von ihr regelrecht als von dem "uralten Ansteckungs-Zunder" und von einem psorischen "Miasma" , womit er in beiden Fällen freilich nichts meint, was auch nur von fern der späteren bakteriologischen Ära entspräche, der es gelang, uns Menschen der Gegenwart ins antibiotische Verhängnis zu manövrieren und den bösen Formen des Exkrankens eine der bösesten hinzuzufügen: den Hospitalismus, den uns das Krankenhaus, das kranke Haus, mit wissenschaftlicher Akribie appliziert.

Der "uralte Ansteckungszunder" Psora ist, wie gesagt, nicht Sünde nur, er ist geradezu Erbsünde.

Die Psora, heißt es dann ferner im "Organon", kann "nie von dem Lebensprinzip allein besiegt oder ausgelöscht" werden, sie bedarf des kundigen Behandlers, sie bedarf – wenn es erlaubt ist, auf der Ebene der Heilkunst mit Worten zu sprechen, die der Theologie, der Kunde vom Heil entlehnt sind – einer Art Heiland-Stellvertreter, des in Psora-Kuren geschulten Homöopathen eben, der ja seinem Wesen nach kein Natur-, sondern ein Kunstheiler oder, wenn Sie das lieber hören mögen, ein Heilkünstler ist.

Zur Psora-Heilung bedarf es – ich halte mich wiederum an Hahnemann, ich bin nicht klüger als er, Sie sind es auch nicht, seine Kritiker aber sind samt und sonders wesentlich dümmer als er – "oft mehrerer, nacheinander anzuwendender, antipsorischer Heilmittel, doch so, dass jedes folgende dem Befunde der, nach vollendeter Wirkung des vorgängigen Mittels übriggebliebenen Symptomengruppe gemäß, homöopathisch gewählt werde" (§ 171 der 6. Aufl. des "Organon"). 

Was nun sind "antipsorische Mittel"?

Hahnemann hat sie in seinem dreibändigen Werk "Die Chronischen Krankheiten", dessen erste beide Bände 1828 erschienen, während der dritte 1830 folgte, in ihrem Wesen und ihrer Wirkung genau dargestellt. Da ich hier vor Fachleuten spreche, darf ich diese Mittel nennen. Es sind Acidum muriaticum, Acidum nitricum, Acidum phosphoricum, Acidum sulfuricum, Agaricus, Alumina, Ammonium carbonicum, Ammonium muriaticum, Anacardium, Antimonium crudum, Arsenicum, Aurum, Baryum carbonicum, Borax, Calcarea carbonica, Carbo animalis, Carbo vegetabilis, Causticum, Clematis, Colocynthis, Conium, Cuprum, Digitalis purppurea, Dulcamara, Euphorbium, Graphites, Guajacum, Hepar sulfuris, Jodum, Kalium carbonicum, Kalium nitricum, Lycopodium, Magnesium carbonicum, Magnesium muriaticum, Manganum, Mezereum, Natrium carbonicum, Natrium muriaticum, Petroleum, Phosphorus, Planinum, Sassaparilla, Sepia, Silicea, Stannum, Sulfur und Zincum.

Sieht man ab vom Fliegenpilz, dem Kaschoubaum, der Tier- und der Pflanzenkohle, der Waldrebe, der Koloquinte, dem Schierling, dem roten Fingerhut, dem Bittersüß, dem Euphorbium Kaktus, dem Guajak-Holz, dem Bärlapp, dem Seidelbast, der Sassaparille und dem Tintenfisch, so handelt es sich vorwiegend um Substanzen mineralischen Ursprungs – wobei allerdings zu bedenken ist, dass Hahnemann einerseits sein Kalkpräparat Calcarea carbonica aus Austernschalenkalk herstellte und dass andererseits die Tier- und die Pflanzenkohle organisches Material sind, von dem nicht viel mehr erhalten bleibt als das, was daran mineralischer Natur ist.

Ich weise auf das Überwiegen der Mineralien unter den antipsorischen Arzneien deshalb hin, weil das Mineralreich ja nicht – wie die Naturwissenschaft meint – das Ausgangsmaterial der irdischen Schöpfung war, aus dessen Bestandteilen alsdann durch Urzeugung oder welchen sonstigen Unfug auch immer mittels Zufall, Daseinskampf und Auslese das Lebendige zustande kam, um im Menschen zu gipfeln, der sich nunmehr wieder anschickt, auf nukleare Weise sich und alles übrige irdische Leben auszulöschen – –, sondern weil ganz im Gegenteil im Anfang das Leben war und weil das Mineralische ein Rückstand einstiger Lebensprozesse ist, eine Art Leichenstarre und Aschenrest kosmischer Psora, wenn ich es so ausdrücken darf.

Kein Wunder, dass der Genius Hahnemann gerade aus dem Mineralreich seine wirksamsten Antipsorica holte! Sulfur, der Schwefel, steht, wie Sie wissen werden, an der Spitze der antipsorischen Arzneien.

Interessant für unser Thema ist, dass Hahnemann meint, die Psora sei vom Urheber der Natur uns Menschen bestimmt – damit entspräche sie jener Kategorie des Exkrankens, die Paracelsus "Ens Dei" nannte –, seit Jahrhunderten und Jahrtausenden quäle psorisches Siechtum die Menschheit –: und, das kann Hahnemann dennoch nicht hinzuzufügen unterlassen, es wäre nicht so häufig zur Existenz gekommen, hätten nicht immer wieder die Ärzte die äußerlichen lokalen Symptome angetastet und hätten sie statt dessen auf homöopathische Weise im Organismus des psorischen Kranken das Erbübel systematisch ausgelöscht.

Wie sie das freilich, bevor er, Hahnemann, kam und die Psora-Lehre brachte, hätten tun kennen, darauf bleibt er uns auch im "Organon" die Antwort schuldig. Ein Buch aber und auch ein Mensch, die auf alles antworten kennen, sind verdächtig. Alles ist zu wenig, weniger ist mehr.

Psora ist Schicksal. Was die Patienten als Ursachen für ihr chronisches Kranksein angeben, etwa Durchnässung, Schreck, Verheben, Ärger usw., das stimmt nie, erklärt Hahnemann in einer Fußnote zum § 206 des "Organon": "Jene angeblichen Veranlassungen können nur Hervorlockungs-Momente" des "bedeutenden, hartnäckigen, alten Übels" sein, mehr nicht.

Von den Geschlechtskrankheiten abgesehen – auf die und auf deren Folgen er seltener stößt –, findet der Behandler zu allermeist, heißt es wörtlich im selben Paragraphen, "die Psora als alleinige Grund-Ursache aller übrigen chronischen Leiden (sie mögen Namen haben wie sie wollen), die vorher durch allopathische Unkunst oft noch obendrein verpfuscht und zu Ungeheuern erhöht und verunstaltet zu werden pflegen.

Die mir verfügbare Zeit hier wird nicht reichen, Ihnen die – ohnehin von Fall zu Fall andergestaltete – Methodik einer Psora-Kur auch nur im Prinzip so deutlich zu machen, dass Sie in Ihren Praxen daraufhin etwa ans Werk gehen könnten.

Immerhin möchte ich Ihnen, wiederum dicht bei den Aussagen des "Organon" verbleibend, einiges Wichtige mitteilen. Weder die Primär-Symptome einer sich manifestierenden Psora – diejenigen also, die auf der Haut ganz wortwörtlich "in die Erscheinung treten" noch die aus der Entwicklung des "Schicksals Psora" fernerhin entsprossenen Übel dürfen vom Homöopathen jemals äußerlichörtlich behandelt werden.

Erst nachdem die Gesamtsymptomatik des Kranken erforscht worden ist, wobei die geistigen und psychischen Symptome den höchsten Rang der Bewertung haben, wird das erste der – zunächst – ähnlichkeitsgemäß präzis zutreffenden, antipsorischen Mittel gewählt und verabfolgt. 

War die Wahl richtig, so spult sich daraufhin, einem rückgedrehten Film ähnlich, die gesamte Pathographie des Kranken in umgekehrter Reihenfolge ab, d.h. die Heilung geht über Hervorrufung früher durchgemachter Symptome des Patienten sozusagen von innen nach außen und von jetzt nach damals.

Ich finde deshalb die Bezeichnung "chronische Krankheiten", wie. Hahnemann sie verwendet – eben weil man sie so leicht mit dem ganz anders gemeinten, gleichnamigen Begriff der offiziellen Medizin verwechselt – etwas unglücklich. Die Bezeichnung "biographische Krankheiten" fände ich besser, da sich der Prozess – mit seinen vielfachen Wandlungen während des Krankseins sowohl als auch beim Heilungs-Geschehen – durch ganze Strecken des Lebens hinzieht: und was die Krankheit betrifft, meistens, wenn nicht ein Homöopath Heilung erwirkt, durch das ganze Leben überhaupt, Ja durch das gesamte Leben eines Großteils der Menschheit in all ihren Generationen sogar.

Wenn nun ein Homöopath eine Psora-Kur vornimmt, so bleibt es fast nie bei ein- und demselben Mittel. Dem Wandel der rückgespulten Symptomatik passt sich die jeweils nötige neue Mittelwahl an, aber in sachgerechter Wertung, die dann eine andere Wert-Skala der Symptome und andere Perspektiven hat wie sie bei akuten und bei banaleren Formen des Erkrankens für die Homöopathie gültig sind.

Eine Psora-Kur kann, gemessen an den oft sekundenphänomenartigen Erfolgen der Homöopathie bei Formen akuten Erkranktseins, relativ lange dauern – aber sie führt, wenn sie vollendet ist, zu einem Ergebnis, das ich nur mit der Wiedergabe eines eigenen Erlebnisses deutlich machen kann.

Seit mehr als zwei Jahrzehnten ärgere ich mich darüber, dass eine große Anzahl homöopathischer Therapeuten es ablehnt, Hausbesuche zu machen. In der Tat läuft das leider allzu oft darauf hinaus, dass sie sich die Leichtkranken sichern: leichtkrank in dem Sinne, dass solche Patienten noch in der Lage sind, die Sprechstunde aufzusuchen.

Im Jahre 1940 erklärte mir ein ungewöhnlich genialer und erfolgreicher Homöopath – in diesem Falle ein Arzt, ein viel zu früh verstorbener, mit dem ich eng befreundet war –, auch er besuche keine Patienten daheim. Ich sagte zu ihm: "Es wäre mir aber ein verdammt unangenehmes Gefühl, wenn ich z.B. ein, zwei Jahre in, Deiner Behandlung stünde und dann irgendwann einmal eine Pneumonie oder akute fiebernde Cystitis bekäme, zu wissen, dass Du dann nicht herbeirufbar wärest!"

Er antwortete: "Von Patienten, die ein, zwei Jahre in meiner Behandlung stehen, wünsche ich gefälligst nicht, dass sie irgendwann einmal eine Pneumonie oder eine akute fiebernde Cystitis bekommen!"

Dieses Wort, meine Damen und Herren, bezog sich auf die Psora-Kuren.

Anders ausgedrückt: Ist eine solche Kur zu Ende geführt und gelungen, dann geht der Patient nicht nur gesünder aus ihr hervor, als er es zuvor, d.h. bevor er erkrankte, gewesen war – solches dürfte wohl auf jede echte lebensgemäße Heilung zutreffen –, sondern das Plus an Gesundheit, das er mit der gelungenen Psora-Kur gewann, hält zeitlebens vor.

Im Idealfalle. Nicht immer, nein: sehr selten sogar lässt sich solch ein Idealfall realisieren. Denn Kenner der Psora und Könner der Psora-Kuren sind selten – und das Seltene ist eben wirklich selten; wobei noch hinzukommt, dass nicht nur der alte Homer, sondern auch der alte Aeskulap zuweilen schläft.

Der alte Hahnemann Jedoch schlief nicht. "Zwölf Jahre", sagt er in der Fußnote zum § 80 des "Organon", "brachte ich darüber zu, um die Quelle jener unglaublich zahlreichen Menge langwieriger Leiden aufzufinden, diese der ganzen Vor- und Mitwelt unbekannt gebliebene, große Wahrheit zu erforschen, zur Gewissheit zu bringen und zugleich die vorzüglichsten (antipsorischen) Heilmittel zu entdecken, welche diesem tausendköpfigen Ungeheuer von Krankheit in seinen so sehr verschiedenen Äußerungen und Formen zumeist gewachsen wären...

Ehe ich mit dieser Kenntnis im Reinen war, konnte ich die sämtlichen chronischen Krankheiten nur als abgesonderte, einzelne Individuen behandeln lehren, mit den nach ihrer reinen Wirkung an gesunden Menschen bis dahin geprüften Arzneisubstanzen, so dass jeder Fall langwieriger Krankheit nach der an ihm anzutreffenden Symptomen-Gruppe, gleich als eine eigenartige Krankheit von meinen Schülern behandelt und oft so weit geheilt ward, dass die kranke Menschheit über den schon so weit gediehenen Hilfs-Reichtum der neuen Heilkunst frohlocken konnte. 

Um wie viel zufriedener kann sie nun sein, dass sie dem gewünschten Ziele um so näher kommt, indem ihr die nun hinzugefundenen, für die aus Psora hervorkeimenden, chronischen Leiden noch weit spezifischeren homöopathischen Heilmittel und die spezielle Lehre, sie zu bereiten und anzuwenden, mitgeteilt worden, unter denen nun der echte Arzt diejenigen wählt, deren Arznei-Symptome der zu heilenden, chronischen Krankheit am meisten homöopathisch entsprechen, und so fast durchgängig vollständige Heilungen bewirken."

Aus diesem Zitat, meine Damen und Herren, können Sie zwei Dinge lernen: Einmal, dass sich gute Stilisten auch erlauben können, lange und komplizierte Sätze zu bilden – das atemlose Gejachter der Kurz-Sätze unserer Zeit gehört vielleicht auch zu alledem, was den Herzinfarkt vorbereitet –, und zweitens, dass "vollständige Heilungen" der Psora, die ein Schicksal ist, eine Schicksalswende wahrhaft ohnegleichen bedeuten.

Denn damit wird nicht nur ein einzelner Mensch gesund und erwirbt sozusagen Gesundheit mit Zinsen, nein, es kommt, da Psora nach Hahnemanns Worten ein "uralter Ansteckungs-Zunder" ist, der "nach und nach, in einigen hundert Generationen, durch viele Millionen menschlicher Organismen ging und so zu einer unglaublichen Ausbildung gelangte". Gesundheits-Substanz in die Menschheit und in die Menschheits-Zukunft hinein.

Die Menschheit bedarf dessen, die Menschheits-Zukunft, deren Prognose dem klinischen Blick nahezu infaust zu sein scheint, bedarf dessen erst recht und doppelt und dreifach.

Nicht mit Naturschutzpark-Anlagen für letzte Nabelbeschauer und Nüsseknacker, nicht mit Sandalen, autogenem Training und poröser Unterwäsche wird ein Plus an Gesundheits-Substanz in die Menschheits-Zukunft eingebaut, sondern durch gelungene Psora-Kuren.

Diese aber sind mithin keineswegs allein eine Angelegenheit der bloßen Therapie, sie sind und bleiben und werden immer stärker noch werden ein im tiefsten Grunde nur medizinal-theologisch begreif- und vollziehbarer Sakral-Akt echter, den Menschen meinenden, um ihn bangender, um ihn ringender, seine Menschwerdung fördernder Diesseits-Frömmigkeit.

Denn der Behandler, meine Damen und Herren, hat es mit dem Diesseits zu tun, der Kranke kommt zu ihm, weil er leben bleiben will.

Das Jenseits in allen Ehren, wir brauchen nicht zu drängen, wir kommen alle nach mehr oder minder kurzer oder auch meinetwegen langer Zeit dort an.

In der Therapie aber geht es um das Hier, um den alten Adam, den der Schöpfer aus Lehm vom Strande des Euphrat knetete.

Den muss man, wenn's auch schwerfällt, in seinem jeweiligen Exemplar, das man zu behandeln hat, lieben, obwohl Beelzebub, der Herr der Fliegen – und auch der Krätzmilben und auch der Psora, die mit den Krätzmilben nichts zu tun hat als ein wenig Namenszauber – sich mächtig einmischte in die Menschheit und deren Weg.

Samuel Hahnemann – das, hoffe ich, dürfte deutlich geworden sein – ist mit seiner Psora-Lehre nicht Arzt des Menschen allein geworden, wie er es mit der Homöopathie ohnehin schon war, sondern Arzt der Menschheit auf eine sehr geheimnisvolle Weise.

Und wenn ich, indem ich zu Ihnen von Psora als Schicksal und Schicksalswende sprach, soeben auf die Menschheits-Zukunft hinwies, so aus einem Grunde auch, den ich nicht anders formulieren kann als mit den Worten, mit denen mein Buch "Samuel Hahnemann" schließt:

"Sie hat kaum begonnen, die Homöopathie. Sie kann warten. Sie hat Zeit, weil sie Ewigkeit hat. Und deshalb wird sie das sein, als was Constantin Hering sie auf dem Titelblatt seiner Doktor-Arbeit bezeichnete:

‚Die Medizin der Zukunft‘"

Sehr verehrte Damen und Herren! Liebe Freunde!

Wenn wir Hahnemann feiern in dem Rahmen, der hier gesteckt ist, in Form eines Festvortrages zur Feier seines 200. Geburtstages, der am 10. April d. J. stattgefunden hat, dann müssen wir ihn ja wohl in seinem Geiste feiern und nicht im Geiste all dessen, was sich unter anderem auch noch Homöopathie nennt.

Es ist in diesem Jahre das zweite Mal, dass ich die Freude habe, vor Nichtärzten zu sprechen. Das erste Mal war es vor der Homöopathischen Laienbewegung in Stuttgart und dieses mal ist es vor Therapeuten, von denen ich voraussetzen darf, dass doch eine große Zahl homöopathische Therapeuten sind.

Nichts liegt mir ferner als einen Gegensatz aufzustellen zwischen homöopathischen Ärzten und homöopathischen Therapeuten ohne staatlichen Stempel. Die Homöopathie hat den homöopathischen Ärzten in ihrer Geschichte viel zu viel zu verdanken gehabt, als dass wir deren Beitrag gering veranschlagen wollen - und sogar heute noch, 1955, und sogar in Deutschland kommt es vor , daß die Homöopathie Ärzten einiges zu verdanken hat.

Andererseits hat sie viel zu verdanken den Laien und den Heilpraktikern.

Ich darf vielleicht zu Beginn meines Vortrages dar­ auf hinweisen, daß das Problem Arzt oder Heilpraktiker für Hahnemann selbst nicht bestand. Hahnemann hat auf der Höhe seiner Meisterschaft, als 80jähriger, einem einzigen Menschen das Zeugnis ausgestellt, wenn er, Samuel Hahnemann, einmal erkranken würde, so möchte er nur von diesem einen Einzigen behandelt werden - und dieser Mann war ein Nichtarzt, es war der Gutsbesitzer, Botaniker, Jurist Freiherr von Boenninghausen.

Es zieht sich durch die ganze Geschichte der Homöopathie bis zum heutigen Tage die Bedeutung der Heilpraktiker und der Laien, wozu ich auch diejenigen rechnen möchte, die, nachdem sie einmal in ihrer Praxis homöopathisch zu Ansehen, zu Erfolg, zu Ruhm gekommen sind, dann schließlich doch noch eine ärztliche Approbation erwarben, um behördlichen Schikanen zu entgehen. Zu diesen Leuten gehört der meistbeanspruchte Arzt, den die Medizingeschichte überhaupt kennt, der Postsekretär Arthur Lutze, der erst in Potsdam mit einem ungewöhnlichen Erfolg als klassischer Homöopath praktizierte, der dann nach Köthen ging nach Hahnemanns Tode, eine Praxis hatte von internationalem Ruhm und der schließlich, um Anfeindungen zu entgehen, die sich aus einem Regierungswechsel in Köthen ergaben, zum Schluss noch seinen ärztlichen Lizenzschein erwarb.

Zu den großen homöopathischen Heilpraktikern, Laienbehandlern, gehört auch August Zoeppritz, uns allen dadurch vertraut, dass er die Irisdiagnose in Deutschland einführte. Es gehört aber auch der Mann dazu, der die Irisdiagnose entdeckte, lgnaz von Peczely aus Budapest, dem es genauso ging wie Arthur Lutze. Erst nachdem er schon ein großer und reifer Könner war, nötigten ihn behördliche Schwierigkeiten, einen ärztlichen Approbationsschein in der Tasche zu tragen.

Wenden wir uns nun aber dem Manne zu, den wir heute zu feiern gedenken, Christian Friedrich Samuel Hahnemann, so müssen wir auch wiederum folgendes beachten:

Hahnemann hat von seiner Kindheit her, von Meißen her, nur ein Ziel vor Augen gehabt - Arzt zu werden - und hat dieses Ziel zäh verfolgt. Als man ihn väterlicherseits in die Kramerlehre steckte, gab er sich große Mühe, ihr wieder zu entrinnen. Sein Arzttum hat er sich sauer werden lassen. Er hat zweimal, was für ihn viel bedeutete, seine Studienorte gewechselt; Leipzig behagte ihm nicht, in Wien musste er sein Studium aufgeben, weil ihm das Geld ausging und musste sich dann einige Zeit in Siebenbürgen durchschlagen als Verwalter der Münzensam1mlung und als Bibliothekar des Barons von Brukental. Aber auch schon in Leipzig hatte er es nötig, durch Stundengeben als Sprachlehrer, durch Publikation von Übersetzungen, sich das Geld fürs Studium zu verdienen. Er war einer der ersten Werkstudenten, die wir überhaupt kennen.

Und als er dann Arzt geworden war, als er in Erlangen die Approbation und den Doktorgrad errungen hatte, da glaubte er, am Ziel seiner Wünsche angekommen zu sein, da glaubte er, kongruent zu sein mit seinem Ideal. Und dann praktizierte er und dann fiel ihm das auf, was auf alle anderen Ärzte vor ihm auch zutraf, was aber nur ihn allein bedrückte: die Medizin hat keine Sicherheit. Es fehlt ihr das Gesetz.

Ich stehe, sagte er sich, am Krankenbett, mit dem, was ich gelernt habe, mit dem, was ich im Gespür habe. Ich kann mich irren. Von dem, was ich gelernt habe her, irre ich mich fast immer. Von dem, was ich im Gespür habe, irre ich mich doch noch oft genug. Und aus Liebe zu seinem Arztberuf gab er ihn auf.

Und das war nicht einfach, denn er war als Arzt immerhin zu einem beachtlichen Ruhm gelangt, zu einem Ruhm, der so weit reichte, dass man ihn nach Dorpat als Universitätsprofessor holen wollte. Und überdies war er das Oberhaupt einer elfköpfigen Familie und seine Praxis ernährte ihn. Aber sie ernährte sein Gewissen nicht, sie vergiftete sein Gewissen.

Und da wagte er, das Arzttum liegen zu lassen. Er wagte es, mit seiner zahlreichen Familie, auf die Landstraßen zu gehen, von Ort zu Ort zu wandern, als Literat sich durchzuschlagen, als Übersetzer. Er verzichtete auf den Beruf, den er liebte, weil dieser Beruf des souveränen Therapeuten - als einen solchen hatte er sich den Arzt vorgestellt - ihm und allen anderen nicht das bieten konnte, was er als Grundlage wünschte, eben jene Sicherheit.

Mit dieser kurzen Skizze glaube ich im vorhinein die Frage beantwortet zu haben: Wie verdiente sich Hahnemann seinen Genius? Allgemeiner gesagt, wie verdient man sich überhaupt den Genius? Die Antwort ist sehr einfach - durch Opfer. Nur dem Opfernden strömt es zu. Und ein größeres Opfer als Hahnemann konnte man kaum bringen, dass er eben jenen Beruf, den er sich so schwer gemacht hatte, der ihm so schwer geworden war, in dem Augenblick im Stich ließ, wo Ruhm, Anerkennung, Finanzen da waren und in die Unwegsamkeit, in die Landstraßenhölle lieber ging als am Krankenbett oder in der Sprechstunde dem Kranken gegenüberzustehen mit dem Bewusstsein »Vielleicht hilft es - wahrscheinlich nicht!«.

Die Medizin ist durch Hahnemann erst , um einen Ausdruck des im Februar dieses Jahres verstorbenen großen deutschen Denkers Hans Blüher zu gebrauchen, »nobilitiert« worden. »Nur im Bereich der Oase um das Simile«, sagt Blüher, »ist die Medizin aus dem Zustande dumpfer Empirie hervorgewachsen in die Sicherheit des Handelns." Wo die Grenzen liegen, das werde ich Ihnen noch kurz zu sagen versuchen.

Empirie - Erfahrung, das ist ein Wort, das klingt immer sehr bestechend. Wenn sich jemand auf seine Erfahrung beruft, so glaubt man, das sei wohl das beste, was ein behandelnder Mensch tun könne.

Welche Wege, meine Damen und Herren, hatte denn die Medizin vor Hahnemann und welche Wege hat sie außerhalb des Bereichs, der Homöopathie heißt?

Im Grunde nur zwei :

- den des Bauens auf der Wissenschaft und

- den des Bauens auf der Erfahrung.

Die Wissenschaft, meine Damen und Herren, - verzeihen Sie in diesem Kreise meine Offenheit - ist ja oft keines Lächelns wert, viel eher schon einiger Tränen. Die Wissenschaft ist auf medizinischem Gebiet immer wieder der Meinung, man müsse die Ursache des Erkrankens suchen. Und die Ursachensuche ergibt dann die von der vermeintlichen Ursache her gefolgerte therapeutische Maßnahme. Nun hat das mit den Ursachen etwas peinliches an sich - sie wandeln sich alle 20, 30 Jahre. Ich brauche Ihnen die Liste dessen nicht aufzuzählen, was wir an Ursachen schon alles gehabt haben.

Es waren die Schärfen im Blut, es waren die Fluktuationen, es waren die plethorischen Zustände usw., usw., dann kam die Zeit Rokitansky's, der pathologischen Anatomie, dann kam die Zeit Virchow's, da war es die Zelle, und ich glaube das letzte, was jetzt als Mannequin der Kausalität über den Laufsteg gejagt wird, ist die neurozirkulatorische Dystonie. Wir werden auch diese überleben. Wir werden immer wieder nach dem Stande des Wissens, nach dem Stande der Mikroskopie, nach dem Stande der ärztlichen Hilfswissenschaften bald diese, bald jene Gruppen von Ursachen finden oder erfinden und werden sie nach einiger Zeit ad acta legen. Der Fortschritt, auf den sich die kausalanalytisch vorgehende Wissenschaft beruft, veraltet rasend rasch, er stirbt im Galopp an sich selber. Auf einem unsicheren Boden kann man als Therapeut gar nicht stehen, als wenn man sich der Ursachensucherei verschreibt, die z.B. im Jahre 1955 grade dran ist. Denn das eine kann man sagen, ohne Prophet zu sein, wir werden 1965 und 1995 ganz andere Gesichtspunkte der Ursachenfindung haben und mithin auch ganz andere Gesichtspunkte, nach denen die EG und andere Institutionen arbeiten, um diesen Ursachen therapeutisch nachzukommen, therapeutisch und kommerziell.

Mit der Erfahrung steht es in gewisser Weise besser. Es gibt alte Menschheitserfahrungen. Der Einlauf ist immer berechtigt, die Ableitung auf die Haut ist immer berechtigt usw. Aber um eine ganze Praxis von der Erfahrung her bestreiten zu können, muss man Anleihen machen bei der Erfahrung anderer. Wer sich auf die Erfahrung stellt zu Beginn seiner therapeutischen Tätigkeit, in dem Sinne, dass er die Erfahrung sammeln will, der muss natürlich damit rechnen, dass er auch eine Fülle misslicher Erfahrungen sammelt - und die gehen dann auf Kosten der Patienten. Es klingt so schön, wenn man sagt: »Damit habe ich gute Erfahrungen gemacht .« Es klingt unschön, wenn man sagt: »Damit habe ich miserable Erfahrungen gemacht.«

Ehe ein solcher Therapeut mit 60, 70 Jahren sagen kann, jetzt habe ich meinen Erfahrungsschatz beisammen, würde er, wenn er ein konsequenter Erfahrungstherapeut wäre, eben eine ganze Fülle schlechter Erfahrungen einkalkulieren müssen, aber »salus aegroti suprema lex - das höchste Gesetz ist das Wohl des Kranken", und dem darf man nicht zumuten, dass man, um einige gute Erfahrungen zu sammeln, eine Reihe schlechter macht. Um dem auszuweichen, gehen diejenigen, die sich allein der Erfahrung verschreiben, zu den anderen, die auch Erfahrungen gemacht haben.

Nun, meine Damen und Herren, auch in der Schulmedizin ist das ja so, dass man sich beruft auf die Erfahrungen dieses oder jenen Professors, auf die Erfahrungen dieser oder jener Klinik. Ich brauche nur ein einziges Beispiel zu sagen, die Ulcera des Magens und des Zwölffingerdarms. Ja nun, Molengracht hat die besten Erfahrungen, indem er überhaupt keine Diät verordnet, Kalk hat eine sehr strenge Diät, der Flensburger Glatzel meint, es seien rein psychologische Dinge, man muss ganz anders herangehen, alle berufen sich auf ihre ganz schrecklich sich widersprechenden Erfahrungen und nun hat man die Wahl, den Erfahrungen des einen zu trauen oder denen des anderen zu misstrauen und ehe sich das alles zurechtgeschaukelt hat und man mit seinen eigenen Erfahrungen so weit ist, da kann schon sehr viel Porzellan zerschlagen worden sein.

Was wir Hahnemann so außerordentlich verdanken, das ist eben die sichere Linie. Wie kam er zu ihr? Ich hatte Ihnen bereits gesagt, dass er seinen geliebten Beruf aufgegeben hatte, schmerzvoll aufgegeben hatte. Dass er ein freiwilliger Zigeuner geworden war, ein Federvieh, ein Schreiber und dass er nur mit Ach und Krach, immer Quartier um Quartier wechselnd - dazwischen lagen Planwagenreisen, die damals kein Vergnügen waren; auf einer solchen kam eines seiner Kinder ums Leben bei einem Unfall - dass er versuchte, sich durchzuschlagen durch Übersetzungstätigkeit. Und da auch in den Büchern, die er übersetzte, viel dummes Zeug stand - in Büchern steht ja oft sehr viel dummes Zeug - fühlte er sich verpflichtet, wo er es besser wusste, durch Fußnoten und Anmerkungen die Dinge richtigzustellen, die der Autor, den er gerade übersetzend vorhatte, seiner Meinung nach ungenügend oder falsch dargestellt hatte.

Und da kam das große Jahr 1790. Meine Damen und Herren, insofern ist es das große Jahr, weil in ihm der Heilkunst eine Richtlinie gegeben wurde, die sie nie wieder verlassen wird. In jenem Jahre 1790 übersetzte Samuel Hahnemann die Arzneimittellehre des schottischen Arztes Cullen und fand die Darstellung der Chinarindentinktur als eines überlegenen Heilmittels bei Wechselfieber. Nun kannte Hahnemann das Wechselfieber - würde ich an Zufall glauben, dann würde ich sagen, durch Zufall - weil er nämlich in Wien sein Studium unterbrechen musste - das Geld war ihm ausgegangen - und weil er, wie ich Ihnen das vorhin berichtete, als Bibliothekar und Sammlungsordner des siebenbürgischen Statthalters Baron von Brukental nach Siebenbürgen gegangen war. Und in Siebenbürgen gab es Wechselfieber; das gab es in Wien nicht, das gab es in Leipzig nicht, das gab es in seiner Geburtsstadt Meißen nicht. Infolge dessen kannte er das Bild dieses Wechselfiebers . Er las also bei Cullen: »Die Chinarindentinktur wirkt heilend auf Wechselfieber und zwar infolge ihrer magenstärkenden Kraft.«

Samuel Hahnemann sagte sich mit Recht: dieses ist Unsinn. Nicht, dass sie heilend wirkt, aber das wusste er, der Hochfiebernde fastet am besten und wenn man ihm den Magen stärkt in dem Sinne, dass der Magen sich tonisiert und Appetit bekommt, dann schädigt man ihn viel mehr als man ihm nützt.

Ich darf da vielleicht einflechten , dass Erwin Liek einmal gesagt hat, er operiere besonders ungern Ärzte, weil der Patient nach der Operation, die ja auch oft mit Fieber verbunden ist, keinen Appetit hat und weil der Laie dann die Speisen ablehnt, aber der im Banne der Kalorienlehre stehende Arzt futtert trotzdem in sich hinein, was möglich ist, um sich bei Kräften' zu erhalten und bekommt die schönsten Komplikationen.

Das war eine Erscheinung, die Hahnemann unabhängig von Operationen bei fiebernden Krankheiten auch sonst kannte; also mit einer magenstärkenden Kraft, das konnte wohl nicht sein. Und so fragte er sich, wie will ich denn in Erfahrung bringen, warum die Chinarinde überhaupt beim Erscheinungsbild des Wechselfiebers heilsam wirkt. Und da kam er auf die großartige Idee, sich zu sagen - eine Idee, die wie alle großen Ideen der Menschheit im Grunde einfach ist, aber es hat sie vor ihm keiner in dieser systematischen Form gehabt - er kam auf die Idee, sich zu sagen, wenn ich eine Arzneimittelwirkung wirklich sauber feststellen will, dann darf ich sie nicht am Kranken erproben, denn beim Kranken geht ja alles heillos durcheinander. Der Kranke ist ein entgleister Organismus. Er ist bemüht, aus den Bestrebungen der Naturheilraft heraus sich selbst wiederherzustellen und außerdem hat die Krankheit als solche auch noch ihre Symptome. Gebe ich also einem Kranken, wohlgemerkt zu dem Zweck, Arzneimittelwirkungen sauber zu erkennen, eine Arznei ein, so weiß ich nie, was aufs Konto dieser Arznei kommt, wenn ich mich beobachtend verhalte. Bekommt der Betreffende einen starken Schweißausbruch, wer sagt mir denn, dass das die Folge meiner Arznei ist? Er hätte ihn von der Krankheit her bekommen können. Bekommt er bestimmte Erscheinungen, Stiche, Atemnot oder was auch immer, es kann eine Nebenwirkung der Arznei sein, es kann aber auch ins Krankheitsbild gehören.

Der Kranke ist für die Herstellung einer reinen Erfahrung mit der Arznei ein ungeeignetes Objekt. Will ich die reine Wirkung der Arznei erproben, so muss ich sie erproben am Gesunden und der Gesunde, der dieses nun an sich erprobte, war Hahnemann zunächst selbst. Er hatte nicht nur seinen Beruf geopfert, nun wagte er sich auch daran, evtl. seine Gesundheit zu opfern, indem er nämlich Chinarindentinktur als Gesunder in einer ausreichenden Dosis sukzessiv einnahm. Und in der Tat, es entstand jetzt bei ihm ein Krankheitsbild. Eben jenes Krankheitsbild, das der Gesamtsymptomatik des Wechselfiebers, wie er es kannte, zum Verwechseln ähnlich sah, mit Ausnahme des eigentlichen Fieberschauders. Das sage ich deshalb, ich betone das deshalb, weil Sie überall in der offiziellen homöopathischen Literatur finden, dass die Herren Pharmakologen sagen, China macht ja gar kein Fieber - kann es in gewissen Fällen übrigens doch machen - und die Herren akademischen Vertreter der Homöopathie sagen, doch, es macht in vielen Fällen Fieber.

Das ist ein Streit um einen gegenstandslosen Prozess, denn Hahnemann bekam alle Erscheinungen, die zum Wechselfieber gehören, mit Ausnahme des eigentlichen Fieberschauders. Es entstand nicht dasselbe Bild, das man hat, wenn man an Wechselfieber leidet, sondern ein außerordentlich ähnliches. Und von da her ging ihm nun auf: Sollte vielleicht Arzneiwirkung überhaupt so beschaffen sein, dass diejenige Arznei, die an einem Gesunden geprüft, eine bestimmte Gesamtheit von Symptomen ergibt, die heilsame Arznei ist im Falle eines Kranken, der, ohne eine solche Prüfung hinter sich zu haben, von seiner Krankheit her eine ähnliche Symptomengesamtheit aufweist. Ich sage immer wieder Symptomengesamtheit, weil wir heute ja die Tendenz der Organspezifität haben, weil man heute es sich billiger machen will mit der Homöopathie und glaubt, das eine wirkt auf den Magen und das andere wirkt auf die Nase und das Dritte auf den Dickdarm. Solche Dinge gibt es auch, es gibt organspezifische homöopathische Arzneien, man kann damit sogar Gutes tun, aber das wirkliche große Leisten, das therapeutische souveräne Können, das, was die bedeutenden homöopathischen Therapeuten eben bedeutend gemacht hat, das geht doch aus vom Vergleich der Symptomengesamtheit des Kranken mit der Symptomengesamtheit des am Gesunden geprüften Mittels. Darüber hat Ihnen ja unser Freund und Meister Brix eben Ausführliches gesagt.

Meine Damen und Herren, es hat sehr lange gedauert, ehe Samuel Hahnemann von diesen seinen ersten Erkenntnissen her das erarbeitet hatte, was dann eines Tages vorlag in der Gestalt der »Reinen Arzneimittellehre«, die eine Zusammenstellung von Prüfungsprotokollen ist, welche er zunächst ermittelte in Form der Prüfung aller ihm zugänglichen Arzneien an sich, an seiner Familie, eben im eigensten persönlichen Umkreis, dann aber auch - denn nun konnte er wieder Arzt sein, nun hatte er wieder Erfolge, nun hatte er das Gesetz der Sicherheit, um das er gerungen hat - dann aber auch im Kreise seiner Schüler.

Ich muß dazu sagen, Hahnemanns Vater und Großvater waren kleine Kunsthandwerker, sie waren Porzellanmaler in der Königlichen Pozellanmanufaktur in Meißen und die Porzellanmalerei ist Miniaturmalerei. Von dieser Fähigkeit des Vaters und Großvaters a) zu schauen und b) auch bis ins Kleinste zu schauen, her, ist wohl Hahnemanns Begabung zu verstehen, feine, differenzierte, allerdifferenzierteste Beobachtungen machen zu können a) hinsichtlich derjenigen Symptomengesamtheiten in ihrer Fülle, die auftreten bei der Prüfung eines Mittels, b) hinsichtlich derjenigen Symptomengesamtheiten, die ein Patient in seiner individuellen, unaustauschbaren Struktur darbietet, wenn er krank darniederliegt. Diese Eigenschaft, zu schauen, genau zu schauen, keine Einzelheiten zu übersehen, sich ein Bild machen zu können, die muß der homöopathische Therapeut haben. Hat er sie nicht, verordnet er besser Aspirin.

Wer nicht in der Lage ist, feinste Ähnlichkeiten wahrzunehmen, und das ist ja eine Gabe - wird es im Umgang mit der Ähnlichkeitsarznei, mit dem homöopathischen Similemittel, nicht sehr weit bringen. Deshalb ist die Homöopathie auch nicht lehrbar. Und die wenigen Stätten, wo sie am Fließband gelehrt wird, in der therapeutischen Schnellbleiche - ich denke da speziell an das Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart - die liefern ja nicht all zuviel erfreulichen homöopathischen Nachwuchs.

Meine Damen und Herren, es ist mir fast peinlich, daß hier und da einmal Applaus kommt, wenn ich so böse Dinge sage, aber es sind auch genaue Beobachtungen, es ist nicht ein Affekt, es ist tatsächlich so, wenn ich das einmal abschweifend jetzt einschieben darf - die Homöopathie ist nichts fürs Krankenhaus!

Das Krankenhaus ist erstens das »kranke Haus«. Da liegen schon Bedingungen vor, die ohnehin therapeutisch unerfreulich sind, wenn man absieht von der technischen Nothilfe der Chirurgie, die aus bestimmten Gründen der Asepsis usw. natürlich im allgemeinen in der Privatwohnung nicht so durchzuführen ist wie im Operationssaal, wobei ich dahingestellt sein lassen möchte, daß man sich daheim an die Miasmen gewöhnt hat, die zum Hause gehören und daß ja Dinge, wie meinetwegen die Mastitis nach einer Geburt besonders gerne in Krankenhäusern auftreten. Aber zur Senkweise des Krankenhauses bei der internen Therapie gehört natürlich der Gesichtspunkt: siebenundzwanzig Fälle von Diagnose Soundso - behandelt mit dem Präparat XZY.

Und in der Homöopathie ist es eben so ganz anders! Die Homöopathie ist nichts für Krankenhaus. Das ist keine Entdeckung von uns allen hier, das ist eine Entdeckung vom alten Hahnemann. Als man in Leipzig das erste homöopathische Krankenhaus gründete, entzog er ihm bekanntlich geradezu mit einem Bannstrahl seinen väterlichen Segen.

Das Krankenhaus ist dann in übelsten Skandalaffären untergegangen und mehr oder minder ist es überall so geblieben. Das berühmte Hahnemann Medical College in Philadelphia, die Stätte, auf die viele große Homöopathen gehofft haben, Constantin Hering z. B. oder Richard Haehl, ist heute dasjenige Krankenhaus, das die zahlenmäßig meisten Erfahrungen mit der praefrontalen Lobotomie, also mit dem charakterverstümmelnden Gehirnschnitt, hat, mit jener Operation, die das Psychiatriegewerbe vornimmt, um die Menschen zu enthirnen, vom Vorderhirn her gesehen, was zur Folge hat, daß die Betreffenden in der mittleren Beamtenlaufbahn noch einsetzbar sind, aber alle höheren Funktionen nicht mehr ausgeübt werden können.

Um nicht beim Negativen zu verweilen - das Krankenhausproblem wollte ich nur kurz streifen, um zum Positiven zu kommen. Hahnemann hat eine wirkliche große Meisterschaft erst in der Hand gehabt, als er ein alter Mann war und so geht es den homöopathischen Therapeuten fast zwangsläufig. Man muß mit der »Reinen Arzneimittellehre« umgehen wie der katholische Geistliche mit seinem Brevier. Repetieren, immer wiederholen, immer neu! Die Arzneibilder in ihrer Symptomengesamtheit nicht nur sich ins Gedächtnis bringen, sondern, was noch viel wichtiger ist, in die Schau. Deshalb ist es so unglückselig, daß heute viele Tendenzen vorliegen, diesen mühseligen Weg abkürzen zu wollen .

Gewiß haben viele der homöopathischen Polychreste, der Mittel, die sehr weithin heilsam sind, wie z. B. Sulfur oder Nux vomica oder Lachesis, eine Fülle und Überfülle von Symptomen. Das hat dazu geführt , daß diejenigen, die alles sehr rasch aus einem kleinen Büchlein ablesen wollen, sich sagen, das kann sich ja doch keiner 'merken und nach einer gereinigten homöopathischen Arzneimittellehre röhren, wo man ihnen die Mehrzahl der Symptome herausgestrichen hat und dann nur einige organspezifische Anhaltspunkte drin hat. Man kann auch damit Homöophatie treiben, man sollte sie dann nur anders nennen!

Die wirkliche souveräne Meisterschaft , ich wiederhole es, gelingt nur beim intensiven Umgang mit den Bildern der Arznei, beim intensiven Umgang mit den Kranken und den Symptomen, die an ihnen zutage treten, in die Erscheinung treten.

So kommen wir zu dem ganz großartigen Zweiten, was wir Hahnemann zu verdanken haben. Hahnemann konnte sich nach der Findung des Similegesetzes freimachen von der Kausalspekuliererei. Die Frage der klassischen Homöopathie heißt niemals: hat der Patient einen Blasenkatarrh oder hat der Patient eine Pneumonie oder was auch immer, sondern sie heißt: ist der Patient ein Sulfurfall oder ist er ein Phosphorfall oder ist er ein Lyxopodiumfall? Die Homöopathie stellt eine Arzneimitteldiagnose. Der Weg der klassischen Homöopathie, wie sie uns Hahnemann gezeigt hat, führt vom Wahrnehmen der Symptome, die der Patient selbst klagt, der subjektiven Symptome, und der Symptome, die der Therpeut durch Untersuchung feststellt, der objektiven Symptome, direkt und ohne Zwischenschaltung zur Arznei hin.

Meine Damen und Herren, das ist es ja auch, was in diesem Kreise hier, den Heilpraktikern, soweit sie homöopathisch arbeiten, Vorsprung gibt. Sie brauchen den Patienten nicht 7 oder 12 oder 14 Tage in eine Klinik zu legen, wo man all die schönen Sachen macht, von denen einem hinterher der Diagnostiker sagt: »Wir stellen zwar in Ihrer Gallenblase keine Steine fest, es können aber doch welche drin sein," - »Sie haben zwar keine Ulcusnische, die wahrnehmbar ist, aber sie kann zugequollen sein,« Oder, um das schönste zu nehmen, die fraktionierte Aushebung, die einen ja bereits durch die bloße Technik so wahnsinnig ärgert, daß man je nach Charakter entweder zu viel oder zu wenig Magensaft produziert, schon wenn man diesen widerlichen Schlauch da drinnen hängen hat.

Meine Damen und Herren, ich muß einschränkend sagen, wenn ich das so darstelle, daß die Homöopathie den kurzen Weg von der Symptomengesamtheit zur Arznei hin findet, dann könnte sich das so anhören, als könne man nun mit der Homöopathie alles machen. Hahnemann hat recht genau gewußt, daß man mit der Homöopathie nicht alles machen kann. Sie hat ihre Grenzen. Und zwar hat sie zwei deutliche Grenzen. Sie hat einmal da ihre Grenze, wo die Reaktionsfähigkeit des Organismus erloschen ist. Bei einer schweren Kachexie, bei einem Marasmus kurz vor dem Ende ist der Organismus nicht mehr in der Lage, auf den individualspezifisch angepaßten Feinreiz der homöpathisch lege artis gewählten Arznei zu reagieren. Da ist in homöopathischer Hinsicht die Stunde zu spät.

Und dann hat sie natürlich auch ihre Grenze bei den wenigen, wenigen wirklichen chirurgischen Leiden, ich meine z. B. den durch einen Unfall zerrissenen Darm, der heilt nicht, ohne daß ihn ein Chirurg näht. Es gibt noch viele andere chirurgische Notwendigkeiten, das wissen Sie selbst, es gibt nicht ganz so viele, wie die Innere Medizin es behauptet und wie die Chirurgie es vielfach behauptet, aber es gibt noch einige und wir wollen dankbar sein, daß wir die Chirurgie haben. Sie ist nichts anderes als eine technische Notwendigkeit, aber das ist sie.

Und wir wollen auch dankbar sein, daß wir die Allopathie haben, die niemals heilt - Hans Bühler: »Allopathische Heilungen gibt es nicht!«, ein großes Wort, aber mit Berechtigung ausgesprochen - es gibt aber auch allopathisch die technische Nothilfe.

Nun sind wir, das gehört vielleicht mit zu dieser Stunde, es zu sagen, heute in Deutschland da angelangt, daß die offiziellen Vertreter der ärztlichen Homöopathie, ich muß sagen mit Ausnahmen, aber die Ausnahmen bringen wir in einer Telefonzelle unter, daß die ärztlichen Vertreter der gegenwärtigen Homöopathie immer mehr dazu neigen, ich brauche nur die Namen des Professors Salla zu nennen oder des Dozenten Dr. Ritter, die Homöopathie als eine bloße Hilfsmethode darzustellen, als eine Ergänzungstherapie, wie der Titel seines Lehrbuchs, Ritter's Lehrbuchs, heißt. In Wirklichkeit ist es natürlich genau umgekehrt. Ergänzung kann in einigen Fällen der Homöopathie gebracht werden von der allopathischen Maßnahme und vom Messer des Chirurgen .

Aber die Homöopathie hat in ihrer universellen Anwendbarkeit einige Schwächen, die aber nicht an unserem alten Meister Hahnemann liegen, sondern an den anderthalb Jahrhunderten, die seitdem gefolgt sind.

Die eine Schwäche ist die, wir haben ja noch viel zu wenig Arzneien geprüft. Wir haben erst rund 300 gut geprüfte Arzneien und die meisten hätten gerne, daß wir nur 10 hätten. Und vielleicht kann ich dieses Problem klarmachen an folgendem Falle. Wenn, um ein ganz banales Beispiel zu sagen, Hahnemann die Tollkirsche prüfte, die Belladonna, dann machte er es nicht so, daß er den Prüfer, sich selbst, seine Frau, seine Kinder, seine Schüler, mit Belladonnaextrakt vergiftete, gleich, denn dann entsteht das Bild schlagartig, daß eine feinere Symptomatik überrannt wird. Bei der Prüfung ging man sukzessive vor; erst mit so kleinen Dosen, daß man leichte, oberflächliche Symptome hatte, dann mit größeren usw. - Sie werden das ja meist kennen. Und das Ergebnis einer solchen Belladonnaprüfung sieht in seinen Hauptsymptomen etwa folgendermaßen aus:

Der gesunde Prüfer bekommt einen roten Kopf, er bekommt einen bellenden Husten, er bekommt einen trockenen Mund, Schluckbeschwerden, geschwollene Mandeln oft, klopfende Halsschlagadern und dergleichen. Wenn man zu einem kranken Kind gerufen wird, das nun genauso zu Bett liegt, als hätte es eine solche Prüfung mit Belladonnaextrakt hinter sich, dann freilich ist Belladonnaextrakt das überlegene Heilmittel, wie ja überhaupt in der Hausapotheke der Mutter Acoit, Belladonna, Chamomille nicht fehlen sollten.

Was machen wir nun aber, wenn uns ein Patient begegnet mit einer Symptomengesamtheit, die sehr eindrucksvoll ist, wenn sich aber unter den 300 gut geprüften homöopathischen Mitteln sein Simile noch gar nicht befindet, weil wir's noch gar nicht geprüft haben, weil das, was seinem Falle angemessen wäre, noch gar nicht vorliegt in der »Reinen Arzneimittellehre«? Das ist die heutige Grenze der Homöopathie.

Die Homöopathie kann ihrem Wesen nach keine Fortschritte machen, ihr Grundsatz , man heile Ähnliches, man wähle im Falle der Erkrankung dasjenige Mittel, das beim Gesunden eine ähnliche Symptomengesamtheit hervorgerufen hat, wie sie nun bei dem Patienten vorliegt, bleibt unerschütterlich. Das Gesetz »Similis similibus..." ist ein ewiges Gesetz. Die Fortschritte sind aber zu machen durch immer mehr und immer fleißigeres Prüfen. Wir haben erst 300 Mittel, wir werden weiter sein, wenn wir 3000 haben.

Und zweitens, wie steht es mit den Mitteln? Es ist kaum zu fassen, was ich Ihnen hier sage, aber es ist in der Tat so, dass diejenigen Arzneien, die Hahnemann in der 6. Auflage seines Organon herzustellen lehrte, die sog. Fünfzigtausender - Potenzen, sind in Deutschland in keiner Apotheke beziehbar. Wir müssen sie aus Frankreich beziehen. Wir haben sie hier nicht zur Verfügung. Hahnemanns großer Grundsatz, den er in die Zukunft hineinrief: »Machts nach, aber machts genau nach" ist zumindest hinsichtlich dieser seiner Hochpotenzen praktisch fast nicht durchführbar. Wir haben die Arzneien in dieser Form nicht zur Hand.

Damit will ich nicht sagen, daß etwa nur die höchstpotenzierte homöopathische Arzei in Frage kommt. Sie wissen selbst, daß man bei sehr vielen Mitteln mit der Urtinktur, mit ganz tiefen Potenzen gut auskommt; das wußte Hahnemann auch, wenn er auch im Alter zu immer höheren Potenzen heraufging, so war er dennoch kein extremer Hochpotenzler, sondern hatte nur seine besten, seine entscheidenden, seine persönlichkeitsumwandelnden Erfolge mit diesen seinen Hochpotenzen. Er verwandte aber auch tiefere und tiefe, z. B. Kampfer, wo es notwendig war.

Ein kurzes Wort noch zum Hochpotenzproblem. Die Hochpotenzler werden gerne bezeichnet als die »Sektierer". In Wirklichkeit sind selbstverständlich die Tiefpotenzler die Sektierer, denn die Tiefpotenzler beschränken sich auf einen Sektor, die tiefen Potenzen, während die Hochpotenzler sowohl die Hochpotenzen als auch die Tiefpotenzen verwenden.

Meine Damen und Herren, ich habe einiges vorweggenommen aus dem, was sich von Hahnemanns Weltbild her ergab. Es ist auch nicht meine Aufgabe, Ihnen heute, Hahnemanns ganze Lebensgeschichte zu erzählen, denn dann würden wir hier noch 2 Stunden sitzen. Ich möchte Sie aber doch noch auf zwei Dinge aufmerksam machen, die mit seinem Leben und Werk in ganz engem Zusammenhang stehen.

Das eine ist, als er sein Gesetz entdeckt hatte, als er es erhärtet hatte durch zahlreiche Prüfungen, zahlreiche Arzneien am Gesunden, und als er es erst recht erhärtet hatte, nun wieder Therapeut geworden, nun wieder arztend am Krankenbett mit seinem erstaunliche Erfolg, der ihn von Jahr zu Jahr in immer größerem Bereich begleitete, da nahm er zunächst an, diese seine Findung sei ein ganz rationelles Prinzip. Das sei etwas, was jeder begreifen kann, man prüft, man vergleicht, das muß eben gehen. Und je älter er wurde, desto mehr merkte er, daß es darauf ankommt, nicht nur Symptome abzulesen - beim Prüfungsprotokoll und beim Patienten - sondern mit einer eindringlichen Weisheit zu jener Schau zu gestalten, die die wirkliche Similiwahl erst möglich macht. Von den späteren Auflagen an heißt sein großes Werk, die Bibel der Homöopathie, nicht mehr wie einst »Organon der rationellen Heilkunde«, sondern es heißt »Organon der Heilkunst«. Auf das »rationelle« hatte er im Alter sich zu pfeifen erlaubt, obwohl er ein Kind der rationellen Ära war, mit der Ratio kommt man nicht sehr weit, am allerwenigsten in der Therapie . Und aus der Kunde, der Heilkunde, die man jedem beibringen kann, wurde die Heilkunst, das, was man noch dazu haben muß und was Sie in diesem Kreise viel besser verstehen, als wenn ich hier vor homöopathischen Ärzten oder gar vor nichthomöopathischen Ärzten spräche. Und er setzte sich dann als Motto über die späteren Auflagen seines Hauptwerks das Wort, das er gelesen hatte als Schüler in der Fürstenschule St. Afra in Meißen: Aude sapere - Wage, weise zu sein. Wage, weise zu sein! Es gehört zur Meisterung der Homöopathie, neben dem Gedächtnis, neben dem Visuellen ein erarbeitetes Quantum echter Weisheit, das ist auch ein Findungsprinzip, ein Findungsprinzip, welches die Sicherheit des bloßen Vergleichens noch erhöht. Sie alle werden die Situation kennen, dass man vor einem Patienten steht, bei dem man sich nun wirklich sagen muss, er hat Silicea-Züge und er hat auch Phosphor-Züge und vielleicht noch dies und jenes andere.

Da gibt es ja Möglichkeiten, man kann mischen, den Schrotschuss, wenn man Glück hat, ist vielleicht dasjenige dabei, was trifft. Am besten ist es natürlich, Doppelmittel oder Mehrfachmittel selbst zu mischen, sich die Komplexherstellung nicht abnehmen zu lassen von dem Apotheker oder der Großapotheke. Dann aber gibt es noch eine andere Möglichkeit: die Feinfühligkeit. Wer in der Lage ist, das Wagnis der Weisheit bei der Wahl eines homöopathischen Arzneimittels zu wagen, der kann es tun, wenn er darüber verfügt, mit dem dritten Auge, mit der Intuition - mit dem Wort Intuition wird ein wahnsinniger Missbrauch getrieben - wer nur von der Intuition her homöopathisch arzten will, wird nicht sehr weit kommen, man muss auch seine Arzneimittellehre beherrschen, aber wer nur mit der Arzneimittellehre arbeitet, ganz ohne Intuition, wird die letzte Meisterschaft auch nicht schaffen. Es gibt dann noch die Arzneifindungsmöglichkeiten des Pendels oder die, die uns erschlossen worden sind von Peczely und von seinen Schülern, wie wir sie hier im Kurs besonders vertreten haben in Herrn Angerer und Herrn Schwall und innerhalb der Deutschen Heilpraktikerschaft noch von vielen anderen.

Meine Damen und Herren, der alte Hahnemann hat an seiner Therapie zwar viel Freude gehabt, aber nicht an seinem Leben. Er hatte ja auch einmal den Versuch gemacht, das Universitätskatheder zu besteigen, um sehr bald zu begreifen, das Universitätskatheder ist nicht die Stätte, von der herunter Homöopathie gelehrt werden kann.

Er hatte sich dann zurückgezogen nach Köthen und hat als Eremit in Köthen eine riesengroße Praxis gehabt und wenig Freude an seinen Landsleuten und wenig Freude an seinen Schülern, die alle sichergehen wollten und die alle der Meinung waren, oder fast alle, wir nehmen doch noch lieber dieses und jenes aus der nicht homöopathischen Pharmazie hinzu, doppelt hält besser. Und gerade in der Homöopathie hält doppelt oft schlechter, wenn man die klare Wirkung der Arznei verwischt durch Zuhilfenahme allopathischer Maßnahmen.

Und es widerfuhr ihm dann das Wunder, das Ihnen wohl allen bekannt ist, dass ihn als 80jährigen in Köthen eine 35jährige Französin aufsuchte, Melanie d'Hervilly, eine junge Frau, die teils wegen eines schmerzhaften Leidens, teils weil sie ein wenig von der Homöopathie gehört hatte und weil sie dieses begeistert hatte, nach Köthen gekommen war aus Paris, um sich vom alten Meister , von dem jugendlichen 80jährigen, selbst behandeln zu lassen. Innerhalb eines Vierteljahres waren die beiden verheiratet, es war eine ausgesprochen glückliche Ehe - das Leben beginnt mit 80 - er ging nach Paris. In Paris fielen alle die Schikanen fort, die ihm sein liebes Vaterland hat angedeihen lassen und dort erst entstand nun der souveräne Hahnemann, der Mann, der nicht duldet, dass seine Patienten sterben, der Mann, der mit seinen hochpotenzierten Arzneien und mit seiner wunderbaren Fähigkeit zu wählen die geradezu legendären Erfolge hatte, von denen Sie ja wohl alle wissen.

Dennoch ist es auch ihm passiert, und das wird jedem homöopathischen Therapeuten passieren, dass er einmal falsch wählte und dann blieb eben die Heilung aus und trat erst dann ein, wenn er wieder richtig gewählt hatte. Ich sage das deswegen, weil das dümmste aller Argumente, das es überhaupt gibt, das Argument der Suggestion, zugleich das meistgebrauchte ist im Lager der Gegner der Homöopathie. Die Homöopathie hat mit Suggestion weniger als gar nichts zu tun. Man kann eine noch so suggestive Persönlichkeit sein, trifft man nicht, dann schießt man vorbei. Das ist auch dem alten Hahnemann so gegangen. Ganz abgesehen davon, dass ja die Homöopathie auch ihre deutlichen Erfolge hat bei richtiger Wahl des Mittels, wenn man sie anwendet bei Säuglingen, bei Tieren und selbst bei Ohnmächtigen.

In Paris starb er dann im 89. Jahr, lächelnd, freundlich - es gibt das wunderbare Totenbettbildnis von Butterweck - wissend, dass sein Werk getan war, wissend, dass er eine Persönlichkeit war, die im paracelsischen Geiste gelebt hatte - er selbst hätte diesen Ausdruck nie gebraucht, weil er Paracelsus für einen Scharlatan hielt - aber der große Schatten des Paracelsus stand ohne Zweifel hinter ihm, ganz abgesehen davon, dass sich ja auch beide Männer physiognomisch erschreckend, erstaunlich ähnlich sehen, was Sie alle kontrollieren können, wenn Sie das kleine Hahnemann-Etikett der Originalpackung der Firma Wilmar Schwabe etwa vergleichen mit dem Paracelsus-Portrait, das Sie auf den Packungen der spagyrischen Mittel der Firma Müller/ Göppingen sehen können. Die beiden sind sich zum Verwechseln ähnlich.

Hahnemanns ganze Hoffnung war die Zukunft. Schon sein großer Schüler Constantin Hering hatte seine Doktorarbeit über die Homöopathie betitelt : »Die Medizin der Zukunft«. Die Medizin der Zukunft wird auch die Homöopathie bleiben. Und ich glaube, dass ich damit schließen kann, zu sagen, wenn Hahnemanns ganze Hoffnung die Zukunft war, dann heißt das in diese Stunde übersetzt, Hahnemanns ganze Hoffnung sind wir! Und es liegt an uns, dass nun das zustande komme, was man ihm eigentümlicherweise verweigert hat bisher und was ja wohl auch kein Zufall gewesen sein kann; als der alte Mann fast 90jährig die Augen schloss und beigesetzt wurde, da lag schon lange sein Testament vor, in dem er sich u. a. gewünscht hatte, man möge ihm auf seinem Grabstein setzen die Worte: »Non inutilis vixi" - Ich habe nicht umsonst gelebt .

Diese Worte hat man ihm bei der ersten Bestattung nicht auf dem Friedhof Montmartre auf sein Grab gesetzt und als man gegen Ende des vorigen Jahrhunderts den Leichnam exhumierte und bei der Exhumierung die rührende Flasche im Sarge fand mit einem glühenden Liebesbrief seiner zweiten Frau drin, umschlungen von ihren Haaren, und man ihn auf dem Friedhof Père-Lachaise mit einem sehr würdigen Denkmal bestattete, hat man ihm wieder nicht auf den Grabstein gesetzt, seinem Wunsch gemäß: »Non inutilis vixi«.

Ich habe oft darüber nachgedacht, wie wohl das kommt und ich komme dann immer zu dem Ergebnis: Im großen und ganzen hat er halt doch umsonst gelebt, bis jetzt.

Wenn man sich überlegt, dass die Homöopathie der souveräne Weg ist, die gekonnte Homöopathie, das zu heilen, was überhaupt noch heilbar ist, dann ist die Schar derer, die dieses wirklich tun, eben doch eine recht kleine Schar. Und wie ich schon sagte, wir haben auch noch keine Arzneimittellehre, die über die paar hundert Arzneien hinaus gediehen ist. Wir spüren zwar in der ganzen Welt, dass man den alten Hahnemann kennt und verehrt, am wenigsten in Deutschland, nun, das sage ich nicht aus Bosheit. Brasilien hat eine Hahnemann-Briefmarke herausgebracht in diesem Jahr, Brasilien hat einen Hahnemann-Orden gestiftet. In Frankreich ist die Homöopathie so lebendig, dass man noch die Fünfzigtausender-Potenzen beziehen kann. Indien ist ein Land mit gemeisterter Homöopathie. In Spanien heißt die maßgebliche Zeitschrift »EI sol de Meißen« - die Sonne von Meißen - sie ehrt sogar in ihrem Titel den Geburtsort des großen Mannes. In Deutschland nennt der akademische Vertreter der Homöopathie sein Lehrbuch »Homöopathie als Ergänzungstherapie«. In Deutschland liegt vor allem, wie ich vor einigen Wochen mit Kummer sah, der gesamte handschriftliche Nachlass Samuel Hahnemanns unangerührt und ungesichtet im Keller des Robert-Bosch­-Krankenhauses. Es hat sich noch kein Mensch daran gemacht, diesen Schatz zu heben oder auch nur zu ordnen.

Wir wollen aber darüber nicht klagen, sondern wollen diese Stunde, die ja eine Feierstunde sein sollte, vielleicht am besten damit abschließen, daß wir uns geloben, ihm durch unsere therapeutische Existenz das zu verschaffen, was wichtiger ist als ein in Stein gemeißelter Grabspruch, nämlich vom hohen Drüben her, vom lichten Lande der Geister, in dem er wohnt und von dem er über uns waltet, ihm die Gewähr zu geben; was uns betrifft, soll Christian Friedrich Samuel Hahnemann nicht umsonst gelebt haben.

Homöopathia divina

Für den Adepten der klassischen Homöopathie ist deren Heillehre eine universelle Wahrheit. Er hält deshalb auch an Hahnemanns Prägung „Homöopathie“ fest und verwahrt sich gegen die heute mehr und mehr üblich werdende Benennungsform „Homöotherapie“, in der nicht das Geheimnis des Leidens mitschwingt.

Es ist nun überaus aufschlussreich zu sehen und zu erkennen, dass die christliche Erlösungslehre – bis in die letzten Einzelheiten hinein – gleichsam eine „Homöopathia divina“ darstellt. Das soll im folgenden nachgewiesen werden. Zuvor aber sei bemerkt, dass einer solchen Erkenntnis gegenüber zweierlei Einstellungen möglich sind. Der rein psychologisch – und damit relativistisch – eingestellte Betrachter einer derartigen Übereinstimmung zwischen Glaubenswahrheiten und heilkundlichen Anschauungen wird sich damit begnügen, zu konstatieren: Wenn die Menschenseele nach Erlösung ringt und sich eine Religion schafft, so bewegt sie sich dabei ganz von selber – wenigstens trifft das auf das Christentum zu – in homöopathischen Bahnen. Wer aber selbst gläubiger Christ ist, kommt zu einer weit bedeutsameren Erkenntnis, die etwa so formuliert werden konnte: Als Gott die Sündenkrankheit heilen wollte, verfuhr er nach dem Gesetz einer Homöopathia divina.

Damit wäre die Homöopathie unmittelbar göttlichen Ursprungs, und Hahnemann wäre lediglich ihr Übersetzer in die Sprache einer rational fassbaren Medizin. Hahnemann, der Rationalist und Empiriker, wäre im tiefsten Wesensgrunde ein – christlicher Mystiker!

Wem es peinlich ist, ein solches Doppelgesicht des Einsiedlers von Köthen anzuerkennen, möge getrost sein Zelt im Vordergrund-Gelände der Homöopathie aufschlagen, das weit und fruchtbar genug ist, um für ganze Generationen ein „Hortus sanitatis“ (Garten der Gesundheit) zu sein. Bedacht möge auch die weit verbreitete Idiosynkrasie (Eigentümlichkeit) gegen alles Überweltliche und gar Christliche werden, die Mephisto im „Urfaust“ in die Worte kleidet: „Ich weiß es wohl, es ist ein Vorurteil. Allein was hilft‘s, mir ist‘s einmal zuwider!“

Wenden wir uns nach diesen Vorbemerkungen der „Homöopathia divina“ selbst zu! Die Menschheit irrte – nach christlicher Vorstellung – mit dem Sündenfall vom Weg der rechten Entfaltung ab. Aus dieser „Sonderung“ vom Göttlichen, dieser Entordnung des Menschenwesens, ergab sich eine Sündenkrankheit, die sich als „uralter Ansteckungszunder“ (das Wort stammt von Hahnemann und wurde für die Psora geprägt!) von Generation zu Generation fortpflanzte. Es kam schließlich dahin, dass die Menschheit immer mehr im eigenen, sündhaften Wesen verhärtete und aus sich selbst heraus den Rückweg zu Gott nicht mehr zu finden vermochte. Ihre „Vis medicatrix naturae“ (Heilkraft der Natur) war verdorben und ohnmächtig geworden. Es musste eine gewaltige Heilstat geschehen, um eine Genesungsmöglichkeit zu schaffen.

Diese Heilstat vollzog Gott nach dem von ihm gegebenen Gesetz „Similia similibus“: Um das sündenkranke Menschenwesen in die rechte Einheit mit dem Schöpfer, in die wahre Gesundheit, zurückführen zu können, opferte er sich selbst in die Menschenähnlichkeit hinein. In Bethlehem wurde Gott Mensch, wurde das Wort Fleisch. Zu beachten ist, dass nur eine Ähnlichkeit vorliegt, denn der Christus ist „wahrer Mensch und wahrer Gott“ – es kann also nicht von einer „göttlichen Isopathie“ gesprochen werden. Christus, das fleischgewordene Simillimum gegen die Sündenkrankheit, vollzog keine „Homöotherapie“, indem er etwa nur „heilte“, sondern er litt für die Menschen, und seine Passionsgeschichte erst erhebt seine Tat zur wahren „Homöopathie“.

Nochmals: Der Gott wählt die Menschenähnlichkeit und geht – mit-sinnig – mit dem Leiden, rennt nicht gegen das Leiden an, sondern bejaht es und überwindet es von innen her. Der höhnische Schächer, der ihm zuruft, er solle doch vom Kreuz herabsteigen, wenn er wirklich Gottes Sohn sei, denkt typisch allopathisch. Erst dadurch, dass sich Christus bis in den Tod hinein dem Erdenleid gegenüber mitsinnig verhält, wird wirklich die Heilung der Sündenkrankheit errungen!

Aber auch in allem, was Christus den Jüngern offenbarte, lebt die Homöopathia divina. „Liebet eure Feinde“, das bedeutet doch – recht erfasst – keine schimpfliche Schwäche des Wesens, sondern: „Wandelt das Gift, das euch entgegentritt, durch mitsinnige Auffassung in „Heil!“ Ganz ebenso ist die – tief homöopathische – Ermahnung zu verstehen, man solle dem Übel nicht widerstreben. Und wenn die Welt gröblich auftritt, etwa durch den Streich auf eine Wange, so gilt es, ihr auch noch die andere zu bieten. Was bedeutet das? Es bedeutet, dass ein Gegenschlag nur symptomatischen Wert besäße, dass aber wahre „Heil-Kunst“ darin besteht, dem Urheber des Backenstreichs still und fest das eigene, unverletzliche, göttliche Wesen entgegenzusetzen. Das erst ist „kausale Therapie“ im Weltgetümmel!

Christi Menschwerdung (das Simillimum), seine Passion (das mitsinnige Wirken) und seine Lehre (die Überwindung der Welt durch „Nichtwiderstreben“) sind monumentale Offenbarungen einer göttlichen Homöopathie, die im Lauf der Jahrtausende das Antlitz der abendländischen Welt geprägt hat. Aber auch seine Einsetzung des Abendmahls, wobei sein Leib und Blut – seine Simillimum-Arznei! – den Jüngern anvertraut wird, hat eine ausgesprochene „homöopathische“ Tradition zur Folge gehabt: Diese Arznei wird im eucharistischen Gottesdienst seit zahllosen Generationen fort- und fortpotenziert. Man muss sich nur darüber klar sein, dass der Strom der apostolischen Sukzession ja im Grunde nichts anderes ist als der Strom der Arznei-Potenzierung des göttlichen Simillimum „Leib und Blut Christi“.

Niemand braucht in den vorstehenden Ausführungen ein Glaubensbekenntnis zu erblicken. Es genügt, wenn begriffen wird, dass die spirituellste Religion, die es in der Menschheit gibt, mit Recht den Namen verdient: Homöopathia divina.

Abschließend mag noch bemerkt werden, dass gerade Vertreter der klassischen Homöopathie in ihrem Wirken und Verkünden zahlreiche Beziehungen zur christlichen Weltanschauung herstellen. So betont z.B. Gisevius in seinen Arbeiten über Psora stets den Erbsünde-Charakter der Krankheit; Emil Schlegels gläubiges Christentum ist bekannt; O. Buchinger verbindet seit Jahrzehnten die homöopathische Arzneibehandlung mit der uraltchristlichen Methode des Fastens und Betens. All das ist kein Zufall, aber es mag Anlass sein, vielen Homöopathen das Lebensmotto Hahnemanns zuzurufen:

„Aude sapere!“ – „Wage, weise zu sein!“

Deutsche Zeitschrift für Homöopathie, Heft 2, 1941