Herbert Fritsche (1911–1960)
Erinnerungen und Nachrufe
Vorwort zu Das Wagnis, Mensch zu sein - Eine Einführung in Herbert Fritsches Werk von Werner Zachmann, erschienen im Verlag Winterwork, Borsdorf, 2011
Wer immer sich mit dem Werk Herbert Fritsches auseinandersetzt, wird rasch bemerken, dass er sich nicht in gewohnte Schemata einordnen lässt; auch dann nicht – oder gerade deswegen – wenn man das Glück hat, viele seiner Arbeiten, die zum Teil längst nicht mehr zugänglich sind, einsehen und aus der Fülle des Materials schöpfen zu können. Denn jede Grenzziehung zwischen den Themen, die er berührt, durch-dacht und uns dadurch aufgeschlossen hat, ist rein subjektiv und willkürlich und kann ihm, der stets das Ganze zu fassen suchte, nicht gerecht werden.
Deshalb kann und wird es nie einen Herbert Fritsche geben können, der sich von irgendeiner Seite guten Gewissens vereinnahmen ließe; weder von den Lebensreformern noch von den Heilkundigen oder den Okkultisten, denen er allesamt etwas zu sagen hatte. Immer wäre es nur ein Teil, ein fragmentarischer Abriss seines Schaffens und Findens, der mehr ver- als enthüllte. Erst die volle Breite seines Werkes, zu dem auch zahlreiche Gedichte gehören, die uns tief in der eigenen Seele anzurühren vermögen, lässt das Ganze in einer nie vorher gekannten Klarheit durchschimmern, die sich dennoch jeder alleine erarbeiten muss.
Wenn es Herbert Fritsche dennoch gelang, das Ganze an Einem sichtbar zu machen, an der Homöopathie, die ihm ein zentrales Anliegen und Motiv seines Lebens war, so deshalb, weil sich hier – nach seinem Verständnis – der ganze Schöpfungs- und Weltwerdungsmythos in kristallklarer Weise widerspiegelte.
In seinem 1941 erschienenen Artikel Homöopathia Divina, der hier nach langer Zeit erstmalig wieder der Öffentlichkeit vorgestellt wird, greift er bereits – schon ahnend, was in ihm veranlagt ist und darauf wartet, eingelöst zu werden – auf Zukünftiges zurück (diese scheinbar widersprüchliche Formulierung wurde bewusst gewählt, weil sie Herbert Fritsches Wirken und Verständnis am ehesten charakterisiert und dem Ist gerecht wird, auch wenn es paradox erscheint) und formuliert Gedanken, die erst später voll von ihm entwickelt werden. Diese tiefe Sicht, die weit über die Sicht der Vertreter der medizinischen Homöopathie hinausreicht, auch über die Hahnemanns, der doch zugleich Wegweiser für ihn war, lässt Einsicht erkennen.
Herbert Fritsches Werk ist ganz im Hier und Jetzt verankert. Durch seine Art hinzuschauen, gelingt es ihm, die Tür zum Dahinterstehenden zu öffnen. Er vermittelt Zusammenhänge, die das Gleichnishafte, das alles Äußere doch ist, sichtbar werden zu lassen und ebnet so den Weg zum Ganzen.
Mit dieser hier vorliegenden Zusammenstellung einer kleinen Auswahl seiner Arbeiten, die zum Teil nach langer Zeit wieder oder zum ersten Mal überhaupt veröffentlicht werden, soll der Zugang zu dem Werk Herbert Fritsches geebnet werden; einem Werk, von dem viele seiner Freunde sagen, dass es sich erst späteren Generationen voll erschließen werde. Denn seine Begriffs-Organe, seine Antennen reichten in Tiefen vor, die der Mehrzahl nicht nur nicht erreichbar sind, sondern deren Existenz nicht einmal geahnt wird.
In den vergangenen Jahren gab es, durch den Burgdorf-Verlag initiiert, eine Wiederauflage seiner bekanntesten Bücher. Und es ist sicher kein Zufall, wenn heute, fünfzig Jahre nach seinem Tod, eine erneute Nachfrage nach seinen Werken spürbar ist. Es spricht für uns Heutige, wenn wir uns seiner erinnern.
Werner Zachmann, im Juli 2011
Nachwort. In: Herbert Fritsche: Baum der Käuze. Gedichte, Briefe, Aufsätze. Herausgegeben von Hansjörg Viesel. Berlin: Corvinus Presse, 1991.
Am 8. Juni 1930 berichtet Gottfried Benn in der Literaturbeilage der VOSSISCHEN ZEITUNG zum Thema Künstlers Widerhall über seine Resonanz als Lyriker. Neben einer Studienrätin aus Mainz und einem Strauß von fünfundzwanzig Rosen beschreibt Benn ein Aufsatzheft, das er aus einem Neuköllner Gymnasium bekommen hat. „Das Thema eines Aufsatzes hieß: ,Meine Bekanntschaft mit einem modernen Dichter und seinem Werk', und ein Primaner hatte mich erwähnt. In einem vierzehn Seiten langen Essay von erstaunlicher Begabtheit erörtert er meine Arbeiten... Einmal hatte der Primaner geschrieben: ,Dies Gedicht las ich das erste mal in der Mathematikstunde und war berauscht.' Der Lehrer schrieb mit roter Tinte an den Rand: ,Sehr begreiflich, aber hören Sie doch lieber zu!'" Des Rätsels Lösung? Beim NEUKÖLLNER GYMNASIUM handelt es sich um das Kaiser-Friedrich-Realgymnasium in der Sonnenallee, der verständnisvolle Lehrer war der Studienrat Dr. Walter Feilchenfeldt („das Veilchen") und der erstaunlich begabte Primaner Herbert Fritsche. Durch das Schulheft kommt der erste persönliche Kontakt zustande, der bis zu Benns Tod 1956 fortdauerte. Fritsches langjähriger Freund und Verleger einiger seiner Bücher, Ernst Klett, beschreibt die ersten Jahre der Freundschaft: „...pendelnd von seinem Mansardenstübchen zu Gottfried Benn, jahrelang jede Woche einen Nachmittag, zum Romanischen Café, zu kessen Literaten, hintergründigen Morphinisten, zu Dunkelmännern und Heilmännern, zu den Interpreten eines heißen Nihilismus, bis dann der kalte Nihilismus das alles zerstörte."
Herbert Fritsche wurde am 14. Juni 1911 im damals noch selbständigen Rixdorf bei Berlin geboren. Als 16jähriger schrieb er seine ersten Verse, darunter ein Gedicht auf Jakob Haringer und eines nach CHAMBER MUSIC von James Joyce, dessen ULYSSES gerade in deutscher Übersetzung erschienen war.
Im September 1929 besteht er das Abitur und beginnt an der Berliner Universität mit dem Studium (Biologie, Zoologie, Psychologie und Philosophie). Noch im letzten Schuljahr gründet er den Verlag DIE MITTERNACHT, in dem seine ersten Gedichtbände DIE GLUHWÜRMCHEN-BARKAROLE und VERSCHNEITES ATELIER erscheinen. Die Gedichte erfahren von Anton Schnack, Hermann Hesse, Else Lasker Schüler, Gottfried Benn und Jakob Haringer Zustimmung. Sie alle waren dann auch Autoren von Fritsches Zeitschrift DER TAUGENICHTS. BLÄTTER EINES KLEINEN KREISES, die es 1930/31 auf drei Ausgaben brachte. Die Auswahl der weiteren Autoren zeigt, dass Fritsches Welt damals die aus- und untergehende literarische Boheme war: Arno Nadel, John Höxter, Paul Zech, Hugo Sonnenschein-Sonka, David Luschnat, Abraham Nathan Stenze!, daneben unbekannte und unbekannt Gebliebene, die sich in der vielfältigen literarischen Subkultur dieser Jahre und deren Zeitschriften und Anthologien trafen und deren Tonfall der späte expressionistische Aufschrei , das wissende Verschwörertum der Landstraße, der Morgenrot-Radikalismus und viel dunkle Nacht prägten. Bevor Fritsche seine Zeitschrift nach Eichendorff benannte, sollte sie NOTTURNO heißen.
Zugleich war Fritsche in dieser Zeit mit dem Pazifisten Paul Heinzelmann (Heinz EI-Mann) befreundet, der in der Revolutionszeit den ersten Proletarischen Buchladen in Berlin eröffnet hatte (den Noske zusammenschlagen ließ), Vagabunden und Kunden organisierte und in seinem Werk-Tat Verlag radikale Literatur herausbrachte, darunter Gedichtpostkarten von Fritsche. Über ihn kam der Kontakt zur Zeitschrift der anarchistischen Buchgemeinschaft Gilde freiheitlicher Bücherfreunde, BESINNUNG UND AUFBRUCH zustande, wo Fritsche an einigen Heften mitarbeitete. Ab I932 gehört Fritsche zum Kreis um V. 0. Stomps, in dessen RABENPRESSE bis 1 935 fünf Gedichtbände von ihm erscheinen; er nimmt an Veranstaltungen des Verlags teil und veröffentlicht in der Hauszeitschrift DER WEISSE RABE. Auch in der nach dem Krieg von V. 0. Stomps gegründeten EREMITENPRESSE ist Fritsche 1950 mit einem kleinen Gedichtband vertreten.
Neben seinem Studium macht Fritsche eine Lehranalyse bei Arthur Kronfeld und bildet sich zum Psychotherapeuten aus. Seinen Plan, eine wissenschaftliche Laufbahn an der Universität einzuschlagen, stellt er zurück, um sich ausführlich mit der Homöopathie zu befassen. Ab 1937 lebt er in Berlin von seinen Einkünften als Schriftsteller. Neben Gedichten und Erzählungen schreibt er Bücher und Aufsätze über zoologische Themen (PAN VOR DEN TOREN 1938 und TIERSEELE l940), verfasst eine Biographie über den Begründer der Homöopathie, Samuel Hahnemann (1944), schreibt über religiöse und anthropologische Fragen, über Magie, Geheimwissenschaften und Mystik.
Einige Zeit war er Sekretär von Gustav Meyrink, von 1937 bis zu seiner Verhaftung durch die Gestapo arbeitete er als Schriftführer der DEUTSCHEN GESELLSCHAFT FÜR WIS SENSCHAFTLICHEN OKKULTISMUS; Haftgrund war die Betätigung für diese Gesellschaft.
Nach seiner Freilassung verlässt Fritsche Berlin und wird in Bad Pyrmont bei Otto Buchinger Assistent in dessen Fastenklinik. 1944 wird seine Wohnung in Berlin bei einem Bombenangriff zerstört; 4000 Bücher, seine Sammlung von Bildern und Briefen der Freunde gehen in Flammen auf. Seit I949 war Fritsche Patriarch der Gnostisch-katholischen Kirche (Ordo Illuminatorum) und errang den höchsten Grad des Rosenkreuzerordens.
Von 1953 bis 1958 arbeitet er in Stuttgart beim Ernst Klett Verlag als Lektor, wo seine wichtigen Bücher (DER ERSTGEBORENE, SAMUEL HAHNEMANN, TIERSEELE, ERLÖSUNG DURCH DIE SCHLANGE) wieder aufgelegt werden. Von 1958 bis zu seinem Tod am 20. Juni 1960 war er in München Dozent für Homöopathie an der Heilpraktiker Fachschule.
Von Herbert Fritsche sind 27 Bücher erschienen, er gab 3 Zeitschriften heraus, verfasste über 1600 Aufsätze und Abhandlungen für Zeitungen und wissenschaftliche Zeitschriften. Von seinen 450 Gedichten ist etwa die Hälfte im Druck erschienen. Ein Rezensent nannte ihn einmal „einen Hecht im modernen Karpfenteich einer allzu selbstgefälligen Schulwissenschaft". Er selbst hat seine Autobiographie, die er in seinem Todesjahr begonnen hat und die Fragment geblieben ist, überschrieben: Abenteurer wider Willen.
Hansjörg Viesel
Herbert Fritsche zum 80. Geburtstag
Von Werner Zachmann, erschienen in Naturheilpraxis 8/91
Dem (fast) Vergessenen, dessen Zeit gerade erst anbricht
Am 14. Juni 1991 wäre Herbert Fritsche, der herausragende Denker und profunde Kenner der Homöopathie, 80 Jahre alt geworden. Doch er starb bereits am 20.6. 1960 im Alter von nur 49 Jahren. So sind es denn nur wenige, die sich seiner noch erinnern und wenige nur sind es, die ihn bis heute immer wieder neu dem Vergessenwerden entrissen haben. Dr. Herbert Fritsche gehörte zu den wirklich umfassend Gebildeten und war, was seine Einsichts-Fähigkeit betrifft, geradezu ein Phänomen. Das stellte er nicht nur immer wieder in den zahlreichen Artikeln, die er in der Zeit von 1949 bis zu seinem Tod 1960 für die »Naturheilpraxis« schrieb, unter Beweis, das konnten nicht nur die Schüler der Heilpraktiker-Fachschule in München erleben, in der er von 1958 bis zu seinem Tod
als Dozent tätig war, das spiegelte sich vor allem in der Breite und Tiefe seines Schaffens wider, das von der Lebensreform bis hin zu den Grenzwissenschaften reichte. Und wer immer sich mit dem Werk Herbert Fritsches auseinandersetzt, wird das bestätigt finden. Er wird aber zugleich auch bemerken, dass er sich nicht in gewohnte Schemata einordnen lässt. Denn jede Grenzziehung zwischen den Themen, die er berührt, durchdacht und uns dadurch aufgeschlossen hat, wäre rein subjektiv und willkürlich und würde ihm, der stets das Ganze zu fassen suchte, nicht gerecht.
Herbert Fritsche aber setzt mit seinem Werk nicht ein Weltbild gegen ein anderes, vertauscht nicht eine Vorstellung gegen eine andere, sondern hat den Blick für das, was dahintersteht und das ganz unpathetisch. Das zeigt sich in seinem Buch »Der Erstgeborene«, einem Werk, in dem er ganz klar
geht und das nur über das »Gift«, »die eine Sicht vermittelt, die sich so wohltuend von den kausalen Erklärungsversuchen unseres Weltgefüges unterscheidet, dass der Leser innerlich immer nur Ja sagen kann zu dem, was er, indem er die Welt scheinbar auf den Kopf stellt, an Gedanken entwickelt.
Das setzt sich fort in seinem wohl bekanntesten Buch » Samuel Hahnemann, Idee und Wirklichkeit der Homöopathie«. Hier setzt er dem Begründer der Homöopathie ein Denkmal und es gelingt ihm geradezu meisterhaft, den elementaren Grundgedanken der Homöopathie aufzugreifen und
das immerwährende Urprinzip, dieses ewig gültige Gesetz des similia similibus curentur (Ähnliches wird nur durch Ähnliches geheilt), auf allen Ebenen des Daseins durchscheinen zu lassen. Vor allem aber zeigt sich das in seinem vorletzten und wohl größtem Werk - wenn auch vom Umfang her
vielleicht eher bescheiden - »Die Erhöhung der Schlange«, wo er das Heil-, bzw. Ganzmachende im Sinne des Sakralen an der Homöopathie sichtbar werden lässt. Damit überschreitet er die Grenze des kausal-polaren Denkens und rührt an das Ganze, an das All-Eine, um das es letztlich doch nur
Welt« in ihrer ganzen Tiefe und scheinbaren Scheußlichkeit gefunden werden kann. Denn, so sagt Herbert Fritsche, »...die ganze Welt ist Gift, aber im Gift wohnt zugleich das Heil«, Diese tiefe Sicht lässt Einsicht erkennen.
Zugegeben, Herbert Fritsche passt - anders ist sein fast Vergessensein nicht zu erklären - nicht in unsere Welt, wenn auch alles darauf hindeutet, dass seine Zeit gerade erst anbricht, denn er
stört die »heile Welt, unsere scheinbar heile Welt, die wieder einmal kurz davor zu stehen glaubt, endlich alles Böse und Kranke aus der Welt bannen zu können. Aber spätestens seit Herbert Fritsche wissen wir in aller Deutlichkeit, dass es darum überhaupt nicht geht; ja es kann und wird auch nie gelingen, weil die Welt, die ganze Welt, ja letztlich unser aller Heilmittel ist.
Doch eben weil diese Sicht von den allermeisten nicht mitgetragen werden kann, wird er, den man ohne Übertreibung in seiner ihm eigenen ketzerischen Art und Weise den Wegbereiter zum Unfassbaren nennen kann, bei der Mehrheit rasch wieder in der Versenkung verschwinden. Aber er wird weiter leuchten für die wenigen, die ihn immer wieder neu entdecken und vor dem Vergessenwerden bewahren werden. Über den achtzigsten, über den neunzigsten und auch über den hundertsten Geburtstag dieses Mannes hinaus.
Werner Zachmann
Herbert Fritsche zum Gedenken Anmerkungen zu seinem 70. Geburtstag am 14.6.1981
Von Dr. med. E. H. Schmeer
Manche nannten ihn polemisch. Ja, das war er auch, vor allem aber war er provokativ. Er hat uns mit Wort und Schrift herausgelockt aus unserer Lethargie, hat uns im wahrsten Sinne „mobilisiert". Dies sei ihm nicht vergessen.
Der Name Herbert FRITSCHE (1911-1960) wird häufig mit Lebensreform und biologischer Medizin in Verbindung gebracht. Sein eigentliches Arbeitsfeld war jedoch die Metabiologie, jenes Gebiet, das von den Bildekräften bis zur Theurgie reicht. Metabiologie setzt sowohl die Grundsätze biologischen Heilstrebens - Anregen statt Betäuben, Ventile öffnen statt verstopfen, Individualisieren - voraus, zielt aber höher. Biologische Heilkunst lässt den kranken Menschen gesunden, führt ihn zur Norm des Bios zurück, metabiologische Heilkunst bringt ihn auf eine höhere Stufe, lässt ihn an seinem Leid wachsen.
Die anthropologischen Grundlagen dieser Metabiologie gab uns Herbert FRITSCHE in seinem „Erstgeborenen" (5. Auflage, Stuttgart 1953): Eine spirituelle antidarwinistische Anthropologie, die als Motto des PARACELSUS Wort trägt: Nur die Höhe des Menschen ist der Mensch. Nach gnostischen Lehren wird der Mensch aus einer geistigen Welt auf die Erde entsandt und hat die Aufgabe, von dort wieder in diese Welt zurückzufinden. Sein Urbild ist der Makranthropos, der Adam Kadmon. Aus dieser Sicht ist die Formulierung Herbert FRITSCHEs zu verstehen: Der Vorfahre des Menschen ist der Mensch.
Die außermenschliche Welt steht zum Menschen in einem Entsprechungsverhältnis. Die Erscheinungen des Kosmos, die Gestirne, die Wolken, der Sturm leuchten im Menschen in verwandelter Gestalt auf, sie sind selbst Ausdruck geistiger Welten. Eine Sonderform dieser Entsprechungen, die Beziehung des kranken Menschen zur Arznei, ist Gegenstand der paracelsischen Medizin. Ihr rationales Gegenstück, die Homöopathie, wurde von Herbert FRITSCHE dargestellt in „Samuel Hahnemann - Idee und Wirklichkeit der Homöopathie" (2. Aufl., Stuttgart 1954). Im Belladonnakranken beispielsweise wirkt die Belladonna, die er als Gesunder latent in sich hatte und die jetzt in Form des Krankseins „materiell" und „eigensinnig" geworden ist und sich in ihrer spezifischen Symptomatik „äußert". Diese menschliche Belladonna verlangt zu ihrer Heilung sich selbst, d.h. ihr Spiegelbild in der Natur. Um aber vom Menschen assimiliert, „angeähnlicht" zu werden, muss sie einen gewissen Prozess durchlaufen: Hochpotenzen sind vom Arzneistoff entbundene metabiologische Wirkkräfte.
Diese Wandlung, den Weg des Giftes zur Arznei, vom Unheil zum Heil gestaltet Herbert FRITSCHE in einer Art Metatoxikologie, in „Erlösung durch die Schlange" (Stuttgart 1953). Krankheit wie Gift - eine Macht aus dem Machtbereich der Schlange - sind Anarchiephänomene. Der Arzneimittelprüfer nimmt das Gift in Form der Arzneikrankheit freiwillig auf sich. Dadurch, dass die Ergebnisse seiner Prüfung zur Basis einer erfolgreichen homöopathischen Behandlung werden, ermöglicht er die Heilung des kranken Menschen. Indirekt fördert er durch sein Opfer auch die Gesundung des Makrokosmos, denn das Gift gibt, stellvertretend für eine krankheitsanfällige Schöpfung, nach seiner Metamorphose zur Arznei seine Anarchie auf, wird „heil".
Herbert FRITSCHE hat die Homöopathie mit dem Mysterium von Golgatha verglichen: Die durch den Sündenfall krank gemachte Erde findet ihre Hilfe in Christus, dem durch seine Menschwerdung ähnlich gewordenen Gott. Er musste mitsinnig leiden: Homöopathia divina. Dies hat der Mensch zu „assimilieren".
„Das Symbol der Gnade heißt in der Heilkunst Arznei, in der Kunst, Heil zu spenden, Sakrament. Homöopathische Globuli und konsekrierte Hostien stellen Entsprechungen dar." Die Krankheit des Menschen, die „Psora", entspricht der Erbsünde. Die Homöopathie ist eine Offenbarungsreligion. In den Symptomen des kranken Menschen offenbart sich nicht nur die Krankheit, sondern auch das, was Heilung bewirkt. Heilung und Heil sind homöopathische Phänomene. Das Similegesetz hat somit universelle Geltung, weit über alles Therapeutische hinaus.
Herbert FRITSCHE hat uns die tiefste Deutung der Homöopathie geschenkt. Den innerlichen Auftrag hierzu empfing er erst in der zweiten Hälfte seines Lebens. In seiner Jugend war er der Literatur, dem Expressionismus, der Lyrik zugewandt, hatte Beziehungen zur Berliner Boheme, experimentierte in Grenzbereichen menschlicher Existenz. Daneben Studien an der Berliner Universität (Psychologie, Philosophie, Zoologie, Biologie, Paläontologie mit dem Abschluss als Dr. phil.), eine Zeit, die er einmal partiell als „Jahre bösartigen intellektuellen Mistverzehrs" charakterisierte. 1936, während der Vorbereitungen zu einer Habilitationsarbeit, traf ihn der geistige Ruf Emil SCHLEGELs, jenes Arztes, der in einzigartiger Weise die Lehren von PARACELSUS und HAHNEMANN zu einer „Religion der Arznei" vereinigt hatte. Herbert FRITSCHE gab die Hochschullaufbahn auf und beschloss, sich ausschließlich dem Gebiet des Helfens und Heilens zu widmen. Seine neuen Lehrer wurden F. GISEVIUS (als Homöopath) und F. SCHWAB (als Esoteriker).
In den folgenden Jahren schrieb er mehrere Bücher, war Herausgeber der Zeitschrift „Die Säule" und Schriftführer der Deutschen Gesellschaft für wissenschaftlichen Okkultismus. Zu Beginn des Krieges wurde er dienstverpflichtet, 1941 wegen „Untergrabung der Rassenkunde" mehrere Wochen von der Gestapo in „Schutzhaft" genommen. Anschließend fand er Aufnahme in der Kuranstalt Dr. BUCHINGER in Pyrmont. In dieser Oase inmitten des Krieges erlebte er seine beste und produktivste Zeit, er wurde als Assistent Dr. BUCHINGERs vielseitig in der Arbeit mit den Patienten eingesetzt. Ab 1947 lebte er als freier Schriftsteller in Pyrmont, gab 1949 die esoterische Zeitschrift MERLIN heraus - Merlin, ein Magus aus dem Umkreis des Grals, ist für Herbert FRITSCHE in mannigfacher Hinsicht Symbolfigur geworden - 1953 zog er nach Stuttgart, 1958 folgte er einem Ruf nach München: Als Lehrer für Homöopathie gelang es ihm, seinen Schülern nicht nur ein solides Wissen zu vermitteln, sondern sie vor allem für die Homöopathie zu begeistern.
Herbert FRITSCHEs großes Anliegen war „die Alchymie des homo sapiens". Da ihm im eigenen Leben die Metamorphose vom Blei- zum Goldmenschen nicht nach Wunsch gelang, wurde ihm dieses Leitmotiv zum Leidmotiv. Es wurde zu dem, was er einmal resignierend „Scheitern" nannte Er, der in der Homöopathie stets das ähnliche Leiden als Voraussetzung für das ähnliche Heilen betont hatte, war selbst persönlichem Leid im Übermaß ausgesetzt. Nach dem Kriege kamen dazu Krankheiten, Existenzsorgen, mangelnde Resonanz. 1960 ist er gestorben. Nein, er lebt, er begleitet uns weiter als Katalysator, als Flamme auf dem Weg zu unserem Werdeziel, der Wirklichkeit der Homöopathie.
(Anschrift des Verfassers: Dr. med. E. H. Schmeer, Jensenstraße 8, 8000 München 80)
Skizzen zu einem Vorwort zu Herbert Fritsche Briefe an Freunde 1931 - 1959
Veröffentlicht als Privatdruck für die Freunde Herbert Frisches in einer Auflage von 1000 nummerierten Exemplaren, erschienen im Ernst Klett Verlag, Stuttgart im Frühjahr 1970
Schmal; zart. Ein edles Gesicht, rassig, vollkommen ausgewogen, aber vom Leiden gezeichnet. Ganz unvermutet: eine tiefe, samtene Stimme. Anmut, der Charme des Schutzlosen, der Zauber des Besonderen. Melancholie, immer bereit zu lachen.
Ein einfaches Leben. Einziges Kind von Kleinbürgern, Realgymnasium in Berlin, Studium, Promotion in Biologie, Redakteur und Schriftsteller, Ausweichen vor dem N. S. nach Pyrmont, dort Gehilfe am Fastensanatorium, freier Schriftsteller in Stuttgart, am Ende in Bayern. Geboren am 14. Juni 1911 in Berlin, gestorben am 20. Juni 1960 in München.
Ein unausdeutbar kompliziertes Leben. Eine Jugend in geistiger Hochspannung, der Schock 1933, schwere Angstneurose, matte Ehe mit einer Jugendfreundin, Gestapohaft, Aufschwung und Reduktion unter Lebensreformern, nach dem Krieg vergeblicher Kampf gegen das Schwinden der Kräfte, Krankheit an Krankheit, zweite, konfliktreiche Ehe, mühsam überspielte Verzweiflung, bis zu dem schrecklich einsamen Sterben in einem gleichgültigen Münchner Krankenhaus.
Die Jugend, das war seine große Zeit. Der genialische Jüngling, in unserer Geistesgeschichte eine vertraute Erscheinung, nun in Berlin, dichtend (schöne, zuweilen hinreißende Jugendgedichte), denkend (alles, was später entstanden ist, wurde damals konzipiert), pendelnd von seinem Mansardenstübchen zu Gottfried Benn, jahrelang jede Woche einen Nachmittag, zum Romanischen Café, zu kessen Literaten, hintergründigen Morphinisten, zu Dunkelmännern und Hellmännern, Zu den Interpreten eines heißen Nihilismus, bis dann der kalte Nihilismus das alles zerstörte.
Und früh schon, als Schüler, die Hinwendung zu den Zwischenreichen, die Leidenschaft für alles, was an den unscharfen Rändern unserer Existenz geschieht für das Wirken der divinen, subdivinen und antidivinen Mächte, für Astrologie und Okkultismus, für das ganze Spektrum der Esoterik, Yoga und Zen, für Rosenkreuzer und Christian Science, für alle Gnosis, die Albigenser mit ihrem Gral, Seine Nothelfer hießen nicht Plato oder Goethe oder Nietzsche. Sie hießen Böhme, Paracelsus, Andreae, Oetinger, Mesmer, Blake, Swedenborg, bis hin zu Gurdjeff und besonders zu dem Mann der Thelema, Aleister Crowley.
"Sagen Sie mir, Fritsche, was ist das Geheimnis? Was wissen sie, Ihre Eingeweihten? Was wissen Sie selbst? "
"Das kann ich Ihnen doch nicht so mitten auf der Straße sagen. Dazu braucht's eine Brücke über stetig fließendem Wasser." -
Eines Tages, auf einer Brücke, unter uns die kraftvoll strömende Murg: "Nun, auf der Brücke über dem Fluss, was ist das Geheimnis?
Lange schaut er hinunter, dann, Trauer in Blick und Stimme: "Es sagt sich nicht. "
Dieser Student, 22 Jahre alt, in Berlin. Die Freunde werden verhaftet, wandern aus. Der Literat, Sekretär der Gesellschaft für Okkultismus, Bohemien und genialer Kauz - es müssen böse Jahre gewesen sein, und die schwere, ihn jahrelang lähmende Neurose kam nicht von ungefähr. Dazu ein Mensch, der ganz unfähig war zum Kompromiss, der, konstitutionell ein Mann der Angst, sich lieber hätte in Stücke reißen lassen als einen Deut nachzugeben. In diesem zarten Gefäß lebte die Kraft zur Wahrhaftigkeit, ein herrischer Stolz er hätte noch mehr bestanden als die schlimmen Jahre und die Wochen in den Kellern der Gestapo. Damals entstand sein schönstes Buch "Der Erstgeborene".
Ein ldyll mitten im Krieg, eine sonderbare Insel in all dem Grauen: Pyrmont, Fastensanatorium, Dr. Buchinger. Auch hier fehlte es nicht an Sonderlingen, an zusammengewehtem Volk, auf der Flucht vor Hitler oder hoffend auf Genesung, aber das wurde zusammengehalten durch den Künder der Fastenreligion, einen so gütigen wie rigorosen Ideologen der Lebensreform. Der wurde sein väterlicher Freund. Dort wurde sein Leben in einem neuen Umkreis erweitert, aber zunehmend musste er sich dem Doktrinarismus einer Pseudoreligion unterwerfen. Dort fand er auch endgültig zu der Leidenschaft seiner zweiten Lebenshälfte, der Homöopathie. "Hahnemann", "Erlösung durch die Schlange" und eine große Zahl von Aufsätzen zeugen von der Intensität, mit der er sich der Welt des Simile geöffnet hat. Das war etwas nach seinem Sinn: geistreich und tiefsinnig, mit Hahnemann rational, klar, durchsichtig; jenseits von dem, was Hahnemann sich eingestand, voller Geheimnisse, "magisch" und, über die Heilkunst hinaus, ein weltumfassendes Prinzip, So wurde er nicht nur ein großer Könner, den nur seine rührende Skrupelhaftigkeit ("immer noch beherrsche ich die Differentialdiagnose nicht genügend") gehindert hat, zu praktizieren, sondern ihm gelang die nach Kent einzige Philosophie der Homöopathie. Kein umfangreiches Werk, aber dicht und geistvoll, abgerungen einigen wenigen Wochen des Wohlbefindens in Jahren der Krankheit.
"Er war für uns alle wie ein Heiliger", sagt ein Mann aus Pyrmont. Es sei ihm geglaubt, aber ein Körnchen Salz mag beigegeben werden. Seine Spottlust, den Spaß am Wortwitz, das fröhliche Zerlegen des Gegners hat der Heilige auch dort nicht lassen können. Polemik gehörte zu seinem Wesen. Wo immer er das Halbschiere witterte, das Unsaubere, Unwahrhaftige, war er zur Stelle. Dazu gehörten für ihn, neben vielen Einzelfiguren, die Darwinisten, Anthroposophen, Schulmediziner, Tiefenpsychologen. Er wetterte nicht ohne Kenntnis: Biologie hatte er studiert, von Medizin verstand er mehr als mancher Arzt, er war Psychotherapeut mit kompletter Lehranalyse, und zeitweise war er den Anthroposophen nahe gestanden. Sie hatten allesamt nichts zu lachen, wenn er blankzog, und man mag ihm nachsehen, wenn er beim Abstechen nicht zimperlich war.
Zu lange war er in Pyrmont geblieben, und dann ging er in die falsche Stadt, nach Stuttgart, schlimmer: in einen verhockten kleinen Vorort. Niemand hat ihm dazu geraten, er war darauf versessen, gerade hier werde das Neue Leben beginnen. Dabei enthält diese so brave, fleißige und so musenfremde Stadt das Gegenteil dessen, was er brauchte: Menschen nämlich, die faul sind, frech, geistreich, tiefsinnig, verrückt, Hellseher und Magier - selbst er, dessen Laterne doch immer die ihm Gemässen aus der Dunkelheit herausgeleuchtet hatte, fand im Stuttgart der fünfziger Jahre nicht den Kreis, den er brauchte. Immerhin: auch jetzt noch liefen ihm in einem Jahr mehr Außenseiter über den Weg als einem "doof-normalen" (eines seiner Lieblings worte) Bürger in seinem ganzen Leben.
Einsam also, und arm. Obwohl ihm doch das Schreiben für den Broterwerb nicht schwer fiel, obwohl er die Gabe hatte, Wichtiges auf verständliche Weise mitzuteilen sie wollten ihn nicht, die Herren bei den Zeitungen und Zeitschriften, und die ihn wollten, die Redakteure der Spezialzeitschriften für Naturheilkunde, Homöopathie, Grenzgebiete, zahlten kaum sichtbare Honorare. Die Bücher, Neuauflagen aus seinen guten Tagen, fanden nur wenige Leser - die Zeit stand gegen ihn.
Schleichender Verfall, Niemand weiß, was es war, und niemand wird je deuten können, warum dieser bis zuletzt hinreißende Gesprächspartner, hochbegabt und weithin gebildet, auf seinen Spezialgebieten überragend, nicht mehr produktiv werden konnte. Man kann mutmaßen, und jeder seiner Freunde tut es auf seine Weise. Aber den Schlüssel hat keiner.
Er war süchtig, und er war es sicher nicht. Gewiss, alles außer den halluzinogenen Drogen, vor denen er Angst hatte, war ihm recht: schwerste Schlafmittel, Pervitin, Morphine in den verschiedensten Varianten, und was sich sonst erhaschen ließ. Schon aus der Wahllosigkeit ist zu sehen, dass von "Sucht" im wörtlichen Sinn keine Rede sein kann; erst recht aber daraus, dass er in den wenigen Wochen, die er, zwischen Monaten der Krankheit, einigermaßen gesund war, sich frei von jedem Drang fühlte. Flucht aus einer unerträglichen Existenz, Sehnsucht nach dem ganz Anderen, Überschreitenwollen der Grenzen, die zu überschreiten ihm sein Leben lang Antrieb und Auftrag war.
Freund war er wie einer, "Freundschaft reicht vom schlichten Meineid und einfacher Rezeptfälschung bis Mord am Feind des Freundes." Die Welt der Frauen war ihm zwar nicht fremd, und wenn sie, selten, in ihn einbrach, dann war das verzehrend, absolut. Gemäß aber war ihm das Gespräch mit Freunden, das Schweifen zwischen Ernst und Scherz, stundenlang, nächtelang, das Helfen und Sichhelfenlassen, der geheimnisvolle Consensus zwischen Männern, die im innersten Grund übereinstimmten, sie mochten sonst so verschieden von ihm und untereinander sein wie auch immer. Dabei geschah es zuweilen, dass er über abwesende Freunde lästern, dass er schmählich über sie reden konnte, boshaft, bösartig - da er es war, gab es nichts zu verzeihen.
An seinen Freunden wurde er produktiv, für Stunden. Da zwang er sich an seine uralte Schreibmaschine, zwischen zwei Gallenkoliken, und schrieb, verschwendete das bisschen Kraft, das ihm verblieben war, in einen langen Brief an einen Einzelnen. Da konnte es geschehen, dass seine verschüttete Begabung durchbrach, dass es ihm gelang, vom Glanz seines Gespräches etwas sichtbar zu machen, da blitzten Gedanken durch hier hat er, um einen Freund zu erfreuen, noch einmal gezeigt, was er, der Gezeichnete, der Welt nicht mehr zeigen konnte.
"Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war" - dieses Wort des zum Tod bereiten Kleist mag auch für ihn gelten. Es entlastet seine Freunde nicht. Wir haben zu schwach, zu halbherzig geholfen. Alle.
Ernst Klett
Sonderdruck aus "Naturheilpraxis", 20. Jahrgang, Heft 5/1967, Seite 179-180
Ein deutscher Forscher und Dichter:
Zum Gedächtnis Herbert Fritsches
14. 6.1911 - 20.6.1960
Von Ernst Kalass (= John Uhl)
Dr. Herbert Fritsche - in der deutschen Literatur unter der Abkürzung HF bekannt - war ein von der Deutschen Heilpraktikerschaft hochgeehrter Verteidiger moderner, biologischer und grenztherapeutischer Heilweisen; von 1949 bis 1960 war er ständiger Mitarbeiter der „NATURHEIL- PRAXIS" und von 1958-1960 Lehrer für Homöopathie an der Heilpraktiker Fachschule in München.
7 x 7 Jahre schuf dieser gewaltige menschliche Vulkan Verse, Gedanken und feurigen Geist für eine Umwelt, die dem genialen deutschen Forscher und Dichter nicht immer bis an die Grenzen der von ihm geschauten und dargestellten Weiten zu folgen vermochte. Vor nunmehr 7 Jahren erlosch die Glut. Was an diesem großen Manne irdisch war, wurde im Monat der Heckenrosen- und Holunderblüte, am Tag der Sommersonnenwende, auf dem Münchner Waldfriedhof feierlich bestattet.
Kurz nach Abschluss seines akademischen Studiums am 14.10.1936 mit der Promotion über ein zoologisches Thema kam er mit der Heilkunst in Berührung. Auf Anregung seines Berliner Universitätslehrers Prof. Dr. med. Dr. med. h. c. WESTENHÖFER (des „Enträtselers der Menschwerdung") wollte er sich zunächst der Universitätslaufbahn widmen und begann eine Habilitationsschrift über die Rami supraorbitalis (Oberaugenbrauenwülste) der Menschenaffen. Aber schon bei den Vorarbeiten stieß der 25jährige junge Doktor an einem Bücherkarren in der Berliner Dorotheenstraße durch „Zufall" auf Emil SCHLEGELS Kommentar zu Samuel HAHNEMANNS „Organon der Heilkunst" und damit auf das ihm bis dahin unbekannte Gebiet der Homöopathie und ihrer Probleme, denen er sich von jenem Tage an bis zu seinem Lebensende ununterbrochen mit aller Intensität widmete. Seine Biographie „ Samuel Hahnemann. Idee und Wirklichkeit der Homöopathie" (Ernst Klett Verlag, 366 S.) - 1944 erstmals erschienen - ist nicht nur eine auf höchsten Fachkenntnissen beruhende meisterhafte Darstellung und Deutung der Hochpotenzen-Homöopathie, sondern zugleich rein literarisch und literaturgeschichtlich das klassische Muster der modernen Biographie wegen ihres hervorragenden Aufbaus und ihrer glänzenden Diktion.
Von 1936 an war Fritsches Denken zentral auf die H e i l k u n s t gerichtet; er war insbesondere ein versierter Kenner und Kritiker medizinisch -therapeutischer Sonderwege und ein Medizinhistoriker ersten Ranges. Der Doktor der Zoologie wurde selbst in der Fachwelt häufig mit dem Doktor der Medizin verwechselt. HF schrieb 7 Bücher über Heilkunst:
- Iatrosophia. Biologische und metabiologische Heilung. Richard Hummel Verlag, Leipzig, 1937. 2. Auflage Hermann Bauer Verlag, Freiburg im Breisgau, 1962.
- Die Atemschule. Rudolphsche Verlagsbuchhandlung, Dresden, 1938.
- Die Beherrschung des Sonnengeflechts. Rudolphsche Verlagsbuchhandlung, Dresden, 1940.
- Samuel Hahnemann. Idee und Wirklichkeit der Homöopathie. 1. Auflage 1944. 2. Auflage Ernst Klett Verlag, Stuttgart, 1954.
- Christliche Heilkunst. Leonhard Friedrich Verlag, Bad Pyrmont, 1945, 2. Auflage 1946.
- Erlösung durch die Schlange. Mysterium, Menschenbild und Mirakel homöopathischer Heilkunst. Ernst Klett Verlag, Stuttgart, 1953.
- Die unbekannten Gesundheiten. Lucas Cranach Verlag, München, 1957.
Darüber hinaus veröffentlichte HF ca. 1000 heilkundlich-fachwissenschaftliche Aufsätze in medizinischen Zeitschriften und verwandten Fachblättern. Es bleibt für die weitverzweigte Fritsche-Forschung eine umfangreiche Aufgabe, all diese wertvollen Essays und Beiträge zu sammeln und der Nachwelt zu erhalten. Sie gehören heute zu den gesuchten Rara des Antiquariatsbuchhandels.
HF war kein Statistiker und Vordergrundwissenschaftler, der im grobmaterialistischen und mechanischen Sumpf steckenblieb; er drang in die Tiefen und schaute hinter die Dinge, sein ganzes Forschen war von religiösen Antrieben und Zielen beseelt. 1941 entdeckte er das Prinzip der „Homöopathia divina" im kosmischen Geschehen, und die theoretische Fundierung dieser genialen Erkenntnis in der „Deutschen Zeitschrift für Homöopathie" (1941, Heft 2), später in „Christliche Heilkunst" (s.o.) und schließlich die Weiterführung dieser Gedanken in dem Buch „Erlösung durch die Schlange" (s.o.), das er seine „summa" nannte, erregte Aufsehen, im klerikal dogmatischen Lager jedoch Unruhe.
Von hier aus war es nur noch ein Schritt bis zu der in den beiden Brevieren "Ex occidente lux" (1. und 2. Heft, Verlag Psychosophische Gesellschaft, 8057 Zürich, Birchstrasse 26) niedergelegten revolutionären Theologie, die den grandiosen Versuch einer Überwindung des tragischen Dualismus Gott-Satan, Gut-Böse darstellt. So führt Fritsches Weg von der Heilkunst zur Religion.
Den Nationalsozialisten war der stets freie Geist HFs nicht nur fremdartig und unheimlich, sondern zutiefst verhasst. V. 0. STOMPS (Verleger der Rabenpresse, später Eremitenpresse und Berliner-Fontane-Preisträger) entdecke 1932 den dichtenden Feuergeist HF inmitten Berlins und brachte im Laufe der Jahre sieben Werke von Fritsche heraus, trotz Drohungen seitens des Staates. 1933-1936 musste HF verschiedene Bücher, Gedichte und Essays in der Tschechoslowakei und in Osterreich veröffentlichen, da deutsche Verleger - außer Stomps - für ihre und seine Sicherheit fürchteten. Nach jahrelangen Verfolgungen und Beobachtungen mit laufenden Verhören griffen die Nazis, denen sein humanistisch-idealistisches, der Ideologie des Herrenrassenwahnes und -kampfes entgegengesetztes, den geheimen Kräften und Künsten des Geistes ganz ergebenes Streben ein dauernder Dorn im Auge war, zu, verhafteten ihn am 13.6.1941, nahmen ihn monatelang in "Schutzhaft", sperrten ihn im Polizeipräsidium Berlin-Alexanderplatz ein, erteilten ihm Schreibverbot und liessen seine Werke vernichten. Nach der durch unablässigen Bemühungen seiner ersten Frau erwirkten Freilassung nahm ihn ein Gleichgesinnter, sein väterlicher Freund Dr. Otto Buchinger sen., Chef einer Klinik für biologische Heilweisen, als Assistent und Therapeut auf. Januar 1944 zerstörte ein Bombenangriff Wohnung und Habe in Berlin. Während der Naziherrschaft wurde HF von Angst- und Herzneurosen heimgesucht, und der geschwächte Körper wurde allmählich von Krankheiten zernagt. Nach dem Selbstmord Hitlers zeigte eine neue kulturelle Schicht ebenso wenig Interesse am Werk Fritsches wie die alte. Ausnahmen waren der Verleger Ernst Klett sowie die Deutsche Heilpraktikerschaft, deren damaliger Geschäftsführer, Albert Baginsky, HF als Lehrer für die Münchener Heilpraktikerschule gewann und seine Artikel in die „Naturheilpraxis" aufnahm, esoterische Kreise und einige Freunde des Forschers.
HF war Humanist im besten Sinne des Wortes. Die göttliche Urkonzeption MENSCH zu ergründen, war er ein Leben lang unablässig bemüht. "Nur der Höhepunkt des Menschen ist der Mensch", dieses Wort seines Meisters und Vorbilds Paracelsus, dem er zahlreiche Abhandlungen und Verse widmete, zitierte er oft. Den Menschen in seiner höchsten geistigen Gestalt, seinem Sinn und Ziel mit allen Mitteln der Forschung, Religion, Meditation, Vision und durch die heilende ärztliche Tat, wie auch immer, zu schauen und zu erfassen, war sein Streben.
Fanatisch und entschlossen, fast verzweifelt kämpfte er gegen die Grundkrankheit der Zeit, die schleichende Enthumanisierung, die auf allen Gebieten unter wissenschaftlichem und humanem Deckmantel betrieben wird, "ein Narr, ein Dichter" (Nietzsche).
HF schrieb neben bedeutenden Werken auf den Gebieten der Heilkunst, Anthropologie, Zoologie, Novelle, Geheimwissenschaften, Biographie, Kulturgeschichte auch etwa 350 Gedichte. An Lyrikbänden erschienen bisher neun, davon 2 in 2. Auflage, ca. 16 Gedichtbände sind unveröffentlicht. Seine Verse sind ebenfalls von feingeschliffener Form und hoher Erkenntnis. Mit einem seiner schönsten Gedichte möge dieses Gedenken ausklingen:
Sommersonnenwende
von Herbert Fritsche
Sommersonnenwende,
Südlich lau und lind . . .
Atmendes Gelände . . .
Über meine Hände
Wandert warm der Wind.
Aus dem dämmerholden
Abendfarbenmeer
Hebt der Mond sich golden.
Die Holunderdolden
Wogen hin und her.
Wo die Sterne wohnen,
Wunderweltenweit
In entrückten Zonen,
Tauschen ihre Kronen
Zeit und Ewigkeit.
Sonderdruck aus »Naturheilpraxis«, Nr.6/1961
Magier der Einsamkeit und Stille Fr. Friedbert¹
Zum 50. Geburtstag und 1. Todestag Dr. Herbert Fritsches
Wiederum, wie alle Jahre um diese Zeit der Sommersonnenwende, versprühen die großen weißen Dolden des blühenden Holunders freigebig ihren betäubenden Duft, öffnen die rosa- bis zartroten Blüten der Heckenrose die Kelche. Aber diesmal sind es Kelche der Bitterkeit, und der berauschende Geruch frischen Hollers hinterläßt ein dumpfes Gefühl, bestätigt eine bedrückende Gewißheit: ein volles Jahr mit seinem geheimnisvollen Ablauf ist schon wieder verstrichen, seit der große esoterisch bestimmte Kenner dieses kosmischen Wallens, Herbert Fritsche, „hinüberging zum anderen Ufer" – um mit seinen eigenen Worten zu sprechen, die er einst dem von ihm geschätzten und verehrten Dr. Hermann Eduard Sieckmann gewidmet hat.
Doch bleibt die Bedrücktheit nur dem, der den irdisch vergänglichen materiellen Bereichen verhaftet ist – somit vergessend, daß nur jene sterbliche leibliche Hülle dahingegangen ist, die er selbst als „miserabel" bezeichnete und die seinem genialen Geiste längst zu eng und brüchig geworden war. Sprühend, wie das ihn beherrschende Element Phosphor, ist er verbrannt, damit sich selbst und seinem Wesen bis in den Tod hinein treu bleibend – wie Dr. Schmeer ihn in einem Nachruf so schön und treffend charakterisierte.
In der Tat ist mit der Erinnerung an Herbert Fritsche untrennbar jenes großartige Feuerwerk des Sprühens und Versprühens verbunden. Mit hinreißendem Schwung und stets spitzer Feder wußte er dem Gegner in oft vernichtender Weise unbarmherzig beizukommen oder in subtilsten Wendungen den manchmal hintergründigsten Problemen eine begriffliche Form zu verleihen – „heilsame Wortmagie" pflegte er dazu selbst zu sagen. Noch viel mehr konnte er, der Wortgewaltige, seine Zuhörer durch den gesprochenen Vortrag oder im persönlichen Gespräche bannen. Gleich, ob mit schneidender Schärfe bis hin zum Zynismus – wenn es sein mußte – oder mit anfeuernder Begeisterung bis zum überschäumenden Enthusiasmus, stets blieb er in Wort und Schrift ein letztlich beglückendes Erlebnis – weil man an ihm den Prozeß des Schöpferischen in seiner reinsten Bedeutung erleben konnte, „Schöpfen" als „in die Tiefen gehen" und „bis zum Urgrund vorstoßen".
Damit wird ein Wesenszug dieses Mannes bloßgelegt, der ihn vor anderen Zeitgenossen auszeichnete. Zu seiner Art gehörte es aber nicht nur, Wesentliches über die Dinge auszusagen – auch wenn dies für manches Ohr nicht sonderlich angenehm klingen mochte. Jener rätselhafte Urgrund mit seinen oft verhängnisvollen Tiefen war Grundlage und Gegenpol zugleich zu den lichten Höhen, auf deren schmalen Graten er einsam und unerreicht dahinschritt. Was Wunder, wenn solch ungeheure Spannweite nicht nur das Letzte von ihm forderte, sondern ihn manchmal überforderte. Wer aber deswegen Herbert Fritsche mit herkömmlichen Maßstäben messen möchte – das darf heute schon mit Sicherheit gesagt werden –, geht an seinem Wesen vorbei und wird ihm niemals gerecht.
Als Grenzgänger, als absoluter Außenseiter – der aber gerade deswegen Wegbereiter in des Wortes bestem Sinne war – sind ihm Verkennungen, Vorwürfe, Gegnerschaften schon zu Lebzeiten nicht erspart geblieben. Wie wenig stichhaltig aber alle Argumente seiner Widerstreiter waren und sind, wird eigentlich erst jetzt nach seinem leiblichen Ableben vollends deutlich, wo sich, gewissermaßen von den Schlacken menschlichen, unvollkommenen Erdendaseins gereinigt und befreit, immer klarer und reiner das gewaltige hochstrebende Gebäude seines Geistes als ein Tempel der Humanitas heraushebt. Niemand hat mehr als er selbst gespürt und darunter gelitten, wie begrenzt menschliches Wirkungsvermögen letztlich immer ist und bleiben wird. Wenn er deshalb in seinem Testamente unerbittlich den Finger in die eigene Wunde legte, dann nicht im Sinne einer Selbst-Hinrichtung, sondern als zusammenfassender Abschluß eines Wissenden, Weisen, der – obwohl nach seinen Worten „nichts vollendet wurde in seinem Leben" – allein durch die Vielzahl der von ihm gegebenen Impulse, dennoch sagen konnte: „Es hat sich gelohnt zu leben."
Wenn wir darum in dieser Rückschau auf Herbert Fritsches Leben und Wirken – Wirken dabei als dynamisch-revolutionärer Prozeß gesehen – uns die Frage vorlegen, was er uns gegeben hat, so liegt in der Fülle jener von ihm ausgesandten Impulse eine so große Summe von Ansatzpunkten, daß es schon bei sachlich-nüchterner Sichtung schwer wird, zu trennen und zu scheiden. So fühlt sich allein der Verfasser dieser Zeilen veranlaßt, ja gedrängt, mit einem Ausdruck tiefsten, beglückenden Dankes freimütig zu gestehen, daß er selbst im Letzten Herbert Fritsche alles verdankt. Nicht im herkömmlichen, aus dem Lehrer-Schüler-Verhältnis sich entwickelnden dabei meist am Buchstaben ängstlich haftenden Sinne, sondern in echt Fritsche'scher Bedeutung einer Initialzündung als auslösendes Moment – wie er ja bekanntlich selbst von Hahnemann unmittelbar inspiriert wurde. Aber über derartige persönliche Würdigungen hinaus hat er uns allen zusammen so unendlich viel gegeben – denken wir an seine Sicht des Heilens als weit über begrenzte Therapieformen hinausreichendes kosmisches Heilsgeschehen, an seine Vorstellung vom Gesundwerden als Abrücken von der Sünde oder an seine Auffassung von der Gesundheit oder besser den Gesundheiten überhaupt.
Dort an solchen Punkten, die Grundsätzliches zum Inhalt haben, wird der Urgrund sichtbar, von dem ausgehend er sich im kühnen Höhenfluge emporgeschwungen hat, wie uns seine Auslegung der klassischen Homöopathie als unmittelbare Fortsetzung des Werkes ihres Schöpfers Samuel Hahnemann – insbesondere im Bereich der Hochpotenzen – beweist. Als ein Begnadeter, Eingeweihter, hat er damit die Linie derer fortgesetzt, die von dem Gutsbesitzer Cl. F. M. von Bönninghausen über den Postsekretär Arthur Lutze und den Zoologen Gustav Jaeger bis zu dem bereits genannten Studienrat Hermann Eduard Sieckmann herüber in unsere Gegenwart reicht. Daß es sich bei diesen genannten Meistern bis zu Herbert Fritsche ausschließlich um Außenseiter handelt, die sich vor ihrer Beschäftigung mit der Homöopathie in anderen, oft völlig entgegengesetzten Berufen betätigten und bewährten, sei durchaus nicht als Kuriosität nur am Rande erwähnt, sondern als sichtbares Zeichen dafür gewertet, daß die höchsten und letzten Bereiche der Heilkunst echter Berufung, innerer Weihe bedürfen, die nicht durch Geld und Gut zu erkaufen und nicht durch noch so viele und schöne Diplome, Titel und Berechtigungsurkunden zu ersetzen sind.
Wie Herbert Fritsche einmal sagte, „wenn einem Lyriker in einem ganzen Menschenleben nur eine einzige Strophe eines Gedichtes form- und ausdrucksvollendet gelingen würde, so hätte sich sein Leben als Künstlerleben trotzdem gelohnt", möchten wir diese bedeutsame Feststellung wie folgt abwandeln: Wenn er, der „begnadete Unvollendete", mit seinen zahllosen Anregungen in uns nur diese eine Erkenntnis von der notwendigen Begnadung echten heilerischen Geschehens erweckt hätte, wäre dies für den Berufsstand der Heilpraktiker im Blick auf die Zukunft eine nicht hoch genug einzuschätzende Bereicherung, die Herbert Fritsches Leben rechtfertigen würde. Und wenn wir uns im Anschluß daran die weitere Frage vorlegen, was er uns bedeutet, so dürfen wir voll Stolz und mit Bestimmtheit sagen: Der Außenseiter Fritsche war immer einer der Unseren als kühner, wagemutiger Wegbereiter und als entschlossener Bannerträger der Homöopathie, der Naturheilkunde und anderer nichtschulgerechter therapeutischer Sondermethoden, denen nach seiner Ansicht die Zukunft gehört.
So sehr wir uns aber der Bedeutung dieses furchtlosen Vorkämpfers auch immer bewußt sein mögen, ihn schätzen und ihm unseren Dank abstatten, bleiben wir damit in Halbheiten hängen – die den Ausgangspunkt zu jenen bereits erwähnten Fehleinschätzungen oder gar Abwertungen liefern –, sehen wir nur einen – wenn auch für uns gewiß wichtigen Teil seiner Persönlichkeit. So wie er selbst, der rastlos Suchende, bis zum Urgrund der Dinge vorstieß und diesen erhellte, so müssen auch wir versuchen, bis zu seinem Urgrund vorzudringen, insbesondere im Hinblick auf die Frage nach dem Warum. Gewiß nicht, um alltäglich-oberflächlicher, menschlicher Sensationslust und Neugierde zu frönen, sondern um ihn besser zu verstehen und um ihm damit jenen Platz zuzuweisen, der ihm tatsächlich gebührt.
Im tiefsten Inneren seines Wesens war Herbert Fritsche nämlich eigentlich gar keine Kämpfernatur. Viel mehr werden wir ihm gerecht, wenn wir in seinem Draufgängertum den Gegenpol, die Außenseite eines vollständig auf innere Schau – die natürlich in seiner bestechenden Art das Äußere samt den Äußerlichkeiten der materiellen Welt durchdringen und durchschauen mußte – ausgerichteten Menschen sehen, dessen schicksalhafte Gebundenheit darin lag, daß er sich sein Leben lang gegen die grobe Stofflichkeit der Materie zur Wehr setzen mußte. W. O. Roesermüller hat bereits darauf hingewiesen, wie sehr sich das eigentliche Wirken dieses durchgeistigten Menschen in der Stille und auf eine für den Nichteingeweihten geheimnisvolle Art vollzog – „heilsame Magie der Einsamkeit und Stille" könnten wir ihn hier selbst abwandeln. So ist es dem tiefer Schauenden durchaus verständlich, daß Fritsche, für den die Zahl Sieben eine große Bedeutung hatte, nach Vollendung des siebenten Jahrsiebens – d. h. nach Vollendung des 49. Lebensjahres – und als Lehrer der Homöopathie im 7. Kurs der Heilpraktiker-Fachschule in eine andere, ihm gemäßere Form des Seins hinüberging, um nur ein Beispiel zu nennen. Daß ihm solches Erkennen nicht nur beglückende Erleuchtung, sondern oft auch bedrückende Last und Bürde sein mußte, ist verständlich und erhöht für uns nur Wert und Bedeutung dieses großen weitsichtigen Geistes, der das Leben so durchschaute und darum auch so einsam war. Gesuchte und gefürchtete Einsamkeit zugleich, die man, samt dem, dessen Leben durch sie bestimmt wurde, etwa so beschreiben könnte:
Finstere Nächte
Herbert Fritsche gewidmet
Finstere Nächte,
mit Zweifeln erfüllt –
Hoffen und Sehnen bleibt
ungestillt.
Grübeln und Jagen
nach dem Sinn der Welt,
den keines Weisen
Geist noch erhellt.
Brodeln und Gären
wie ein Vulkan,
Brausen und Stürmen
gleich dem Orkan.
Bitten und Flehen
um Rast und Ruh'.
Kühlende Erde –
Heimatland du.
Herbert Fritsches Leib hat dieses sein Heimatland gefunden in der Mutter Erde, von der er kam und zu der er zurückkehrte. Sein Geist aber weilt unter uns. Das Gedenken an ihn soll nicht nur Anlaß sein, ihm unseren Dank zu sagen und den Willen zu bekunden, in seinem Sinne weiterzuarbeiten, sondern darüber hinaus Anlaß zur Besinnung auf uns selbst zu unserer heilsamen Orientierung im kosmischen Heilsgeschehen.
¹ Hinter dem Namen Fr. Friedbert (oft auch als Frater Friedbert bezeichnet) verbirgt sich kein klassischer Autor im herkömmlichen Sinne, sondern ein Pseudonym oder eine feste Rubrikbezeichnung, unter der in der Fachzeitschrift "Naturheilpraxis" (Pflaum Verlag) vor allem in den 1960er-Jahren praxisnahe Beiträge veröffentlicht wurden. "Frater Friedbert" trat in der Zeitschrift als eine Art erfahrener Ratgeber und Chronist der Naturheilkunde auf. Die Beiträge befassten sich häufig mit der Phytotherapie (Pflanzenheilkunde), historischen Heilmethoden und der praktischen Anwendung von Naturheilverfahren im Praxisalltag eines Heilpraktikers. Im Zeitgeist der 60er Jahre diente die Figur des Fr. Friedbert dazu, das Wissen der "alten Meister" der Naturheilkunde in die moderne Zeit zu retten und für die wachsende Zahl an Heilpraktikern in Deutschland aufzubereiten. Es gibt Hinweise aus der Fachhistorie, dass hinter solchen Pseudonymen oft namhafte Redakteure oder erfahrene Heilpraktiker der Nachkriegszeit standen, die ihre persönliche Erfahrung in einer volksnahen, erzählenden Weise weitergeben wollten.
Zeitschrift für Klassische Homöopathie und Arzneipotenzierung September/Oktober 1960; (Band 4, Heft 5)
In memoriam Herbert Fritsche
geboren am 14. Juni 1911 in Berlin
gestorben am 20. Juni 1960 in München
„Wer nicht im sonderlichen Tun steht, dessen Leben ist ohne Bedeutung," sagt Hans BLÜHER in seinem „Traktat über die Heilkunde".
Das Leben des friedlosen Wanderers und Suchers HERBERT FRITSCHE ist in so extremem Mass mit „sonderlichem Tun" erfüllt, dass der „Normale" (nach Definition eines bekannten Psychiaters ist „normal" eine mittlere Form von Schwachsinn) eine Heidenangst bekommen hätte.
Wenn ein hoffnungsvoller Naturwissenschaftler die verlockende Hochschullaufbahn aufgibt, um seine Freiheit und Unabhängigkeit zu wahren, sich dem Magisch-Okkulten1 widmet („er hat viel gealchemeyt und viel vertan", heisst es in einem seiner frühen Gedichte) und sich gar der verrufenen Homöopathie verschreibt, so ist das wahrlich keine alltägliche Kombination.
Noch typischer als das „sonderliche Tun" ist für HERBERT FRITSCHE das kompromisslose Streben nach Erkenntnis. Die Worte Aleister CROWLEYS: „Ich stehe auf seiten der Schlange: Erkenntnis ist immer wichtig, koste sie, was sie wolle" könnten auch über FRITSCHES Weg und Werk stehen.
Da HERBERT FRITSCHE vor allem eine religiöse Persönlichkeit war, dürfen wir eine Schilderung seines Strebens nach religiöser Erkenntnis nicht ausklammern.
„Er gewann Zugang zum Kultus und Geheimkulten zahlreicher religiöser Existenzformen. Die anthroposophische Christengemeinschaft, der er einige Zeit angehörte, weil er das reale, okkult vollgültige Sakrament suchte, enttäuschte ihn. Statt dessen drang er tief in die Geheimnisse des katholischen ‚Opus operatum‘ ein, gewann auf seine Weise Zugang zum Manisola-Sakrament der Katharer, liess sich in Ritus und Berufung der Gnostisch-Katholischen Kirche einweihen, unterwarf sich Ordensexerzitien und pflegte Umgang mit Priestern auch der Ostkirche und druidischer sowie hermetischer Kulte. Dabei ergänzte er seine magischen Studien und Übungen nach der sakramentalen Seite hin, bis er in der von ihm besonders hochgeschätzten Kabbalah die Möglichkeit eines Pansakramentalismus fand, dem er sein religiöses Leben zu weihen bestrebt ist" (W.O. ROESERMÜLLER in „Begegnungen mit Jenseitsforscher").
Die zentrale Frage „Was ist der Mensch" (dargestellt in „Der Erstgeborene") konnte deshalb von ihm gar nicht anders als in kosmisch-religiösem Sinne beantwortet werden, freilich unter Einbau des Materials aller Wissenschaften, die sich mit Physis, Bios, Psyche und Logos des Menschen beschäftigen.
Wie kam HERBERT FRITSCHE, dieser geborene Grenzüberschreiter, zur Homöopathie? Durch „Zufall", als er in der Zeit seiner Vorbereitungen zur Habilitation auf einem Bücherkarren SCHLEGELS Kommentar zum „Organon" fand, ein Buch, das ihn in der Folge rasch zu den Quellenschriften der Homöopathie brachte. Seine Lehrmeister in der Praxis waren H.E. SIECKMANN UND VOR ALLEM Friedrich GISEVIUS, dem er in seinem „Hahnemann" ein bleibendes Denkmal gesetzt hat.
HERBERT FRITSCHE, der als Dichter unmittelbaren Zugang zur Natur hatte, brachte uns die universale Reichweite des homöopathischen Prinzips nahe und knüpfte so an paracelsische und frühere Traditionen an. Nur seinem umfassenden Wissen und Schauen war es möglich, die tiefe Verwurzelung der Homöopathie im Geistig-Religiösen aufzuweisen, so das prophetische Vermächtnis EMIL SCHLEGELS in seinem Alterswerk „Heilkunst als Weltmitte" erfüllend: „Schon jetzt, da wir noch säumig waren, haben andere Völker einen Aufschwung der praktischen Homöopathie angebahnt; uns Deutschen bleibt aber jedenfalls die tiefste Deutung der Entdeckungen HAHNEMANNS vorbehalten. Wir spiegeln sie in die Mitte der Heilkunde, ja in die Weltmitte selbst, wohin ihr virtuelles Bild gehört und wo es wartet, bis sonnenhafte Augen es zur Geistesbefruchtung aufnehmen."
HERBERT FRITSCHE hat als „Magier des gesprochenen Wortes" mehr gewirkt, als durch seine Schriften. Das Unbedingte und Gerade in seinem Wesen2 kam der Homöopathie in ganz besonderem Mass zugute. Wie verstand er es, die Luft zu reinigen, die von böswilligen Ignoranten verpestet war. Wie hat er einen bekannten akademischen3 Lehrer für Pharmakologie in Göttingen blossgestellt, der 1952 im Kolleg seinen Studenten erklärt hatte, Homöopathie sei Unsinn und die Apotheker, die statt homöopathischer Potenzen lediglich Alkohol verkauften, täten durchaus recht.
Wie hat er uns andererseits in seinen Vorträgen und Gesprächen fasziniert und uns, die wir manches mal an der „Materia medica" verzweifeln wollten, wieder aufgerüttelt und das Rückgrat gestärkt! Das sei ihm nie vergessen, ihm, der an dem Aufleben der klassischen Homöopathie in Deutschland nach Kriegsende einen nicht geringen Anteil hat4.
Die homöopathischen Werke HERBERT FRITSCHES sind manchem nicht „Mitsinnigen" wenig bekömmlich. Aber kann man je die Homöopathie erfahren, bevor man sie betreten hat? Sein „Hahnemann"5 verbindet das rein Biographische mit dem Geistigen zu einer Deutung, in deren Mitte „Idee und Wirklichkeit der Homöopathie" steht. In der „Erlösung durch die Schlange"6, die ursprünglich „Erhöhung der Schlange" hätte heissen sollen. Mit dem grossartigen Kapitel „Der merlineske Mensch und die Homöopathia divina" wird das Simile als ein auch jenseits des Arzneilichen gültiges Weltgeheimnis zu kosmischem Rang erhoben.
Persönlich war HERBERT FRITSCHE ein Individualist, der ein Leben lebte, „dem Ernst des Lebens in die Hundezähne geraten", wie ich es annähernd bisher nur in der Groteske (etwa bei KARL VALENTIN) gesehen habe. Er liebte similia similibus die Individualisten, auch wenn er sie gelegentlich karikierte – so z.B. die Naturzeitschläfer, wenn er sagte, er pflege seit Jahren den extremen Naturzeitschlaf, indem er 23 Stunden vor Mitternacht zu Bett ginge -, machte aber einen grossen Bogen um sie, wenn er, wie so oft, materialistische oder pharisäerhafte Züge bei ihnen fand. Trotzdem konnte er es, hilflos wie er oft im Leben war, nicht verhindern, gelegentlich als Aushängeschild oder „Renommiergoi", wie er es nannte, missbraucht zu werden.
Seinen Freunden tat er alles, ohne Eigennutz, ohne Hintergedanken, ganz in der erhabenen Spähre oberhalb des Utilitätsprinzips.
Ich nannte ihn gesprächsweise einmal (freilich auch nur eine Seite seines Wesens kennzeichnend7 den letzten Romantiker und verglich ihn mit CLEMENS BRENTANO und mit dem genialen Physiker JOHANN WILHELM RITTER.
„Wer liebt ihn nicht, so wie er einem entgegentritt? Wer durchschaut alle Menschen, wer geht so tief in dem Auffinden der Innerlichkeit, und was könnte man ihm sagen, was er nicht schärfer und wahrer aufgefasst hätte! Alle Menschen berührt kaum sein Hauch und sie atmen, als ob sie aufblühen wollten in edlere Begriffe und schönere Handlungen", urteilte die romantische Dichterin GÜNDERODE über CLEMENS BRENTANO. Diese Fähigkeiten waren HERBERT FRITSCHE ebenso zu eigen wie das Dämonische, Faszinierende, gleich dem P h o s p h o r u s – der auch dem homöopathischen Konstitutionstyp8 nach war – dem sich der Geist in Feuern offenbarte und der selber zu brennen aber auch zu verbrennen vermochte.
„Blumen dieser Art halten nicht über den Sommer aus." Sagte JUSTINUS KERNER über die romantischen Naturen, und so musste auch HERBERT FRITSCHE in paracelsischem Alter das Diesseits einen Tag vor der Sommersonnenwende verlassen. Ahnungsvoll hatte er mir vor Jahresfrist in einen Gedichtband seines Freundes Gottfried BENN geschrieben:
„Langsame Tage, Alle überwunden.
Und fragst du nicht, ob Ende, ob Beginn,
dann tragen dich vielleicht die Stunden
noch bis zum Juni mit den Rosen hin.
Dr. med. E. H. Schmeer, München 27, Jensenstrasse 8
1 Wem Okkultismus und Homöopathie als unvereinbar erscheinen, möge sich daran erinnern, dass unsere bedeutendsten Homöopathen Okkultisten waren: HAHNEMANN war Freimaurer, KENT und FARRINGTON waren Anhänger SWEDENBORGS, EMIL SCHLEGEL war Anhänger des Okkultisten LORBER. Bezeichnenderweise benötigte keiner von diesen die Theorie vom „letzten Molekül" als Erklärung für die Hochpotenzwirkungen.
2 das ihn auch im „Dritten Reich" mit der Gestapo (Schutzhaft) in Konflikt brachte.
3 à propos akademisch: Eine gewisse Sorte von Akademikern pflegte HERBERT FRITSCHE gern mit „akadämlich" und das medizinische Staatsexamen mit „Cerebraltrauma" zu bezeichnen. Nicht weniger glimpflich ging er mit Vertretern der nichtakademischen Medizin um, wenn sie ihm nicht ganz zusagten und verschaffte sich auf diese Weise wohl Achtung, aber nicht unbedingt Beliebtheit. – Obige pharmakologische oder besser „toxikologische" Affäre hatte übrigens kein Nachspiel. Wie recht hatte doch GUSTAV JAEGER (in seinen Schriften finde ich hinter seinem Namen die „Signatur" „Professor a.D."), wenn er sagte: „Vergessen Sie eines nicht: die Geschichte der Medizin ist ein fortgesetzter ungleicher Ringkampf. Der eine Kämpfer ist die Wahrheit, und die hat zwei Gegner, die Habsucht und die Herrschsucht. Wundert es Sie da, dass die erstere jedesmal den kürzeren zieht? Mich nicht."
4 Dass ihn die Gründung und Entwicklung der „Zeitschrift für Klassische Homöopathie und Arzneipotenzierung" besonders beglückte, sei nur am Rande vermerkt.
5 2. Auflage. Stuttagrt 1954
6 (Stuttgart 1953) Von seinen Aufsätzen ist der wichtigste: „Homöopathische Sonder- und Grenzwege" (Erfahrungsheilkunde 1953, Heft 1 u. 2). Angedeutet werden homöopathische Themen auch in „Der Erstgeborene" (5. Auflage. Stuttgart 1953) und in „Die unbekannten Gesundheiten" (München 1957). Man hat gelegentlich Herbert FRITSCHE mangelhafte Geschichtsschreibung vorgeworfen. Wer Fehler sucht, findet sie überall. Aber m.E. ist der Vorwurf unbegründet, da ich weiss mit welcher Akribie Herbert FRITSCHE seine Studien betrieb. Jedes Zitat, jede Jahreszahl wurde auf Richtigkeit geprüft. Bei seinen homöopathischen Arbeiten stützte er sich nicht nur auf unsere „geläufigen" Historiker, wie F. KATSCH, R. HAEHL, R. TISCHNER, sondern zog auch entlegene und vergessene Schriften heran, die ihm oft gerade dann, wenn er sie brauchte – er nannte das „Bibliomagie" – in die Hände fielen. Freilich Historiker in strengem Sinne war er nicht: da er HAHNEMANN auf seine Weise sah, konnte sich der Synoptiker Herbert FRITSCHE auch mit dem Okulisten (und Okkultisten) R. TISCHNER nicht verständigen, dessen zuverlässige Geschichtsschreibung er schätzte, dessen Deutungen er aber ablehnte. Übrigens haben sich FRITSCHE und TISCHNER vor 1 oder 2 Jahren doch versöhnt, insbesondere als TISCHNER in der Frage der Hochpotenzen Zugeständnisse machte.
7 Gerhard NEBEL sagte von ihm: „Es verliess uns ein Geist, dessen Grenzen nicht zu erreichen und abzuschreiten waren."
8 Die Phosphor-Symptomatik blieb ihm auch bei so etwas Banalem, wie es die „Todesursache" ist, treu. Herbert FRITSCHE ging nicht, wie es einige voreilige Gemüter wissen wollten, an einem magischen Experiment à la CROWLEY, auch nicht an Suicid zugrunde, er starb an einer Pneumonie des rechten Unterlappens.
Die riesenhaften Flügel …
Ing. LAMBERT BINDER
Zum Tode Dr. Herbert Fritsche's
(† 20. Juni 1960)
Mit Dr. Herbert Fritsche, dem allzufrüh von uns gegangenen genialen Menschen erlosch ein Licht, wie es der Weltgeist immer wieder von Zeit zu Zeit entzündet, um der Menschheit ihren mühsamen Weg durchs Dunkel zu erhellen. Zur geheimnisvollen Johanniszeit, da die Rückwanderung der Sonne in die Tiefen anhebt, hat der Tod, den Herbert Fritsche zuzeiten sehr geliebt hat und den er in seltsamer Parallele zu Jean Cocteau in Gestalt eines Mädchens erblickte, ihn hinübergeführt auf die andere Seite des Seins. Das Morgenrot der Sommersonnwendnacht leuchtete bereits einem Verklärten, dem die irdische Heckenrose des Juni drüben zur Rosa mystica wurde. Ein Zweig des Holunderbaumes, welcher Baum für Herbert Fritsche immer das ehrwürdige Symbol der Einweihung war, lag zu Häupten des Toten und ein Holunderbaum wird auch künftig sein Grab auf dem Münchner Waldfriedhof behüten . . .
Herbert Fritsche begann seine schöpferische Laufbahn in den frühen Dreißigerjahren mit kleinen Gedichtbänden, die — obgleich sie in ihrer Art vorerst noch eine gewisse Abhängigkeit von dem damals berühmten vagantenhaften Dichter Jakob Haringer aufwiesen —, doch sehr bald eine unverkennbare Eigenart zeigten, die sich mehr und mehr steigerte. In seinem letzten und größten Gedichtband „Zeit der Lilie" aber finden sich Kostbarkeiten der magischen wie auch mystischen Dichtung, die allen seinen Freunden und Bewunderern unverlierbarer Besitz geworden sind. Er hat es in seiner stets glühenden Seele verstanden, auch die Bereiche der Magie in seinen Gedichten zu erschließen; der der Band „Im Dampf der Retorte" gibt von diesen gelungenen Versuchen lebendiges Zeugnis. Man hat ihm öfters seine Vorliebe für diese Bereiche, ja für die schwarzmagische Verlockung —, vor welcher er übrigens andere nachdrücklich gewarnt hat —, vorgeworfen und er selbst pflegte in späteren Jahren diese frühen Gedichte, in denen seine Feder noch mit Fledermausschwingen beflügelt schien, als „Zeugnisse einer überwundenen Wegstrecke" zu bezeichnen. Ob dies aber wirklich seine innerste Ansicht war? Ich besitze als Manuskript sein umfangreiches Gedicht „Walpurgisnacht" (ein Poem von nicht weniger als 140 Verszeilen!), worin er die wilden und wüsten Szenen eines Hexensabbaths mit der ihm eigenen, grandiosen Sprachgewalt dargestellt hat. Hier finden sich unter anderem die folgenden beiden Strophen:
„Da ist das Grabeskerkerjahr vergessen,
Die Heimlichkeit, das herbe Herzversteck,
Vom Rausch des Rechts, ein Stern zu sein, besessen,
Erschauern Brust und Lust, bis urermessen
Die Funkenflut aus Tanz und Teufelsdreck,
Hervorbricht wie aus taumelnden Monstranzen, Dass der Granit von Feuerwirbeln glüht.
Die Ausgestossnen, die Verbannten tanzen!
Mein Herr und Gott, auch dies gehört zum Ganzen,
Auch dies zum All, in dem dein Frühling blüht!"
Die beiden letzten Verszeilen, denen Herbert Fritsche offenbar schlüsselhafte Bedeutung zumass, hatte er gesperrt geschrieben und sie enthalten in der Tat die Rechtfertigung auch jener dunkelsten Welt, die zu Gott heimzuholen und für Gott zu durchlichten das „Welt-Apostolat" jener verfemten Menschen, als ein ihnen auferlegtes Geheimnis, zu sein scheint.
Mit der ganzen Kraft seiner forschenden Seele hat sich Herbert Fritsche in die Geheimnisse der Magie gestürzt, er hat es verstanden, auch in der angeblich so kommerziellen Reichshauptstadt „das magische Berlin" zu entdecken und aufzuzeigen und unvergesslich werden mir jene langen Spaziergänge durch die nächtlichen Strassen Berlins an seiner Seite sein, als er mir unter anderem das „Haus zur letzten Latern" zeigte, das es also nicht nur in seinem heißgeliebten Prag, sondern auch im nüchternen Berlin gab —, als er mich an den ihm so sehr ans Herz gewachsenen Stadtrand hinausführte, midi den Zauber der breiten abendlichen Kanäle kennen lehrte, die dort durch die Ebene ziehen und wo Pan noch sichtbarlich vor den Toren wohnt —, als ich selbstverständlich auch dem Grab E. T. A. Hoffmanns auf dem Friedhof vor dem Halleschen Tore einen respektvollen Besuch abstatten musste, jenem Grabe, das Herbert Fritsche einmal seltsam geziert vorfand: Ein Reisigbesen lehnte daran, auf dem Hügel lagen ein Eulenfittich und eine leere Rotweinflasche, daneben ein Holzkreuz, an dem mit Bast eine Rose befestigt war. "Man feiert ihn wieder, man feiert ihn in seinem Stil . . ."
Immer wieder betonte Fritsche, dass es in der Reichshauptstadt „mehr Spagyriker und Yogis, mehr Kabbalisten und Rosenkreuzer gibt, als Uneingeweihte auch nur ahnen." Fritsche hatte seine Götter, von denen er stets in Ehrfurcht und voll Begeisterung sprach, zu ihnen gehörte Gustav Meyrink, um dessen Werk er sich bleibende Verdienste erwarb, und dessen Novelle „Der Uhrmacher" er herausgab und mit einem Vorwort versah, gehörten Swedenborg und Strindberg, Eliphas Levy und Peladan, deren Ruhm er in Broschüren und in Gedichten wortgewaltig verkündete. Sein „Kleines Lehrbuch der weißen Magie" ist ein bis heute unerreichter praktischer Führer in die geheimnisvollen Bereiche der Überwelt geblieben, doppelt wertvoll durch den lebendigen, persönlichen Stil, in dem das selten gewordene Büchlein geschrieben ist.
Dr. Herbert Fritsche war von Beruf eigentlich Zoologe. Sein Weg führte, wie er selbst sagte, "von den Phänomenen des BIOS zu denen der PSYCHE und schließlich zum Allwalten des LOGOS". Er hat immer die Ansicht vertreten, dass die rechte Deutung der Geheimnisse der Tierwelt eine der Pforten zur Metaphysik eröffnet und sein berühmtes Buch „Tierseele" führte in der ersten Auflage (1940) noch den erweiterten Titel "Tierseele und Schöpfungsgeheimnis".
Die enge Verbundenheit Dr. Herbert Fritsches mit der Natur zeigte sich auch in einem schmalen Buch von nur 80 Seiten mit dem Titel "Sinn und Geheimnis des Jahreslaufs". Wenngleich dieser Band zu seinen weniger bekannten Büchern gehört, ist er doch ein Werk, von dem man sich, hat man es einmal kennen und lieben gelernt, nie mehr trennen wird, ein unentbehrlicher Führer durch den Kreis des Jahres "für Saat- und Erntewillige".
„Jedes unserer Jahre ist ein Stück Pensum in der Pflanzschule für eine Welt von Geistern und da das Menschenleben die Einweihung eines Geistes in die Mysterien des Irdischen bedeutet, ist auch jedes Jahr eine Stufe auf diesem Einweihungswege." So kann dieses Buch Herbert Fritsches, das übrigens vor Jahren in seinem verschollenen „Narrenkalender" einen grotesk-lyrischen, damals von John Uhl kongenial illustrierten Vorläufer hatte, niemals „unaktuell" werden, mit jedem neuen Jahreskreislauf muss es wieder gelesen und beherzigt werden und erweist sich sohin gleichfalls als ein wertvoller Begleiter durch die Natur zur Übernatur.
Herbert Fritsche hatte das Glück, in Ernst Klett einen Verleger zu finden, der sich der genialen Werke, die hier dargeboten wurden, in verständnisvoller Weise annahm. In rascher Reihenfolge erschienen im Klett-Verlag, zum Teil als Neuauflagen, die "Tierseele", „Der Erstgeborene", „Samuel Hahnemann (Idee und Wirklichkeit der Homöopathie)" und „Erlösung durch die Schlange", in welch letzterem Werk das „Mysterium, Menschenbild und Mirakel homöopathischer Heilkunst" in einer so tiefgründigen Art und Weise dargestellt wurde, wie man es bis dahin noch nie vernommen hatte. "Dies Büchlein, das mich enthält wie kein anderes" schrieb Herbert Fritsche in das Widmungsexemplar, das ich besitze, und auch in seinem Testament (1954) hat er neuerlich betont, dass in diesem Buche sein Wesentliches enthalten sei. In der Tat enthält es die Kerngedanken der Fritscheschen ureigensten Lehre von der dem Unheil abgerungenen Heilung, vom Sündenfall, dem das Geheimnis vom Sündenstieg gegenübergestellt wird, von der Krankheit, aus der die Arznei gewonnen wird —, jenes homöopathische Geheimnis also, das einst auch schon im „Parsifal" Richard Wagners angedeutet, aber nicht verstanden wurde: "Die Wunde heilt der Speer nur, der sie schlug..."
Das Buch „Erlösung durch die Schlange" hatte begeisterte Zustimmung wie auch gehässige Ablehnung zur Folge; der durch und durch revolutionäre Gedanke von der Heilkraft des Giftes konnte sich eben nur wenigen, nicht aber der großen Masse erschließen. Das in allen Büchern Herbert Fritsches überreich ausgestreute, ja geradezu verschwendete Ideengut aber weist so sehr in die Zukunft, dass es erst von kommenden Generationen voll ausgeschöpft werden wird, die dann seinen Ruhm als Wegbereiter verkünden werden.
Es erscheint hier geboten, dem Verleger Ernst Klett von Herzen für seine aufopferungsvolle Hingegebenheit an das Werk Herbert Fritsches und für das große Verständnis, das er dem Schriftsteller, dem Menschen, dem Freund entgegenbrachte, zu danken.
Welche schöne Aufgabe, einem Genie den Weg zu ebnen, ihm manche Sorgen abzunehmen —, soweit es eben möglich war! Auch hierin waren Grenzen gesetzt, die sich zum Teil aus dem unruhigen und manchmal ein wenig problematischen Privatleben Herbert Fritsches ergaben, das ja leider öfters auch durch Krankheiten empfindlich gestört war.
Aber auch manche geistigen Wendungen Herbert Fritsches, so zum Beispiel seine in den letzten Jahren entwickelte Zuneigung zum gefährlich umwitterten Bereich des umstrittenen englischen Magiers Aleister Crowley mussten vielfach auf Unverständnis und offene Ablehnung stoßen. Da Fritsche auch in seiner unermüdlichen Suche nach dem Besten gezwungen war, vieles zu prüfen, oft durch persönliche Teilnahme an okkult-esoterischen Bewegungen, die er später wieder enttäuscht verließ, so wurde es für manche nicht leicht, ihn überallhin vertrauensvoll zu begleiten und er kam auch wegen seiner radikalen Formulierungen in den Ruf eines „enfant terrible" des deutschen Okkultismus. Für uns aber musste eben „der Freundschaft frommer Glaube" dazu beitragen, ihm unverbrüchlich die Treue zu halten, eine Treue, die Fritsche übrigens in rührender Weise vergalt, wie er denn überhaupt die Gabe hatte, Freundschaft, die er als echt erkannt hatte, zu einem dauernden Bund fürs Leben zu gestalten. So schrieb er einmal (20.4.54): „Geistbegegnungen und — was seltener und kostbarer ist — lebendige Freundschaftskontakte sind doch das wertvollste, was das Leben zu verschenken hat, abgesehen von den wenigen Stunden, in denen es gelingt, das verborgene Leben der Landschaft aufzuschließen. Und dann, selbstverständlich —, aber das gehört ja nicht mehr zum Leben, sondern waltet oberhalb seiner —, die Anteilnahme am Kunstwerk und das Ergreifen der geheimen Botschaften, die zu uns von fernher unterwegs sind." Herbert Fritsche war aber nicht nur der Freundschaft, sondern auch größter, unendlicher Liebe fähig. In die Mysterien der „Heiligen Hochzeit" ist er wie kein zweiter eingedrungen und in einem anderen seiner Briefe (9.1.1948) findet sich die jubelnde Stelle: „Seit ich in meiner Frau Johanna Maria mein eines, einziges und unaustauschbares DU gefunden habe, weiß ich auch als Empiricus, was es auf sich hat mit dem Zuzweit des Hieros Gamos, mit dem Menschen als Ganzheit." Dass der Mensch allein, ohne die ihm zugedachte Gefährtin, in Wahrheit nur ein halber Mensch ist, hat er immer wieder betont, so auch in seinem Gedicht „Liebe" (Privatdruck), wo es zum Schlusse heißt:
»In Ewigkeit befreit
Der Mensch sich nur zu zweit."
So war er auch seinem kleinen Töchterchen Sulamith Niniane —, in welchem Doppelnamen sich das Hohe Lied und der Merlin-Mythos seltsam vereinen —, als innigliebender Vater zärtlich zugetan, wovon einige Gedichte ergreifendes Zeugnis für immer ablegen werden.
Ein blendender Vortragender, ein unermüdlicher Gesprächspartner, voll von lebendigen Anekdoten und stets durchzuckt von überraschenden Geistesblitzen, die verblüfften und erfreuten, ein absolut furchtloser Forscher auch im Gebiet der gefährlichen Grenzwissenschaften und der magischen Zonen, so wird er im Gedächtnis aller jener fortleben, die das große Glück hatten, ihn persönlich zu kennen. Leider hat er es nicht verstanden, sein Leben frei von Sorgen zu halten oder gar Reichtümer zu sammeln. Bei allen seinen genialen Gaben hat er in einer Zeit des Wirtschaftswunders, wo Millionen von Dutzendmenschen reich und wohlhabend wurden, doch immer wieder einen aufreibenden Kampf um das tägliche Brot für sich und seine Familie führen müssen, er, der sich weigerte, den Tanz um das talmigoldene Kalb mitzumachen und lieber der Stimme auf dem Sinai lauschte. Er war hart in seiner Überzeugung, niemals bereit, sich diese abkaufen zu lassen, er hat Dummheit und Arroganz schonungslos angeprangert, wo sie sich — besonders in seinen Fachgebieten — auf erstohlenen Lorbeern breitmachten oder Irrlehren mit falschem Pathos verkündeten und so ist ihm das empörte „Geschrei der Böotier", sind ihm Gethsemane und Golgotha, Trennung, Verlassenheit und einsames Sterben nicht erspart geblieben. Zwar wusste er selbstverständlich, dass auch die Schicksalsschläge, die uns zugemessen sind, uns helfen sollen, das Gesetz, nach dem wir angetreten, zu erfüllen. „Feuer-, Wasser- und Luftprobe können im Innenraum vollzogen werden", so schrieb er mir einmal, „geschieht dies nicht, so sorgt die Außenwelt dafür, das Schicksal. — Du kennst selbst die Hundezähne des Schicksals und weißt, dass sie einen auf seltsame Weise packen können."
So war es nicht zu vermeiden, dass seine letzten Lebensjahre mehr und mehr verdüstert waren, dass die Schatten heraufstiegen, die ihn hinabrufen sollten, und dass die Nacht tief und tiefer hereinzubrechen schien. Zu familiären Sorgen kamen noch nagende Zweifel, ob er seinen eigentlichen Beruf nicht doch verfehlt hätte: „Eins wird mir — leider — klarer und klarer: Meinen Beruf habe ich, wenigstens zunächst einmal, verfehlt. Schreiben ist eine billige Kunst. Tun ist mehr als Schreiben. Und in meinem Sinne wäre Tun nur in zwei Berufen möglich: Arzt oder Priester. Übrigens zwei urverwandte Berufe." Sicherlich wäre er, wenn ihm ein längeres Leben beschieden gewesen wäre, mehr und mehr heilender Arzt geworden, seine energische Hinwendung zu Problemen der Heilpraktik in seinen letzten Lebensjahren könnte drauf hinweisen.
Eines der erstaunlichsten Phänomene im Leben Herbert Fritsche's war seine herzgeborene Liebe zu jener Stadt, die immerfort in seinen Träumen war, der sein rembrandtdunkles Liebeslied galt, und die er doch niemals „im Körper" besuchte, das goldene PRAG. Das holunderumrauschte, das lebenslang schmerzlich versäumte Prag! Uralt vertraut war ihm diese Stadt, die ihn in ihren unentrinnbaren Bann gezogen hatte mit ihrer heimlichen Alchymie und ihrem unheimlichen Zauberwesen, immer aufs neue kehrte sie in seinen Gedichten wieder: das Ghetto, geheimnisvollster Weisheit verbündet, der kaiserliche Hradschin über der traumhaften Wirrnis der barocken Paläste, Stiegen und Gärten der „Kleinseite", die Klänge der Glocken des St.-Veits-Domes . . .
Herbert Fritsche hat nicht eher geruht, bis wenigstens ein Werk seines verehrten Meisters Gustav Meyrink in Prag, der Stadt mit dem heimlichen Herzschlag, erscheinen konnte, eben jene bereits einmal erwähnte Novelle „Der Uhrmacher". Für Fritsche stellte sich alle Heimkehr, nach lebenslanger Verbannung, als eine Heimkehr nach Prag dar, so wie er es in einem seiner persönlichsten Gedichte geschildert hat, ("Verbannung"), das er dem Prager Oldrich Neubert widmete und worin er die Moldaustadt als „ferne Heimat meines Blutes" preist. Diese Vorliebe für Prag ging soweit, dass Herbert Fritsche sich zeitweilig des Pseudonyms Nathan Prager für etliche Gedichte und Aufsätze bediente, solcherart seiner Vorliebe für Ghetto und Stadt beredten Ausdruck gebend.
Wir halten es für durchaus möglich, dass Herbert Fritsche seine geliebte Stadt Prag als „Astralwanderer" wiederholt besucht hat. Wie hätte er sonst in einem Brief schreiben können, dass er Prag in allen Einzelheiten so genau kenne wie Berlin und sogar dort Fremdenführer sein könnte . . .
Herbert Fritsche war stets ein Kind der Stadt, den Dämonen des Häusermeers zugeschworen, er hat Berlin, Paris und Prag vor allem geliebt und in einem seiner Gedichte (worin er übrigens von sich als von einem bereits Toten spricht) verschmelzen diese drei Städte seiner Liebe zur „letzten Stadt", nimmt der Tote diese drei Städte als eine jenseitige Einheit hin, die nun entflammt aus dem Traumschutt seines Lebens aufsteigt:
"Für diese Stadt gilt nicht der Fluch des Goldes, Ihr Brückenzoll sind Liebe, Lied und Reim, Durch alle Gassen aber weht ein stilles, holdes Daheim, daheim . . ."
Im Jahre 1930 erschien in Berlin, herausgegeben von Herbert Fritsche, die heute längst verschollene Zeitschrift „Der Taugenichts" (Blätter eines kleinen Kreises), deren Titel von Eichendorff genommen war. Es war dies eine Zeitschrift, die zwar nur Lyrik brachte, in welcher aber der junge Herbert Fritsche in Form von redaktionellen Notizen, von Buchbesprechungen usw. auch seine ureigensten Ansichten, seine Liebe und seine Abneigung, zum Ausdruck bringen konnte. Erlauchte Gestalten wie z. B. Gottfried Benn und Else Lasker-Schüler waren damals mit Beiträgen vertreten. Herbert Fritsche besprach in der Nummer 2 des „Taugenichts" das damals eben erschienene Buch von Francois Porche „Der Leidensweg des Dichters Baudelaire", sicherlich ohne zu ahnen, dass die genau gleichen Worte, die er dem geliebten, großen Dichter widmete, dreißig Jahre nachher auf ihn selber, bei seinem eigenen Tode, angewendet werden könnten: „Hier ist" — so sagte der damals 19jährige Herbert Fritsche —, „einem der Unseren ein Kranz aufs Grab gelegt worden, einem Leidenden und Verstoßenen, einem Verächter des Fortschritts und einem wahren, unter tausend Menschen einsamen Dichter, dessen Welt sich nur jenem vollends auftut, der sich ihren Schauern immer und überall hingibt." Baudelaires Gedicht „Der Albatros" aber bezeichnete Herbert Fritsche damals als »sein und unser aller Schicksalslied", jenes ergreifende Gedicht, das das Los des vom Himmel heruntergeholten großen Vogels unter der rohen Mannschaft eines Segelschiffes, die den Gefangenen verhöhnt und verspottet, beschreibt. Für Herbert Fritsche, der infolge seiner reinen, kühnen Kompromisslosigkeit vielen Anfeindungen ausgesetzt war, der die nagenden Sorgen des irdischen Alltags in bitterer Erfahrung kennen lernen musste, den die Hufe der Jahre schließlich zu Boden getreten haben und der dennoch bis zum letzten Augenblick bemüht war, sein enges, oft gequältes Dasein zur Ewigkeit zu erweitern, obgleich er seinen himmelhohen Aufschwung nicht vollenden durfte —, für ihn also seien an den Schluss dieser Erinnerungen die Verse Baudelaires gesetzt, dieses brüderlichen Geistes und Wanderers zum gleichen Ziele, jene Verse über den Albatros, die nun auch für Herbert Fritsche geschrieben scheinen:
Der Dichter ist wie jener Fürst der Wolke, Er haust im Sturm, er lacht dem Bogenstrang, Doch hindern drunten zwischen frechem Volke Die riesenhaften Flügel ihn am Gang.
Wir danken Herbert Fritsche, dem großen Kämpfer und dem großen Liebenden für die unbeirrbare Tapferkeit seiner Lebensführung, für sein geniales Werk, das er uns als verpflichtendes Vermächtnis hinterlassen hat, und für seine Treue und Freundschaft. Im Innersten glauben wir zu wissen, dass er nicht vorzeitig und aus unvollendeten Aufgaben heraus abberufen wurde, sondern einem neuen Auftrag gefolgt ist, der im Geheimen, von drüben aus, an ihn ergangen ist, wie er es einst selber gefühlt und mit den Worten eines anderen Genius ausgesprochen hat: „Schon sendet nach dem Säumigen der GRAL . . ."
Bildnis Herbert Fritsche
ROSEMARIE LEHMANN-SCHRÖDTER:
Eh du noch warst, war dies schon dein Gesicht: die bleiche Maske unterm Rabenhaar, die sich aus Höllenrauch und Sternenlicht zur Welt gebar,
dass ihr ein Geist, der allen unverwandt und ruheloser noch als Ahasver für flüchtige Jahre werde eingebrannt —ein Schrei von obenher.
Nirwanas Trost hat diese Stirn erstrebt im Dämmer steinern kühler Klostergruft. Um deinen schmalen Nasenflügel bebt noch ferner Weihrauchduft.
Die Jugendspur geheimen Teufelsbunds im Glutgewölk der hohen Braue blüht. Im aufgebrochnen Winkel deines Munds sitzt ein Vagantenlied.
Ein Rätsel, wie dies all zusammenstimmt, taucht man nicht tief in dieses Auge ein. Im letzten Grunde deiner Seele schwimmt Ureinsamsein.