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Unveröffentlichte Briefe
Projektphase

An Helmut Klepzig · 26. April 1953

Lieber Helmut,

nun das Maschinchen wieder zu klappern beginnt, schulde ich vor allem Dir einmal einen ersten Bericht. Bei dieser Gelegenheit wollen wir alle Deiner lieben Frau und Dir noch einmal sehr von Herzen danken für all Eure Hilfe und Freundschaft in den letzten Pyrmonter Wochen! Ich freue mich, daß wir einander fanden – und staune nur, daß es so spät geschah. Pyrmont ist eben offenkundig ein Klima mit Bremswirkung.

Hab auch Dank für Deine Zusendung des Artikels über die Notwendigkeit einer neuen Strindberg-Übersetzung. Der Mann hat natürlich recht.

Als Revanche sende ich Dir anbei das mit weitem Abstand am miserabelsten hergestellte Schriftchen aus meiner bescheidenen Feder, das in Zürich gedruckt wurde. Kaum waren wir in Obertürkheim, da bekamen wir auch schon – sehr unerwartet – Besuch aus Zürich: einen erschütternd unseriösen okkultoiden Abenteurer (der zur selben Gilde gehört wie meine Frau und ich) mit einer seiner 27 Bräute. Ich freute mich über beider Eintreffen, denn nun konnte ich wieder einmal Deutsch sprechen. Dasch, wasch die Leut hier schwätze, isch nimmer Deutsch, sondern ein mir von A bis Z unverständliches Gewürge, ein Fricassé aus Vokalen und miteinander verbackenen Konsonanten. Daher komme ich auch mit dem hiesigen Volk gut aus: es redet lang, ausführlich und lachend auf mich ein, während ich – ohne auch nur zu ahnen, wovon die Rede ist – freundlich und zustimmend nicke. Der Versuch, Hochdeutsch zu sprechen, ist ebenfalls sinnlos, denn das versteht man in diesen Breiten so wenig wie ich das Sanskrit der Weinbauern.

Nachdem Ihr uns zur Bahn gebracht und in selbiger verstaut hattet, schloß sich die – subjektiv sehr rasch vonstattengehende – Nachtfahrt an, während welcher Sulamith und Claudia schliefen. Sulamith – hier "dasch Zuckerle" genannt – war bis zum Eintreffen in Obertürkheim brav und stumm.

Das Umsteigen in Kassel geschah ohne viel Aufhebens. In Stuttgart wanderten wir mit lebhaft geschwungenem, säuglingsbergendem Wäschekorb zum Vorortbahnsteig, von welchem uns ein schwäb'sches Eisebähnle in ein paar Minuten nach hier brachte, wo uns leere Wände empfingen. Die Möbelleute trafen – im Gegensatz zu uns, die wir am Vormittag angekommen waren – erst während der Dunkelheit ein. In der Zwischenzeit gingen wir essen, wobei wir entdeckten, daß die hiesigen Speisekarten fremdsprachlich abgefaßt sind. So gibt es hier z.B. "Saiten"; bestellt man sie, so erhält man Bockwürste. Andere kulinarische Vokabeln sind wiederum überaus zutreffend geprägt, so etwa "Preßkopf", wobei ich an ein Auto- oder Eisenbahnunglück denken muß. In der Tat: es handelt sich um Sülze.

Ich kroch mit Claudia auf den nahen Weinberg, nachdem wir Sulamiths Wäschekorb aufs Balkönle gestellt hatten. Dann suchten wir den Neckarstrand auf, an dem – wie das Volkslied behauptet – unser Herz schlägt. Der Neckar ist mit Hilfe schwäbischen Gewerbefleißes schnurgerade durch Stuttgart gezogen, hat meist betonierte Ufer, führt ein unbeschreiblich dreckiges Wasser und blickt auf eine große Vergangenheit zurück.

Am ersten Abend stellten uns die wackeren Mannen der Firma Harnisch aus Pyrmont unsere Betten in die Räume, so daß wir zunächst einmal pennten. Dann kam der heilige Sonntag und mit ihm das Ausladen. Die Spediteure halfen kräftig, dennoch stauten sich die Bücher zu wahren Gaurisankars. Was übrigblieb, als der Möbelwagen heim ins Tal zu sprudelnden Quellen rollte, konnte auch die blühendste Phantasie nur schwerlich als eine Wohnung bezeichnen. Indessen: nach rund einer Woche ließen sich Schreiner und Installateure auftreiben, die seit gestern teils Regale angebracht, teils Lampen angeschlossen und teils Euren Gasherd in Betrieb versetzt haben. Notabene heißen alle Handwerkskategorien hier ebenfalls anders als im Deutschen, so ist der Elektriker z.B. ein Flaschner, der Maurer ein Gipser usw. Alle diese Leute sind sehr langsam und sehr fleißig. Mit 70 bis 80 Jahren haben sie es zu viel Geld gebracht, bauen ein Häusle und schterbe. Ansonsten zählt hier nur die physische Arbeit. Seit unser Wirt meine Bücher sah, betont er laut, er wolle, statt dergleichen zu lesen, lieber "schaffe". Er fragt mich täglich, wann ich denn nun "ins Gschäft" gehe (Johanna Maria, die schon etwas Schwäbisch kann, verdeutscht mir das), worauf ich ihm eifrig zunicke. Daß Barbara Barbara heißt, kann er noch fassen. Bei dem Namen Claudia versicherte er uns, normale Leut hießen Fritz, Frida und Jakob, ein Wort wie Claudia könne er sich nicht merke. Da der gute Mann immerhin 75 Lenze zählt (und noch täglich 15 Stunden auf dem Bau arbeitet), wollen wir ihm den Namen Sulamith verheimlichen, damit das unschuldige Kind nicht seine Todesursache wird.

Gegenwärtig sind wir damit beschäftigt, unsere deutsche Staatsangehörigkeit nachzuweisen, denn das verlangt man hier. Sämtliche bei den Preußen oder gar in der britischen Zone ausgestellten Papiere werden nicht als gültig anerkannt, nur schwäbische Dokumente gelten als amtlich (das sagt man zwar sehr gemütlich – fast alle Beamten sind hier freundlich und zum stundenlangen Plaudern aufgelegt, jedoch zugleich ist erkennbar, daß keinste Elastizität hinsichtlich der Grundsätze erwartet werden kann). So werden wir wohl den Rest unseres Lebens als Staatenlose verbringen, wenn man uns nicht als lästige Ausländer abschiebt.

Wollen wir in der Ernährung auch nur von fern Reformgesichtspunkte wahren, so müssen wir Wildkräuter essen. Die Eingeborenen Ober- und Untertürkheims leben von Fleisch ("Preßkopf", "Saiten", "saure Kutteln", "Leberkäs", "Maultaschen", "Röstbriesle" usw.), wozu sie sonderbare Gebilde aus Tapetenkleister schlucken, die Spätzle genannt werden. Unser Wirt aber braut uns einen Schnaps, den er Johanna Maria und mir anbot: ein Konzentrat aus Fuselölen, durch Aniszusatz trinkbar gemacht – ein einziges Gläschen hat mehrstündige Narkose zur Folge.

Mithin fühlen wir uns auf uns selbst verwiesen, was bekanntlich der metaphysisch richtigste Zustand in Erdenleben ist. Heute bebildern wir die Wohnung, ab morgen beginnt der Ernst des Lebens. Hoffentlich besucht uns hier und da einmal ein Beherrscher unserer Muttersprache! Du, lieber Helmut, wirst es ja wohl bestimmt tun, worauf ich mich jetzt schon freue!

Im Klett Verlag ist Hochbetrieb. Der "Erstgeborene" soll in 2, 3 Wochen erscheinen, vielleicht im Herbst der "Hahnemann". Mit dem Hippokrates Verlag – dessen Lektorin Marta Haarburger ich sehr schätze und mit der ich den denkbar besten Kontakt habe – denke ich auch bald intensiv zu funktionieren. Den homöopathischen Doctores Leeser und O. Schlegel habe ich erst gestern brieflich mein Hiersein angekündigt. Herrn Schottlaender, den Seelenknacker (Psychoklasten) aus Degerloch, werde ich auch bald einmal heimsuchen.

Dies in Kürze ein Erstbericht. Wir alle grüßen Euch herzlichst, ganz besonders und in dankbarer Gesinnung

Dein Herbert

[Handschriftlicher Nachsatz:] Anbei noch mein kl. Artikel über das Turiner Tuch und 3 Doubletten. „Zanoni" folgt demnächst.