Durchwachte Nacht gelesen von Herbert Fritsche
Der ersten Nacht aus meinen Knabenjahren
Gedenk ich heut, die schlaflos war.
Ich lag im Himmelbett, umlauert von Gefahren,
Und lauschte ihrem Näherdringen mit gesträubtem Haar.
Am Abend hatte mir die Mutter Märchen vorgelesen.
Nun schlief sie tief. Ich aber hörte, wie der Zug
Des Hexenvolks auf Bock und Besen
Den Schlot umgaukelte in windgepeitschtem Flug.
Ich wusste, lautlos gleitet durch die Mauern
Der Werwolf, der die kleinen Kinder raubt,
Und hinter mir, umwittert von des Grauens kalten Schauern,
Stand Störtebekers Geist mit abgeschlagnem Haupt.
Da schrie ich auf – – und musste dann aus Elternmund vernehmen,
Dass alle Märchen nur erlogen sind:
Für dumme Kinder bloß umschwebt ein Zug von Schemen
Zur Mitternacht den Schlot im wilden Winterwind,
Den bösen Werwolf hat es nie gegeben,
Der seinen Weg durch feste Mauern wählt,
Und dass die Toten weiterleben,
Wird nur zum Spaß erzählt.
Am ändern Morgen, nach dem Untergang der Nachtgesichte,
Bemerkte ich, dass ich im tiefsten Wesensgrunde fror.
Die nackte Welt, umspült von einem kühlen Lichte,
Erschien mir fremd wie nie zuvor.
Ich ging zur Mutter, banges Würgen in der Kehle.
Sie strich mir mit den lieben Händen übers Haar.
Da stieg die Frage auf aus meiner Kinderseele:
„Ist keines von den vielen Märchen wahr?“
Sie schwieg, denn nie mehr sollte mich das Grauen plagen,
Und meinen Schlaf zu hüten, schien ihr höchste Pflicht.
Ich aber musste aufgewühlten Herzens weiterfragen:
„Auch das vom Berge Sesam nicht?“
Statt einer Antwort nahm sie meine Hand und führte
Mich zart zurück zu Kinderbuch und Spiel.
Dann sagte sie mit einem Blick, der an Verborgnes rührte:
„Ach, frag mich nicht so viel!“
Ich bin seit jener Zeit noch immer nicht gescheiter,
Und wieder lieg ich ohne Schlaf im Schoß der Nacht.
Den Schlot umbraust wie einst das Heer der wilden Reiter,
Die Welt des Wunders ist erneut zur Macht erwacht.
Nur hat die Angst in Sehnsucht sich gewandelt:
Ich lausche einem schattenhaften Stück,
Das von der unerlösten Liebe handelt
Und ausklingt in das alte Lied vom Glück.
Die guten Eltern mühten sich vergebens,
Als sie erklärten, Märchen seien niemals wahr;
Denn Nacht für Nacht erscheinen die Gespenster meines Lebens
Vor meinem Bett als dunkle Freundesschar.
Sie schwören mir, dass unverloren bliebe,
Was je in meiner Brust geschehen ist,
Und dass das alte Traumschiff, dass die Liebe
Schon wieder lauter bunte Wimpel hisst.
So kommen sie mir meine Ruhe rauben,
Die Botschaft, die sie bringen, macht das Herz verwirrt – –
Jedoch was hilft’s! Ich muss den Stimmen aus dem Zwielicht glau-ben!
Sie haben sich noch nie geirrt!
Drum segle, Traumschiff, durch die grauen Wogen,
Wenn bald der Tag sich aus dem Osten hebt!
Ich weiß, die Märchen haben nie gelogen,
Und jedes ihrer Wunder lebt.
Auch du, verirrtes Königskind, wirst wiederkehren,
Wenn endlich unsre Stunde schlägt.
Vernimmst du, wie sie schon aus uferlosen Sternenmeeren
Der Windhauch immer näher trägt?
Wir brauchen nur durch aller Welt verborgne Türen
Einander zu besuchen, du und ich,
Dann wird der herzgeheime Weg zum Berge Sesam führen.
Verstehst du mich?
Verstehst du, dass der Fels, der starre, harte,
Sich öffnen will, sobald wir seines Zaubers mächtig sind,
Und dass ich ohne Unterlass auf diese Stunde warte,
Du mein verirrtes Königskind?