Porträtfoto von Herbert Fritsche Porträtfoto von Herbert Fritsche Porträtfoto von Herbert Fritsche Porträtfoto von Herbert Fritsche

Herbert Fritsche

Leben und Werk (1911–1960)
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Herbert Fritsches früheste Lyrik 1927 – 1928 — Gedichte eines Sechzehnjährigen.

Vorwort von John Uhl zu Orion, Band Nr. 7 aus der Reihe Die ungedruckten Bücher der verkannten und vergessenen Dichter, gedruckt für Freunde des Dichters in 10 Exemplaren im Athanor Verlag Berlin, 1981.

I.

Herbert Fritsche schrieb am 9.10.1927 sein erstes Gedicht, betitelt „Mondschein". Ende 1927 bis Anfang 1928 verfaßte der sechzehnjährige Unterprimaner seinen ersten, bis heute unveröffentlichten Gedichtband „ORION" mit 18 Gedichten.

In diesen Gedichten eines Anfängers sind schon ganz deutlich die für Fritsche charakteristischen Elemente seiner späteren reifen Lyrik als „geprägte Form, die lebend sich entwickelte", erkennbar.

II.

Betrachten wir sein erstes Gedicht „Mondschein". Es ist ein Liebesgedicht in zarten und melancholischen Tönen. Der junge, bereits astrologisch und astronomisch ausgebildete Fritsche stellt den Erdtrabanten Mond als die dominierende strahlende Macht des Nachthimmels in den Mittelpunkt seiner Aussage. Der Mond ist der geheimnisvolle Begleiter aller Erdenschicksale. Seine Form und sein Licht üben eine starke magische Kraft aus auf die Schicksale, Seelenstimmungen und Ahnungen des Menschen. Die durch den Mondschein ausgelöste düster-prophetische Vision von der Zersplitterung des eigenen Liebesglücks bewahrheitete sich genau 20 Jahre später.

Das Gedicht ist ein Zwiegespräch mit der Freundin Elfriede. Elfriede wurde am 5.10.1911 geboren; am 14.4.1927, also als Fünfzehnjährige lernte sie den damals ebenfalls fünfzehnjährigen Herbert Fritsche kennen, am 2.2.1928 erhielt sie von dem nunmehr Sechzehnjährigen den ersten Kuß (siehe das Gedicht „Der erste Kuß" in der zu Weihnachten 1928 erschienenen „Glühwürmchen-Barkarole"). Zwölf Jahre später, am 27.10.1939 heirateten beide. Diese erste Ehe zerbrach acht Jahre danach, 1947.

Das Gedicht besteht aus drei Kreuzreim-Strophen mit unregelmäßigen vier- bis sechshebigen Zeilen mit z. T. unreinen Reimen (Füße – grüßen, Mond – Blond). Die dritte Strophe beginnt mit einem rhythmischen Bruch. Die Formulierung „des Mondes Scheibe" ist noch anfängerhaft. Später wird HF ausdrucksvollere Bilder finden wie: „Des Mondes Kupferteller", „Der Mond, des Gottes roter Türkensäbel", „Der Mond, umqualmter Lampion, stürzt ins Meer", „Harn des Mondes", „Ich habe die tausend verschiedenen Arten des Mondlichts erfahren", „Der Sichelmond blinkt blank und schmal im Dämmergrün aus Märzenseide", „Die Silbersichel schneidet uns Seidensaum vom Himmel".

III.

Auch in den anderen „ORION"-Gedichten keimen bereits die wesentlichsten Themen und Gedanken der reifen Lyrik:

  • Liebe
  • Freundschaft
  • Vaganten, Gescheiterte
  • Selbstbildnis
  • Dichter
  • Tod
  • Magie der Landschaft
  • Nachthimmel
  • Weite des Weltraums

Neun von sechzehn Gedichten sind Liebesgedichte.

Der Einfluß des Dichters Jakob Haringer (16.3.1898 – 3.4.1948) ist klar erkennbar in den Gedichten „Neubabelsberger Elegie", „Der Bohemien" und „Ode für Elfriede". Haringers Dichtung, Person und Leben waren das Jugendidol Fritsches, er stand mit dem Dichter in Briefwechsel, Haringer besuchte den jungen Poeten mehrmals in Berlin. Haringer war der erste, der Fritsches Bedeutung als Lyriker erkannte, Haringer war Vagant und führte Fritsche in den großen Kreis einzelgängerischer Vaganten ein.

Zu jener Zeit verwandte HF zuweilen die Pseudonyme Hans K. Salden und Kasimir Kolk, in späterer Zeit legte er sich mitunter die Pseudonyme L. K. Mischa-Maresch, Spacce, Geier, Dr. Nathan Prager und Merlin Maledictus zu.

Die Gedichte der frühesten Zeit sind rhythmisch meist noch unregelmäßig, z. T. werden freie Rhythmen und unreine Reime benutzt. Am häufigsten kommt der Kreuzreim vor, aber auch den umarmenden Reim und das Sonett finden wir. Er versucht sich bereits im Kurzzeiler und im Langzeiler. In den von Haringer beeinflußten Versen drängen sich farbige Fluten oft unzusammenhängender Traumbilder.

Das „Gespräch mit drei alten Vagabunden", aus Rede und Gegenrede zusammengesetzt, ist eine Sonderform aus Schweif-, Kreuz-, Paarreimen und Refrain. „Der Pierrot" und „Der Bohemien" sind die ersten Selbstbildnisse. „Der Pierrot" ist von starker Einfachheit, Kraft und Größe, gerade wegen seiner Kürze. Die ganze Tragik eines von Spießbürgern unverstandenen und verhöhnten Genies, das der Welt nur ein Narr und ein Schwein ist, spricht aus den wenigen Zeilen, die verbittert, höhnisch und vorwurfsvoll sind. Aus ureigenem Erleben entstanden, zeigen sie eine tiefe Kluft zwischen dem jungen Dichter und seiner Umwelt. Zum ersten Mal taucht hier das Narrenmotiv, das Thema des Scheiterns auf, das vom Dichter später immer wieder behandelt wird („Narrenkalender" u. a.).

In „Selbstmörder" steckt bereits die Todessehnsucht, die Fritsche zeitlebens zutiefst erfüllte und in vielen seiner Gedichte Ausdruck fand (z. B. „Ars amandi mortis", „Eros Thanatos"). Der Blick in das nachtschwarze Wasser des Großstadtkanals, in welchem sich die Sterne spiegeln, löst ein mystisches Entsinken und Ertrinken in Tod und Ewigkeit aus.

Auch der in der Dichtung Fritsches häufig erklingende Motiv-Komplex Sommersonnenwende, Juni, Johanniszeit, Holunderblüte im Juni (der Juni ist der Geburtsmonat des Dichters) ist schon in den Gedichten „Bam-Bam", „Das begrabene Hirn" und „Ode für Elfriede" vorhanden.

Wenn auch manches noch schwärmerisch, ungenügend durchgefeilt und unerfahren ist, so gelingen dem Sechzehnjährigen doch bereits Verse von seltener Kostbarkeit und Tiefgründigkeit, die den späteren bedeutenden, in unendliche Räume vorstoßenden großen Dichter ahnen lassen.

Zu Jakob Haringer:
Dr. Werner Amstad: „Jakob Haringer, Leben und Werk", Dissertation, Universität Freiburg in der Schweiz.

John Uhl, 1981