Vellichor¹
Kennen Sie das Gefühl, dass einen überkommt, wenn man einen alten Buchladen oder Antiquariat betritt? Die Atmosphäre und den Geruch der einem entgegenweht?
Es ist der Duft eines Ortes, an dem Geschichten schlafen – ein staubiges Antiquariat, in dem jedes Buch ein Herz trägt, das schon einmal geschlagen hat. Wenn man ein solches Buch aufschlägst, spürt man nicht nur Papier und Tinte, sondern die Schatten fremder Hände, die es vor einem gehalten haben, die Augen, die dieselben Sätze suchten, vielleicht Trost fanden oder sich darin verloren.
Vellichor ist das leise Zittern der Zeit zwischen vergilbten Seiten. Es ist die Melancholie der Weitergabe – dass Geschichten bleiben, während wir weitergehen.
Sehnsucht ohne klares Ziel – ein bittersüßes Gefühl, das uns daran erinnert, dass wir Teil einer langen, stillen Kette von Leben sind. Es flüstert: Du warst nicht der Erste, und du wirst nicht der Letzte sein.
Viel Spass beim Stöbern in Buchläden oder Antiquariaten, der eigenen Bibliothek oder virtuell auf diesen Seiten.
Denes Kovacs, im Mai 2026
„Bücher haben Ehrgefühl. Wenn man sie verleiht, kommen sie nicht mehr zurück."
¹ Der Begriff „vellichor“ stammt nicht aus den gewachsenen Gärten der klassischen Sprachen, sondern wurde 2012 von John Koenig geprägt. Er stammt aus seinem Projekt The Dictionary of Obscure Sorrows, einem Online-Lexikon für schwer benennbare Emotionen.
vellichor
n.the strange wistfulness of used bookstores, which are somehow infused with the passage of time—filled with thousands of old books you’ll never have time to read, each of which is itself locked in its own era, bound and dated and papered over like an old room the author abandoned years ago, a hidden annex littered with thoughts left just as they were on the day they were captured.
From vellum, parchment + ichor, the fluid that flows in the veins of the gods in Ancient Greek mythology. Pronounced “vel-uh-kawr.”
https://www.thedictionaryofobscuresorrows.com/word/vellichor
Zur Eröffnung des Antiquariats Felix Richter
in München, Adalbertstraße 12
Um es vorwegzusagen: Die gelehrsam klingende Überschrift dieser kleinen Anleitung zu einem sehr speziellen (und dann sehr dauerhaften) Glück bedeutet nicht das Schlagen eines „Bildungs“-Pfauenrades. „Geben Sie sich keine Mühe, wir sind selbst klug“, sagte die Gastgeberin – in einer modernen Komödie – zu einem der Eingeladenen, als er sofort hochintellektuell zu balzen begann. Vielmehr habe ich nur, um meinem Freunde Felix Richter zu gratulieren und die (bereits vorhandenen sowie künftig neuentstehenden) Freunde seines Antiquariats mit anzusprechen, einen ganz privaten Bericht zu erstatten, den ich nichtsdestoweniger als etwas – im Wesentlichen – überaus Typisches für ihn und sein Antiquariat erachte.
Das Wort „Bibliomagie“ prägte Hans Blüher in seinen Lebenserinnerungen „Werke und Tage“; er meinte damit die Tatsache, daß einem zur rechten Stunde – wenn man es zur Arbeit oder für das innere Leben dringend benötigt – das genau passende Buch auf eine nahezu okkulte Weise zugesteuert wird. In der ihm eigenen Selbstbezogenheit nahm er an, daß diese Bibliomagie ein ganz besonderes Charakteristikum seines Lebens gewesen sei, während sie in Wirklichkeit den Weg jedes Menschen begleitet, dem Bücher Wesentlicheres sind als bloße Prothesen bei der Erledigung des bürgerlichen Berufs oder als Zeitvertreib. Und wenn ich vom personotropen Zufall spreche – was zu bedeuten hat, daß der Zufall auf einen ganz bestimmten Menschen, auf diesen und keinen anderen zielt –, so bekenne ich damit, inwiefern für mich von Zufall (im Sinn oder vielmehr Unsinn des üblichen Sprachgebrauchs) keine Rede sein kann. Nur das fällt einem zu, was auf einen hingezielt ist. Zwar weiß ich dies – aus Erfahrung, speziell auch mit Büchern – schon seit Jahrzehnten, aber bei Felix Richter sorgte (während des nur einen Jahres, das ich ihn kenne) diese Erfahrung dafür, sich ohne Punkt und Komma schlechter-, d.h. besterdings zu bestätigen.
Damals… in der Trautenwolfstraße.
Über Persönliches kann man nur persönlich berichten.
Kurz vor Ostern 1958 war ich nach München gezogen, wobei mir zufiel, daß ich zunächst in Schwabing hauste und nächtigte. Dort gehörte ich zwar hin, war aber nicht hingezogen, sondern hingezogen worden.
In fremden Städten (und das mir rasch zur Wahlheimat gewordene München war mir noch fremd) macht man, wenn man ein „vom Geist Heimgesuchter und vom Geist Zerrütteter“ ist (Hans Blüher), seinen ersten Spaziergang ziellos und im entelechalen Sog, d.h. vom insgeheimen Werdeziel des eigenen Seins ebenso insgeheim auf den rechten Weg gewiesen. Ich brauchte nur ein paar hundert Meter einherzuschlendern. In der Trautenwolfstraße, zwischen einem charmanten Schnapsgeschäft und einer bei Tage mit toten Augen vor sich hinstarrenden Bar, sah ich zwei Bücherkisten vor einem unauffälligen Laden stehen. Da (Antiquariate die heimlichen Herzen des Bücherkreislaufs sind) – denn ein neues Buch im Sortiment bestellen ist ohne den bibliomagischen Überraschungsreiz –, ging ich hin, wie ich es sonst kaum in solchen Fällen tat, mit dem Stethoskop direkt auf den Herzschlag zu, ich durchstöberte weder die Bücherkisten noch sah ich mir das Schaufenster an, vielmehr zog es mich („ohne Sinn und Verstand“, wie die sinnlosen Verstandler zu sagen pflegen) in den Laden selber hinein. Ich kann nicht sagen, daß da irgendetwas anders – faszinierender, atmosphärisch verheißungsvoller – gewesen wäre als in anderen Antiquariaten auch. Die übliche Frage: „Darf ich mich ein wenig umschaun?“ Die übliche Antwort: „Bitte, gern!“
Nun habe ich es an mir, in solchem Falle zuerst die kleinen Broschüren ohne Rückentitel aus den Regalen zu ziehen. Ein schmales rotes Heft, nach dem ich griff – es kostete Pfennige – war genau das, was ich, im Zusammenhang mit meiner mehr als zwanzig Jahre währenden homöopathiegeschichtlichen Tätigkeit – so fieberhaft wie ergebnislos gesucht hatte: eines jener sehr alten, sehr zeitbedingten Broschürchen, die man entweder niemals finden kann (auch in Staatsbibliotheken nicht) oder nur durch personotropen Zufall.
Ich muß sogleich hinzufügen, daß meine Freundschaft mit Felix Richter an diesem Tage begann und daß ich im Laufe des Jahres sein Antiquariat – mit dem steten Wechsel der Bestände – sehr genau kennenlernte. Als er jetzt, Anfang April, in die Adalbertstraße 12 umgezogen war und ich ihn ganz flüchtig dort zum ersten Mal besuchte – noch war alles vom Umzug her im Chaos –, zog ich abermals ein Broschürchen aus den geologischen Schichten der kreuz und quer im Raum verteilten Literatur. Selbstverständlich – ich bin inzwischen so metaphysisch kühn geworden, im Zusammenhang mit Felix Richter das Wort „selbstverständlich“ aufs selbstverständlichste anzuwenden – war es dasjenige kleine Buch, das ich, wiederum seit langer Zeit, schon deshalb nie suchen oder suchen lassen konnte, weil ich weder den Verfasser noch den Titel noch den Verlag kannte. Denn ich hatte es nur einmal, vor anderthalb Jahrzehnten, kurz in der Hand gehalten – und jetzt brauchte ich es dringend für mein neues Buch –: die Biographie eines wenig bekannten sächsischen Pfarrers, der eine vergessene (offenbar ganz an seine Person geknüpfte, mithin nicht tradierbare) hochwirksame Heilmethode beherrschte.
Solche bibliomagischen Ereignisse gehen bereits über das hinaus, was Bücher – als ferngelenkte Fahrzeuge, die den aufsuchen, der sie aktuell benötigt – ohnehin leisten.
Felix Richter ist, wenn er in seinem Antiquariat steht, ein magischer Mensch oder – da er als kontemplatives Gemüt diese Kennzeichnung ablehnen wird – ein Bewirker, daß sein Laden zu einem magischen Zentrum wird. Wir, er und ich, wundern uns schon lange nicht mehr darüber, daß – wenn wir einen Namen nennen, und sei es der eines Australiers, den wir, wie sich im Gespräch herausstellt, beide kannten – der jeweils Betreffende im gleichen Moment zur Tür hereinkommt.
Ich bin kein Kennenlerner von Menschen, ich kenne deren mehr, als mir lieb ist. Aber wenn ich zu einer „Stätte“ hin gerate – zu einem Ort, mit dem es etwas auf sich hat –, dann achte ich besonders auf diejenigen, die diese Stätte besuchen. In Felix Richters Antiquariat begegnete ich dem – in der Dimension der Zeit gesehen – zweiten meiner Münchener Freunde, meinem „getreuen Eckehart“ Georg Schneider (eine Bezeichnung, die von Felix Richter stammt). Ich begegnete dort, meist nur als zufällig Anwesender, bisweilen mit ins Gespräch geratend, Käuzen und Kennern, Arrivierten und latent Zukunftsträchtigen, heimlichen Kaisern und großartig Verschrobenen –: es ließe sich eine kleine Geschichte dieses Antiquariats schreiben „in Callots Manier“. Das eigentlich Geheimnisvolle ist und bleibt – denn nicht an den Ort, sondern an die Person ist all dies gebunden und ist mithin nun weitergewandert zur Adalbertstraße –, daß Felix Richter geradezu beispielhaft den Gegentyp des Managers darstellt, daß er unbefleckt geblieben ist vom Laster jener gräßlichen „Tüchtigkeit“, die unsere Gegenwart durchpestet und die nirgends peinlicher ruchbar wäre als gerade in einem Antiquariat.
Seine Verbundenheit mit dem Logos zieht die Bücher, zieht die Kunden, zieht die Freunde an und provoziert den personotropen Zufall, der in den Bücherregalen auf Lauer liegt.
Deshalb widme ich dem Freunde – als nachweislicher Nichtkenner des Chinesischen und dennoch Kenner dessen, was durch das Chinesische hindurchgesagt werden kann – den 34. Spruch des Tao Te King in freier deutscher Nachdichtung; es sei ihm und denen, die zu ihm finden, ein Wahrwort für den Neubeginn:
rechts kann es sein und links.
Das Geschaffene verdankt ihm sein Sein,
nie sperrt sich das Unsägliche zu.
Es vollzieht sein Wirken
ohne es Getanes zu heißen.
Es hüllt die Geschöpfe ein und speist sie,
aber tut nicht, als sei es Herr über sie.
Mithin: weil es ohne Betriebsamkeit waltet,
darf es dieserhalb klein genannt werden.
Mithin: weil sich die Wesen zu ihm hinkehren,
muß es mit dem gleichen Recht groß genannt werden.
Genau dieses gilt vom Träger des Unsäglichen:
Er will nicht als ein Großer gelten
und erwirkt eben deshalb das Walten des großen Geschehens.
Herbert Fritsche
8. April 1959
Hinweis zur Transkription
Transkription eines maschinenschriftlichen Typoskripts: Herbert Fritsche, Die Bibliomagie und der personotrope Zufall – zur Eröffnung des Antiquariats Felix Richter in München, Adalbertstraße 12, datiert 8. April 1959.
Quelle: Sammlung Zachmann (SZ). Weitere Angaben zur Provenienz liegen nicht vor.



