An Hans Blüher · 8. Mai 1954
Lieber und sehr verehrter Herr Blüher!
Vor einigen Wochen ließen Sie mir - wie wohl auch anderen Ihrer Freunde und Verehrer - zwei vervielfältigte Schreiben zugehn; das eine enthielt Richtlinien, Sie gegen den augenblicklich im Schwange befindlichen Vorwurf des Antisemitismus zu verteidigen, das andere war die Abschrift Ihres Briefes an Martin Buber. Ich hatte vor, Ihnen darauf sogleich zu antworten, aber längere Krankheit verhinderte mich daran.
Ums vorweg zu sagen - und damit ja kein Mißverständnis aufkomme: ich gehöre, Sie wissen es, zu Ihren dankbarsten und entschiedensten Verehrern. Ihr "Traktat" ist 20 Jahre lang eines meiner liebsten Bücher gewesen und wird es bleiben; zu Ihrer "Achse" und "Parerga" habe ich mich nicht nur öffentlich bekannt (und werde es immer wieder tun), sondern beide Bücher zählen für mich zu den Wichtigsten überhaupt, was ich je las; sie sind Marksteine in meinem Leben. Auch daß ich Ihnen "Erlösung durch die Schlange" widmete, war ein Bekenntnis, selbstverständlich.
Mithin nehmen Sie es nicht für eine Abtrünnigkeit, wenn ich - den Ernst Klett als den radikalsten Blüher-Bejaher kennzeichnet - Ihnen mit derselben Offenheit, die auch Ihr Werk charakterisiert, sage, daß mich Ihre beiden Schreiben in gar keiner Weise überzeugen.
Es ist durchaus Ihre Sache, zum Judentum zu stehen, wie es Ihrem Erlebnis und Ihrer Erkenntnis gemäß ist. Jedoch daß Sie im Tiefsten Antisemit sind (wobei ich offenlasse, ob es sich nicht im Aller tiefsten um einen verdrängten Philosemitismus handelt), das ist ja auf Grund Ihrer zahlreichen literarischen Dokumentationen nicht zu leugnen. Gewiß, Sie schreiben, Miserables und Niedertracht hätten Sie immer nur von Ihren Rassegenossen erfahren, von Juden hingegen Verständnis und Anerkennung. Nichtsdestoweniger sind alle Ihre Bücher voll von Affekt gegen das Judentum. Wenn Sie in Ihrer Autobiographie z. B. Klages (mit Recht !) eines unvornehmen "Stürmer"-Antisemitismus anklagen und man sich gerade darüber freut, dann fügen Sie hinzu, er selbst sei dabei ins "Mauscheln" geraten. Was ist das ein billiger Vorwurf: "Mauscheln". Es gibt keine edleren deutschen Sprachmeister als Martin Buber, Karl Kraus, Rudolf Borchardt und Hugo von Hofmannsthal – vom "Gemauschel" dieser Juden könnten sich ganze Hundertschaften sprachverhunzender Arier mehr als eine Scheibe abschneiden. Auch wenn Sie, lieber, sehr verehrter Herr Blüher, von "Synagogenverschwörung" u. dgl. reden, so sind das beim besten Willen Vokabeln aus dem Arsenal des Allerwelts-Antisemitismus. Sie sagen nun, Sie hätten sich stets gegen Pogrome gewandt usw. - und niemand wird Ihnen einen Vorwurf in dieser Richtung machen. Überhaupt ist Ihnen kein Vorwurf zu machen, es ist ja Ihre Sache, welchen Standpunkt Sie haben und vertreten. Nur Ihre beiden Schreiben berühren mich sonderbar.
Da wollen Sie, daß man Sie gegen den Antisemitismus verteidige - und reden gleich zu Beginn dennoch von Ihrer "antijüdischen Grundhaltung". Ist das nicht nur eine Umschreibung für Antisemitismus?
Sie bemühen für diese Ihre antijüdische Grundhaltung Ihre Theologie und sagen, da Sie auf christlicher Seite stünden, müssten Sie notgedrungen ein Gegner des Jüdischen sein. Bitte sagen Sie mir, weshalb – um alles in der Welt - wir Sie da "verteidigen" sollen? Würde ich sagen: Hans Blüher ist derart Christ, daß er von daher eine "antijüdische Grundhaltung" bezieht, die bis zu den Vorwürfen des "Mauschelns" und der "Synagogenverschwörung" reicht, so drückte ich doch nur präzis die Situation aus.
Weiter: Sie erklären, die Juden seien "Gastvolk", welches "die Kriegshelden meines Volkes schmäht" - - das muss ich doch schon mal wo gehört haben? Welche "Kriegshelden"? Hitlers Roboter? Den Admiral Dönitz? Den Reichsmarschall? Oder Ihren Großen aus Doorn? Lieber und sehr verehrter Herr Blüher, Sie sind von A bis Z ein G e i s t i g e r, das ist doch unleugbar. Wenn Sie sich jetzt plötzlich zur Verteidigung Ihres Antisemitismus mit den Ritterkreuzträgern solidarisch erklären: nun, auch in Ihrem (und meinem) Volk gibt es genug Menschen, die das Wirken für Positives höher veranschlagen als das Sichhervortun im technisch-totalen Krieg. Insofern brauchten Sie nicht Antisemit zu sein. Schreiben Sie nun gar von den "Visagen der Literaten-Helden" der Juden, so muß ich sagen, daß solche Formulierungen einfach unter Ihrer stilistischen Würde sind. Die "Visagen" Bubers, Hofmannsthals, Beer-Hofmanns und anderer können sich neben denen der Kriegshelden, etwa des sanft vertrottelten Hindenburg oder des peinlich-unsympathischen Ludendorff, durchaus sehen lassen. Und nun muten Sie uns zu, Sie gegen den des Antisemitismus zu verteidigen, wenn Sie derartige Julius-Streicher-Töne anschlagen?
Sie, lieber und sehr verehrter Herr Blüher, sind für mich viel zu groß und zu bedeutend, als daß ich nicht die Pflicht spürte, Ihnen das offen zu sagen, auf Gefahr hin, von Ihnen "abgebucht" zu werden.
Das Geheimnis der jüdischen Tragik liegt sehr viel tiefer, als die Ihrer Schreiben es darstellt, das auf die unerfreulichen Argumenten hinausläuft: "sie haben unseren lieben Heiland gekreuzigt und wollen noch immer nicht an ihn glauben" und "als Gastvolk schmähen sie unsere Kriegshelden". Daß dieses Geheimnis tiefer liegt, weiß im Grunde niemand besser als Hans Blüher. Warum also ruft er seine Freunde auf, ihn zu verteidigen, indem er auf solche Weise denen nur allzu recht gibt, die ihn für einen billigen Antisemiten ausgeben?
Weit erschreckender aber als besagtes Schreiben, das zur Verteidigung aufruft (haben Sie die nötig?), ist für mich die Abschrift Ihres Briefes an Professor Buber. Hier bin ich sowieso in stärkstem Zwiespalt. Als ich im August 53 mit Professor Buber zusammentraf und von mir aus - selbstverständlich ohne Ahnung von Ihren Differenzen - Sie, lieber und sehr verehrter Herr Blüher, nannte, da war es für mich ein menschlich schönes Erlebnis, mit welcher Freundschaft und Wohlwollen Buber von Ihnen sprach trotz dessen, was Sie ihm (ich darf's so ausdrücken) seinerzeit eingebrockt haben. Ihr Brief an ihn nun ist aus ganz anderer Gesinnung geschrieben. Der Antisemit, der einen Juden schwer beschuldigte – so schwer, daß dieser Jude dadurch in die bekannten hochnotpeinlichen Verlegenheiten kam -, wird groteskerweise auch jetzt noch, mehr als 20 Jahre später, zum gereizten Angreifer des schon damals Angegriffenen.
Professor Buber sagte mir - nochmals ohne Ressentiment und mit versöhnlichstem Humor -, er habe Ihnen auf Ihren seinerzeitigen Geburtstagsbrief nicht, wie Sie sagen, ein "Sündenregister", sondern ein "Druckfehlerverzeichnis" gesandt. Die Behauptungen, die Sie kurz vor Hitler über ihn publizierten, waren falsch - auch dann, wenn Sie sie guten Glaubens publiziert hatten. Daß er nun, nachdem ihm dadurch allerlei zugestoßen war, von Ihnen erwartete, Sie würden ein richtigstellendes Wort finden, ist nur recht und billig. Das sehen Sie in Ihrem Brief an ihn nun für erzjüdischen Zorn an und sagen, friedlicher Germane der Sie sein wollen: "Wir können das nämlich nicht" ("wir" Nichtjuden), zugleich aber demonstrieren Sie seitenlang, wie gut Sie es können. Sie verstigen sich sogar dahin, an Buber zu schreiben, er sei der Todfeind Ihres Vaterlandes. Lieber Herr Blüher, Ihr ununterbrochen mit Pauken und Trompeten gefeiertes Vaterland samt seinen Kriegshelden ist auch das meine, haargenau gerade so gut wie das Ihre - - und ich kann mit der Laterne vergebens Menschen suchen, die diesem unseren Vaterland so Edles, so Kostbares, so Menschliches geschenkt habe wie Martin Buber. Es ist ja nicht so, daß Sie das Deutschtum gepachtet hätten und nun uns andere einfach ausklammern. Gegen den "Todfeind unseres Vaterlandes" protestiere ich als Deutscher, weil es einfach eine affektrasselnde Beschimpfung eines der Besten ist, die sich heute der deutschen Sprache bedienen.
Alles das - ich sage es zum dritten Mal - schreibe ich Ihnen als gänzlich dankbarer Verehrer Ihres Werkes und als das, als was Sie mich selbst mehrfach bezeichneten: als Ihr Freund. Ich nehme an, daß Sie die Größe haben, aufrichtige Freundesworte als solche hinzunehmen und in ihnen nicht eine Absage zu sehen.
Geradezu erheiternd in Ihrem Buber-Briefe ist der Dreh, den Sie mit den Geschichtsfälschungs-Dokumenten anwenden. Der gefälschte Brief des angeblichen "Fürsten der Verbannung", den Sie für Ihre antisemitische Schrift ausschlachteten und von dem Sie zugeben, daß Sie ihn als Maschinendurchschlag aus anthroposophischen Kreisen zugesteckt erhielten, ist für Sie ebenso wie die fürchterlichen "Protokolle der Weisen von Zion" - obwohl Sie sich über den Fälschungs-Charakter beider Dokumente klar sind – "reine Geschichte". Sie sagen gleichsam: Ob das nun tatsächliche jüdische Selbstbezeugungen sind oder nicht, interessiert mich nicht, den auf der Ebene der "reinen Geschichte" sagen dies kümmerlichen Dokumente des Hasses die Wahrheit – und ich, Hans Blüher, habe mich nicht an historische Fakten zu halten, mir genügt, wenn etwas "im Geiste" richtig ist. Damit werden Sie, der Entdecker des Objektiven, zu einem Subjektivling, daß einem graut, stellen Sie sich bitte vor, einer Ihrer Feinde würde Ihren menschlichen Bedingtheiten, Schwächen, Irrtümern, Überspitzungen (von denen ja niemand frei ist, am wenigsten ein Genie wie Sie) sorgsam exzerpieren, vergrößern, ins Kriminelle steigern und alsdann publizieren als eine Selbstbekundung Hans Blühers. Wenn Sie nun gegen diesen Mann und dieses gefälschte Dokument vorgehen, dann sagt er: Ob das Hans Blüher geschrieben hat oder nicht, ist uninteressant, aber auf der hohen Ebene der "reinen Biographie" hat es Gültigkeit.
Sie, lieber und sehr verehrter Herr Blüher, lieben Leute wie Tucholsky usw. nicht. Ich kenne auch Edleres als diese. Aber als diese Leute damals zwischen 1920 und 1933, Deutschland als das Land des Terrors, des Willens zum Kriege, des Machtwahns und der Unmenschlichkeit hinstellten, da war das gewiß unrichtig. Und dann kam Hitler, der alles übertraf, was die Tucholskys sich je ausgemalt hatten. Kämme nun einer und sagte: Tucholskys und anderer, ähnlicher Leute Deutschland-Bild hat dokumentarischen Wert, wenn's auch nicht stimmt, die Geschichte hat es dennoch bestätigt, also gehe dieses Bild als Faktum in die Geschichte ein - -, so täte dieser Jemand umgekehrt genau das, was Sie mit Ihrem "Fürsten der Verbannung" und mit den "Protokollen der Weisen von Zion" tun.
Mir ist es im Tiefsten leid, daß ein Mann Ihres Ranges, lieber und sehr verehrter Herr Blüher, heute noch um sich schlägt mit einem Vokabular wie "Mauscheln", "Synagogen-Verschwörung", "Literaten-Visagen" usw. und sich sogar dahin versteigt, Martin Buber als Todfeind unseres Volkes zu kennzeichnen. Die Todfeinde unseres Volkes, lieber Herr Blüher, kamen aus arischen Chromosomen und entwürdigten den Menschen nach den Muster des Sergeanten Himmelstoß, eine Entwürdigung, die Ihnen gottlob während zweier Kriege erspart geblieben ist, sonst hätten Sie vielleicht über die Kriegshelden eine etwas gedämpftere Meinung.
Eines Tages - denn Vernichtung hinterläßt nur Asche - wird aus unserem Volk (nicht nur Ihrem, auch meinem) nicht das Ritterkreuz des Herrn XYZ oder die Standarte der Feldherrenhalle oder die Neo-Monarchie Ihres "Gastvolk"-Freundes Professor Schoeps herausragen, sondern die Leistung des Geistes. Und da gehören Sie zu den Gipfeln. Sie und Buber. Keiner weiß dann mehr, daß Sie Buber feindlich und er Ihnen versöhnlich gesonnen war. Also wozu der rassistische Lärm.
Ich liebe Sie und Ihr Werk so, daß ich Ihnen von Herzen wünschen möchte, Sie würden unversehens eine jüdische Großmutter in Ihrer Ahnentafel entdecken. Dann könnte man endlich einmal vollen Herzens Blüherianer sein, ohne den lächerlichen "Judenfrage"-Krawall mitschlucken zu müssen, der Ihres Ranges und Ihres Geistes gar nicht würdig ist.
Werden Sie mir diesen Brief verzeihen? Ein weniger Ihnen Zugetaner hätte ihn Ihnen bestimmt nicht geschrieben.
In Herzlichkeit und Verehrung grüßt Sie, getreu wie immer,
Ihr
Herbert Fritsche
